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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 56 und 57)

Kirchenkörper so auffallend gelöste Stellung erge- 
ben: die nahezu unaufhörliche pyramidale, im voraus 
auf die Abschlußspitze berechnete Verjüngung. Bis 
zum harten, waagrechten Gesimse über dem Glocken- 
hause sind die im Winkel von 900 an die Turmkanten 
versetzten Eckstrebenpaare Träger dieses steten, 
durch furtwährendes Zurücktreppen und Einschalten 
von Baldachinen bewerkstelligten Abbaus der Masse, 
wogegen die mit Paneelwerk aufgelockerten Füll- 
mauern, die eigentlichen Turmwände, nur bei den 
geschoßteilenden Gesimsen, am stärksten hinter dem 
 
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Dreiecksgiebel leicht zurücktreten. Gleich über dem 
Gesimsabschluß der Glockenstube löst sich die fast 
zur Gänze aufgebrauchte Masse der Eckstrebenpaare 
in Baldachine auf, die darüber noch vorhandene 
Strebenmasse verklingt mit Kreuzblumen und er- 
scheint gerade an jenem Punkte restlos aufgezehrt, 
wo sich der Übergang vom vierkantigen Turmkörper 
zum achtkantigen Gebilde des mittleren Turm- 
abschnitts vollzieht. Über dem Gesimsabschluß der 
(ilockenstube sitzen Verschränkte dreieckige Doppel- 
giebel auf, die das Motiv des darunter eingeführten 
großen Maßwerkdreiecks wieder aufgreifen. Durch 
das Dreiecksgiebelpaar und das Hinüberwachsen der 
Strebenreste über das Gesimse des Glockenhauses 
wird T urmunterbau und Mittelteil offensichtlich ver- 
klammert. Auch helfen die Doppelgiebel, neben 
deren oberstem Schenkelteil der durch einen Balda- 
chin geschickt maskierte Übergang vom viereckigen 
zum achteckigen Turmkörper vollzogen wird, diesen 
Vorgang glücklich zu verschleiern. Der nun acht- 
seitig gewordene Mittelteil des Turmes wird von 
gesondert hochgeführten Riesenüalen begleitet, wel- 
che über den vier Kanten des Turmunterbaus auf- 
wachsen. Diese Eckfialen und die Kantenverstärkung 
des achtseitigen Turmgeschosses sind grundsätzlich 
einheitlich behandelt, wodurch der Aufriß des mitt- 
leren T urmabschnittes durch vier parallel zur Höhe 
schießende, sich selbst wieder durch fortwährenden 
Abbau der Steinrnasse verjüngende Bauglieder ge- 
prägt wird. Das lanzettlich gestaltete Fenster des 
achteckigen Turmkörpers vermag nur mehr zwei- 
geteilt zu werden, steigt zwischen den Schenkeln der 
Doppelgiebel empor und wird von einem Wimperg 
bekrönt, über dessen Kreuzblume die Ansatzstelle 
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des Helms erreicht ist. Die Galerie an seinem Fuße 
wird durch eine durchbrochene Maßwerkbrüstung 
verhüllt, und nur die darunter vorstürzenden zwiälf 
Wasserspeier verraten, daß von dort ab der Turm- 
körper offen ist. Über den Gang rings um den Helm- 
ansatz schießt ein Wald von zwanzig Fialenspitzen 
hoch, zu dem sich noch acht weitere Fialen gesellen, 
die zwischen den Dreiecksgiebeln des Helmfußes 
stehen. Der Stil des achteckigen Helms verrät eine 
andere Hand: schon die Wlimperge an seinem unteren 
Beginn sind mit Fischblasenrnnßwerk gefüllt, der 
steile, fast senkrechte Aufstieg der acht Rippen und 
das zweimalige Aufzucken weiterer Giebelkt-anze 
mit Fialen kann keineswegs dem Urentwurf des aus- 
gehenden 14. Jahrhunderts, aber auch nicht der Hand 
Peters von Prachatitz angehören. Wahrscheinlich hat 
Hans von Prachatitz für den Helm einen eigenen 
Plan entwickelt, der mit seinem zackigen Kontur 
bereits eine spätere Stilstufe der Gotik, den „Knittcr- 
stil" vorwegnimmt, doch die große Einheitlichkeit 
des gesamten Aufbaus nicht empfindlich stört. Das 
kostbarste Stück des Turmes bleibt der unter der 
Leitung Peters von Prachatitz aufgewachsene Mittel- 
teil, dessen geschmeidige Verschleifungen und sanf- 
te Übergänge die offensichtlichen baukünstlerischen 
Entsprechungen des „W'eichen" Stils sind, für dessen 
Begriffsformulierung ursprünglich die Erscheinungen 
der gleichzeitigen Plastik und Malerei gedient hatten. 
Mit seinen vorhin geschilderten Eigenheiten steht 
der Hochturm von St. Stephan völlig allein da: die 
deutschen Riesentürme von Freiburg und Straßburg 
kennen die Verschleifung der Übergänge von Sockel- 
geschoß, Mittelbau und Helm nicht, wirken aber 
durch ihre luftige Auflösung weitaus filigraner als 
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der Wiener Bällhllllvt, Nr. 10.998. 
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