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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 56 und 57)

Stellt man nun einmal die Klosterneuburger Madonna 
f die das Kind links tragt f spiegelverkehrt neben 
die Madonna Colli, so stellt man überrascht fest, 
daß der Faltenaufbau im Grundsätzlichen große 
Ähnlichkeit aufweist, wenn auch die Zahl der 
Schüsselfalten größer, die Ausarbeitung im einzelnen 
unendlich viel feiner ist. Trotzdem gehen viele 
Übereinstimmungen der Anlage bis in die Details; 
ein Beispiel für viele sei der schleifenartige Auslauf 
der Schleppfalte „rechts" unten. Die Quellen für 
diesen Faltenaufbau liegen noch weiter zurück; 
es ist auf die Figuren der Wehinger Kapelle in 
Klosterneuburg (um 1397) zu verweisen, was hier 
aber nicht näher ausgeführt werden kann. 
Zwei mögliche Schlüsse lassen sich aus den genannten 
Beobachtungen ziehen. Entweder: bereits gegen 
oder um 1400 sind Faltensysteme in der Kloster- 
neuburger Art im Kunstkreis der Schönen Madon- 
nen möglich; denkbar ist ein verlorenes Werk von 
ähnlicher Qualität wie die Pilsener Madonna, im 
Aufbau des T ypus Louvre-Colli und vom Reich- 
tum der Pilsener bzw. Klosterneuburger Madonna. 
Die Louvre- und die Colli-Madonna sowie die 
hl. Margaretha in Vigaun wären dann Reduktionen 
dieses verlorenen Werkes. Oder aber: die älteste 
dieser drei Figuren stellt eine Reduktion des Pil- 
sen:r Typus dar, der jedoch nach dem Kloster- 
neuburger Typus hin abgewandelt wurde. Die 
Gruppe Louvre-Colli belegte dann Wiener Einfluß 
auf eine Salzburger Werkstätte 7 eine Annahme, 
die viel für sich hat. 
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Dieser Versuch, die Entstehung des Types Louvre- 
Colli der Schönen Madonnen zu erklären, befindet 
sich allerdings im Widerspruch zu der Zuweisung 
und Datierung beider Madonnen durch Springerl-l). 
Er schreibt beide Werke dem Meister der Madonna 
von (iroßgmain zu, datiert die Madonna Colli 
kurz vor 1400 und die Louvre-Madonna gegen 
1415. (Kieslinger hingegen datiert die Madonna 
Colli auf ca. 1415 14).) Die Zuweisung an den Meister 
der Großgmainerin ist aus Qualitätsgriinden völlig 
unhaltbar; sie mag hier übergangen werden. Aber 
auch die frühe Datierung der Madonna Colli Endet 
in unseren bisherigen Überlegungen keine Stütze. 
Die mehrfach gekennzeichnete Umwandlung räum- 
licher Motive in Hächenhafte Bezüge spricht nicht nur 
für eine Posteriorität der Madonna Colli und der 
Louvre-Madonna, sondern auch für deren nicht 
allzu frühe Entstehung an sich. Vor dem zweiten 
Jahrzehnt des 15. jahrhunderts möchte ich alle diese 
Figuren nicht einreihen, sondern als ungefähren 
Entstehungszeitraum etwa das jahrfünft von 1415 
bis 1420 vorschlagen. Dabei scheint mir ein Qualitäts- 
vergleich innerhalb der Gruppe zugunsten der 
Louvre-Madonna auszufallen; manche Argumente 
hierfür waren schon genannt, hinzu kommen der 
lebendigere Ausdruck des Gesichtes, die lebhafte, 
besser durchgeformte Gestaltung des Kindes. 
Nimmt man die Kopfweh-Variation bei der Madonna 
Colli als bewußten Versuch, eine genaue Kopie 
des schon einmal vorhandenen Typus zu vermei- 
den, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, daß die 
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Rückansicht 
 
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