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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 56 und 57)

in eine ganz undurchsichtige Gnadenordnung Gottes, die wir bedingungslos anzunehmen haben. Derselbe 
d'Ailly hatte Hus, den Prager Kollegen, verhaften lassen . . . 
Mit kaiserlichem Brief vom 17. Juni 1369 erklären Papst Gregor XI. und Kaiser Karl IV. feierlich ihren 
festen Willen, die Ketzerei auszurotten und alle Bücher, Schriften und Predigten in der Volkssprache dem 
Scheiterhaufen zu übergeben. Damit verfallen auch Meister Eckharts Schriften und das große, reiche, volks- 
sprachige Werk der deutschen Mystik der Vernichtung. Ein Abgrund tut sich auf, zwischen den in ihrer 
ÄIIJICFSPIBCIIC erwachenden Völkern und der an der lateinischen Sprache der Kirche und Universität fest- 
haltenden Herrenwelt. Die Kunst, die Malerei und Plastik wohl vor allem, hat (wohl unbewußt) versucht, 
die Krisen und Katastrophen in diesem spätmittelalterlichen Europa zu überbilden. 
Claude Perroy, einer der besten französischen Kenner der westeuropäischen Geschichte dieser Epoche, 
hat die englisch-burgundisch-französische Streitwelt des 14. und 15. Jahrhunderts „une communaute dans 
la haine", ein Gemeinschaft im Haß, genannt. Es kommt da zu wütenden Haßausbrüchen: von Engländern 
gegen die „bösen Franzosen", von Franzosen gegen Engländer und gegen „schlechte Franzosen", gegen 
die Kollaborateure auf seiten der englischen Okkupanten. Deutscher Volkshaß entzündet sich gegenüber 
den Völkern des Ostens, ihm entgegnet tschechischer und polnischer Volkshaß. 
Die Kirche hat ihre pontinkale Kraft des Brückenbaucns verloren, ist selbst tief zerrissen. Auf die „avigno- 
nesische Gefangenschaft" 1309777, in der zumindest in den Augen der anderen Nationen das Papsttum 
zu einem politischen Spielball in der Hand der französischen Könige geworden war, folgt ein Schisma 
(137871417), in dem Papst gegen Papst, Bischofgegen Bischof stehen, folgt eine Zeit der Reformbemühungen, 
deren Scheitern auf den Konzilen von Konstanz (1414718) und Basel (1431-49) Europa reif macht für 
die Reformation. Die Enttäuschung über das Scheitern der Reformbemühungen erweckt Wellen von Haß 
gegen Kirche und „Rom" in breiten Volksschichten in West- und Ostmitteleuropa. 
In den kirchenpolitischen Wirren dieser Zeit sind nicht selten große Städte in Italien und Deutschland Jahre 
und Jahrzehnte im Kirchenbann, ohne reguläre Seelsorge. Ketzerverbrennungen auf der einen Seite, ein 
massiver politischer Widerstand deutscher Städte gegen ihre Bischöfe und gegen die Kurie (1313 in Mainz, 
1330 in Köln, 1355 im Rheinischen Kirchenbund, 1372 im Manifest der Kölner Liga) zeigen die VerHlzung 
und Vcrklemmung der wirtschaftlichen, politischen, religiösen Interessen auf. „Krieg den Reichen und den 
Priestern": das ist 1323 in Ypern und 1328 in Brügge die Parole der Volkserhebung. Der burgundisch-Handri- 
sche Raum, ein Zentrum der Kunst und Kultur und der „Industrie", der Wollwirtschafr Wfesteuropas, wird 
von schweren inneren Kämpfen erschüttert. Die Erhebung in Gent (Jakob Arteveld strebt eine Diktatur 
der Arbeiterschaft an, 133871375) löst eine europäische Bewegung aus. In der Schlacht von Roosebecque 
fallen 26.000 Arbeiter. Die burgundischen Herzoge werfen die Aufstände in Brügge (1436738), Gent 
(1431736, bis 1448), Lüttich und Dinant nieder. Pariser Erhebungen linden 1356, 1358. 137971382, 1413 
statt. In Deutschland kommt es zu Revolten in Straßburg, Köln, Regensburg, Würzburg, Bamberg, Aachen, 
Halberstadt, Lübeck... In Italien (Florenz hat 22.000 Bettler) kommt es zu Erhebungen der „unteren 
Massen" etwa in Bologna (1376), Genua (1339), Siena (135571370) . . . In der Jacquerie, im großen französi- 
schen Bauernaufstand, der 1358 beginnt, werden 20.000 „Elende", landlose Heimatlose, hingerichtet. 
