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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 56 und 57)

donnen ist auch die Mutter- 
gottes aus Krumau aus Kalk- 
stein geschaffen; doch es scheint 
fast, als ob sie der Bildhauer aus 
Ton geformt hat, wenn man 
sieht, wie sich das Fleisch des 
Kindes unter der Mutterhand 
wölbt. Leider sind neben anderen 
kleineren Beschädigungen das 
linke Bein und die rechte Hand 
des Knaben verlorengegangen; 
wir können jedoch nach einer 
erhaltenen Replik schließen, daß 
er in kindlicher Unbefangenheit 
einst dem andachtsvollen Be- 
trachtet mit der Rechten einen 
Apfel darbot. ln diesem Hinein- 
greifen in den Raum und der 
naturnahen Durchformung zeigt 
sich mit aller Deutlichkeit der 
Wandel, der zwischen der Bres- 
lauerin und der Krumauerin liegt. 
Es ist der Weg zur wirklichkeits- 
nähe und zur seelischen Indivi- 
dualisierung, wie er sich bereits 
in den Skulpturen der Parler- 
Zeit, vor allem in den Triforiums- 
büsten des Prager Veitsdomes 
aus der Zeit um 1370[90, ange- 
bahnt hatte. 
Auf der Suche nach den Vorstufen 
und dem Ausgangspunkt der 
Schönen Madonnen ist immer 
wieder auf Prag gewiesen Wor- 
den. Hier war unter Kaiser 
Karl IV. ein Kunstzentrum entstan- 
den, das weit über die Reichs- 
stadt ausstrahlte und lange Zeit 
noch unter seinem Sohn Wenzel 
wirkte. Zwei Strömungen Waren 
es vor allem, die die deutsch- 
böhmische Kunst seit der Mitte 
des vierzehnten Jahrhunderts be- 
einHußten: die eine war vom 
Süden, aus Italien, gekommen 
mit einer Wendung zu größerer 
Festigkeit der Form und Kla- 
rung der räumlich-plastischen Ver- 
hältnisse; die andere Richtung 
- ausgehend von Peter Parler 
und seiner Bauhütte - zeigte 
neben einem starken Zug zu 
einer realistischen Auffassung 
Tendenzen auf, die sowohl in der 
Architektur wie in der Plastik 
bereits als früher Ausdruck des 
„Weichen Stils" angesehen wer- 
den können: sanftfließende Be- 
wegungen, ineinandergehende, 
auf- und absteigende Raum- und 
Linienformen. Einflüsse der Pla- 
stik auf die Schönen Madonnen 
lassen sich nicht schlüssig nach- 
weisen. Eine Bestandsaufnahme 
der böhmischen Skulpturen vom 
letzten Drittel des vierzehnten 
Jahrhunderts steht noch aus. Zu- 
viel ist wohl auch in den Hussiten- 
wirren verlorengegangen. Doch 
die Malerei der Epoche gibt 
erschöpfende Auskunft und Hin- 
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