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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 53)

Kunst hat bei der Schöpfung von 
Gebrauehsgegenständen schon im- 
mer eine Rolle gespielt. Aber sie 
äußerte sich früher mehr in dem 
künstlerischen Ehrgeiz des Hand- 
werkers, etwa eine Schüssel genau 
so schön wie handlich zu machen. 
In höherentwickelten Gesellschaf- 
ten kam das Moment der „Kunst 
um der Kunst willen" hinzu. Ein 
Tisch zum Beispiel wurde lieber ge- 
kauft, wenn er mit lntarsien ver- 
sehen war. 
Auch heute spielt die künstlerische 
Gestaltung als Verkaufsanreiz eine 
Rolle. Aber sie hat darüber hinaus 
einen viel tieferen Grund. Wir ha- 
ben nämlich erkannt, daß wir in 
unserer nüchternen Zeit nur über 
den Umweg der Kunst mit unseren 
Maschinen auf freundschaftlichem 
Fuße zu leben vermögen. 
Ob Ölraffinerie, Elektronengehirn 
oder Werkzeugmaschine - sie alle 
bedürfen der Kunst, und es ist be- 
zeichnend, daß die Kunst - einst 
als luxuriös, aber unnötig angese- 
hen - heute nicht nur als „Zugabe" 
ihren Einzug in die Fabriken hält, 
sondern als notwendige Voraus- 
setzung geradezu gefordert wird. 
Viele der schönsten Industrieformen 
von heute wirken deshalb schön auf 
uns, weil sich die Form zwar dem- 
Zweck anpaßt, der Zweck aber 
nicht die Form diktiert. So gilt z. B. 
das Flugzeug als klassisches Beispiel 
der rein funktionellen Form. Doch 
versichern Aerodynamiker und Kon- 
strukteure, daß es eine ziemlich 
weite Formenskala für den Entwurf 
von gleichbleibend flugtüchtigen 
Flugzeugen gibt. Das Flugzeug hat 
aber nicht nur wegen seiner Funk- 
tion diese oder jene Form. Maß- 
gcl-icnd sind auch Material und an- 
dere Faktoren seiner Konstruktion. 
Die alte Vorschrift, wonach die 
Form dem Zweck zu folgen habe, 
wurde daher revidiert und heißt 
heute: „Die Form folgt dem Zweck 
nur so weit, wie der Konstrukteuer 
es für gut hält." Betrachten wir bei- 
spielsweise eine elektrische Bohr- 
maschine, zu deren Antrieb der 
gleiche Motor verwendet wird, der 
auch andere Geräte antreibt. Der 
Motor verändert seine Form nicht. 
wohl aber das Gehäuse. Ihm muß 
sowohl vom Künstlerischen als auch 
vom Funktionellen her Rechnung 
getragen werden. 
Selbstverständlich ist es nach wie 
vor notwendig, die Kunst auch wei- 
terhin als einen gewissen Verkaufs- 
anreiz in die Kalkulation mit ein- 
zubeziehen. Das geschieht vor allem 
durch immer neue liormgebung 
eines Artikels. Ein gutes Beispiel 
für den ständigen, aber keineswegs 
immer ästhetisch bedingten Wech- 
sel der Form ist das amerikanische 
Automobil. Praktisch erscheint es 
jedes Jahr iin neuem Gewande; aber 
nicht deshalb, weil neue Ideen die 
Karosseriekonstrukteure dazu zwin- 
gen, sondern um den Verkauf zu 
steigern. Die gleiche oftmaligc Um- 
gestaltung u.m der Marktbelebung 
willen findet man vielfach bei 
Elektrogeräten. 
Die erfolgreichsten und schönsten 
lndustrieformen sind gewöhnlich 
solche, in denen sich Funktionelles, 
Kommerzielles und schöne Form 
harmonisch verbinden. Deshalb fin- 
den wir unsere besten Formen auch 
immer wieder bei hochqualifizier- 
ten Präzisions- und Spezialinstru- 
menten. Und hier ist der Punkt, an 
dem die Kunst ihren mächtigsten 
Einfluß auf die Technik und die 
Technik ihren mächtigsten Einfluß 
auf die Kunst ausüht. Wich- 
tig an der modernen Formgebung 
sind Einfachheit und Zweckmäßig- 
keit. Der Kunstkriliker Sheldon 
Cheney sagte einmal: „Die Ma- 
schinen in einem Kraftwerk strah- 
len eine Faszination der Form und 
der Linie aus, die jeder, der etwas 
von Kunst versteht, fühlen muß." 
Viele Wirkungen der modernen 
Kunst wären ohne das Material, das 
die Technik geschaffen hat, genau- 
so wenig möglich wie die Wirkuna 
gen der modernen Architektur und 
der Industrieformen ohne die Ex- 
perimente der modernen Kunst. 
Doch trotz aller Wechselwirkungen, 
die Kunst und Industrie aufeinander 
ausüben, besteht ein großer Unter- 
schied zwischen dem Malen eines 
Bildes und der Herstellung eines 
Stuhls als Massenartikel. Dennoch 
können wir getrost einen Blick auf 
die Plastik-, Holz- oder Metall- 
stühle eines Formschöpfers wie 
Charles Eames werfen, und wir 
werden feststellen, wie nahe ver- 
wandt die schönen Künste mit der 
lndustriekunst sind. Wir dürfen die 
Technik heute nicht einfach nur 
tolerieren - wir müssen uns ihrer 
freuen können. 
Ralph (Japlan ist Redakteur der in New York. erxcbeinenrlen Zeitschrift 
„Industrial Design" 
an
	        

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