In diesem Europa wütet 134871350 die Pest, entvölkert Städte und Landschaften. Seither verfallen in vielen 
Gebieten die Städte, die ihre Blütezeit im 12. und 13. Jahrhundert gehabt haben, die Bevölkerung lebt oft 
bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts innerhalb der viel zu großen städtischen Anlagen. Riesige leere Kirchen und 
Klosteranlagen stehen vereinsamt in einem entvölkerten Land, sehen auf ein Volk, das innerlich diesen 
Machtbauten zutiefst entfremdet ist. Am Weihetag des Kölner Domes, am 26. September 1357, predigt 
Johannes Tauler, der große Schüler des Meisters Eckhart: die wahre Kirche ist im imvendigen Menschen; 
das Reich Gottes ist in der Seele, im „Herzen". 
Von all dem scheint uns die große Kunst dieser Zeit nichts oder wenig zu berichten. Darf man in der Apo- 
kalypse von Angers einen (unbewußten) Reflex der großen Unruhe in dieser Zeit erblicken? Oder wird hier 
nur ein Thema behandelt, das seit der Apokalypse des Beatus im europäischen Raum abgehandelt wird? 
Der Prunk und der Prunkwille nehmen, wie einst Jan Huizinga gezeigt hat, im burgundischen „Herbst 
des Mittelalters" noch zu, bekunden sich in höfischem Zierat, im Schmuck, in Allegorie und Symbolik, in 
Schmuck und Feierwerk eines Adels, der seiner gesamteuropäischen Verwandtschaft mitten in steter Fehde 
sehr bewußt ist. Vielleicht ist nichts charakteristischer für diese europäische adelige Fest-, Feier- und Fehde- 
gemeinschaft als ein seltsamer Sport, der sich gerade in dieser Zeit ausbildet: zu einer neuen Jagdsaison, 
zu einer eigentümlichen Jagd, fährt ein englischer, burgundischer, französischer und westdeutscher Adel 
im Frühjahr ins Deutschordensland, nach Osten, um sich auf Einladung des Ordens an den iahreszeitbedingten 
Kämpfen mit den „heidnischen" Ostvölkern zu beteiligen . . . 
Unbeirrt, so scheint es, durch den beginnenden Verfall vieler Städte und durch die Kämpfe in der Stadt und 
um die Stadt, entwickelt sich jenes „Kunstgewerbe" weiter, das seinen hohen weltlichen und geistlichen 
Auftraggebern termingerecht das luxuriöse Prunkwerk liefert. Um 1345 kommt es zum ersten westeuropäischen 
Bankrott, zur „Wirtschaftskrise" großen Stils: 1344 verweigern die Könige von England, Frankreich, Neapel 
die Rückzahlung der von Florentiner Bankiers geliehenen Gelder, der Zusammenbruch daraufhin der führen- 
den Florentiner Bankhäuser im folgenden Jahr löst die Krise und den Umbau der beginnenden Staatswirtschaft 
in Westeuropa aus. Karl IV. baut sein „goldenes Prag" auf. . . 
Einige der schönsten Rathäuser Deutschlands sind imDreißigjährigen Krieg gebaut worden. Dies kann uns, wie 
die europäische Kunst um 1400, auf die Vielschichtigkeit europäischer Verhältnisse und auf ein spezifisches 
Vermögen des Menschen aufmerksam machen: während, wenige Meilen entfernt, Krieg und Kriegsbrand 
wütete, ja, selbst wenn das eigene Haus 7 die eigene Stadt hochgefährdet ist: unverwirrt arbeitet der Mensch 
weiter, um sein tägliches Brot zu verdienen, und feiert und tafelt und fester, schafft sich eine Feierkultur in 
raffmiertesten Formen, um dies zu überbrücken: die Krise der Jahre und Jahrzeiten, der Geburt und Hochzeit, 
zuerst und zuletzt den Tod. Schönheit soll ihn beschwören, Reichtum soll den Hunger vergessen machen, 
festliche Musik soll den langgezogenen Klang der Klage übertönen. Auch dies ist eine Perspektive der großen 
Kunst in diesem höfisclten Herbst des Mittelalters, der sich zwei Jahrhunderte lang farbenprächtig ausfaltet. 
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