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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 56 und 57)

WALTHER BUCHOWIECKI Die Wiener Damhaubülte gzrixeben 7380 und 7430 
Der Idarblnrzn um: Ät. .i'tepban in l-Vlifll 
Die am 14. März 1383 vollzogene Weihe des IIoch- 
altares der Stiftskirche zu Zwettl bedeutete den 
baulichen Abschluß des schon seit 1343 in Arbeit 
beHndlichen gewaltigen Chorhaupts der Zisterze. 
Dem Planverfasser, Meister Jans, von dem Buberl 
wohl mit Recht die Zugehörigkeit zur Wiener Hütte 
annahm 1), wurde vom Bauabt Otto ll. (irillo wahr- 
scheinlich nur eine aus Frankreich stammende 
Grundrißskizze übergeben, mit welcher, auf dem 
Boden Österreichs erstmalig, die Forderung nach 
einem komplizierten Kirchenchor nach dem Schema 
der klassischen Kathedrale Frankreichs erhoben 
wurde. Das Zwettler Chorhaupt, dreischiffig, mit 
Querhaus, Umgang und dreizehn Kranzkapellen, 
entspricht im Grundriß dem zisterziensischen Vor- 
bilde von Pontigny II, zeigt jedoch im Aufbau die 
Besonderheit, daß die Seitenschiife und der Chor- 
umgang die gleiche Höhe von Mittelschiff und 
Binnenchor besitzen. Somit kam über einem rein 
französischen Bauplan der in Österreich früh ge- 
pflegte Baugedanke der „Hallenkirche" auch hier 
zum Durchbruch, weshalb die Annahme, Meister 
Jans hätte der Vfiener Bauhütte angehört, besonders 
gerechtfertigt erscheint. Die beispielgebende Aus- 
wirkung dieser zum ersten Male für Zwettl erson- 
nenen Kombination von Kathedralenchor und Hallen- 
raum ist längst erkannt und gewürdigt worden. Die 
böhmische Parlerrichtung zog aus dem Raum- 
gedanken des Zwettler Chorhauptes, aber auch vom 
Chorbau und Lnnghausplan von St. Stephan zu Wien 
mancherlei Nutzen Z): so gab die österreichische 
Entwicklung ungefähr seit 1350 auch auf architek- 
tonischem Gebiet Ideengut an den böhmischen 
Raum weiter, wie sie schon um 1330 die Malerei in 
Böhmen befruchtet hatte. 
Der Chorbau zu Zwettl war für die Wiener Hütte 
freilich bloß ein in die Einsamkeit exponiertes, doch 
dem böhmischen Raum besonders nahegerücktes 
Werk ; die Hauptereignisse spielten sich begreiflicher- 
weise weiterhin in Wien selbst ab. Es darf angenom- 
men werden, daß in den Jahren, mit welchen unsere 
Betrachtung anhebt, Michael Knab („Chnab"), 
„unserr genedigen herren der herczogen ze Ostereich 
etc. pawmaisteP-l) schon Haupt der lclütte von 
St. Stephan war, denn die Förderung des Baus der 
l-laupt-Stadtpfarre Wiens war seit Herzog Rudolf IV. 
ein durch urkundliche Verpflichtung festgelegtes 
Anliegen des Herzogshauses. Die Forschung ver- 
mochte allmählich für Meister Michael ein ansehn- 
liches (euvre zusammenzustellen: die (erste, bis zum 
ersten Geschoß noch erhaltene) „Spinnerin am 
Kreuz" in Wien (1375), Schloß Laxenburg (nach 
1377), die Gottsleichnamskapelle der Burg zu 
Wiener Neustadt (1379), die von Michael Tutz 
gestiftete Lichtsäule in Klosterneuburg (6. Dezember 
1331), die „Spinnerin am Kreuz" zu Wiener Neustadt 
(1382-84), die Freisingerkapelle am Kreuzgang zu 
Klosterneuburg (geweiht 1384), der Langhaus- 
entwurf für Maria am Gestade in Wien (Grundstein- 
legung: 2. Juni 1394), die Chorbauten in Deutsch- 
Altenburg und Baden sowie das „Dreieckige Kreuz" 
in Hainburg (alle vor 1400) und schließlich der Bau 
des südlichen Frontturmes der Stiftskirche von 
Klosterncuburg (um 1402) 4). All diese Werke können 
entweder als urkundlich gesichert gelten oder sind 
durch enge Stilverwandtschaft als von einer Hand 
stammend bzw. von einer starken Künstlerpersönlich- 
keit beeindruckt erkennbar. Aber nicht bloß durch 
4 
seine Stellung als „herzoglicher Baumeister" darf 
Michael Knab mit Recht in die Reihe der ohne 
Zweifel der herzoglichen Ernennung unterworfenen 
Dombaumeister von St. Stephan aufgenommen wer- 
den, sondern auch eine höchst bedeutsame Textstelle 
in der „Chronica Austriae" des Thomas Ebendorfer 
(1388-1464) legt den Gedanken nahe, Michael Knab 
als maßgeblichen Meister der Hütte anzusehen, der 
die endgültigen Pläne für den Weiterbau der Wiener 
Hauptkirche ausgearbeitet haben wird. Die eben 
angedeutete und als durchaus gesichert geltende 
ausgiebige Tätigkeit Meister Michaels in Klosterneu- 
burg gibt uns das Recht, Michael Knab mit dem von 
Ebendorfer wegen seiner hervorragenden künstle- 
rischen Qualitäten gerühmten „Meister aus Kloster- 
neuburg" zu identifizieren, den der Herzog für den 
Bau von St. Stephan verpflichten konnte5). Tatsäch- 
lich scheint Knab die detailreiche Gestaltung der 
Langhausstreben von St. Stephan schon lange vor 
der Ausführung am Dombau selbst beim Chorschluß 
zu Deutsch-Altenburg erprobt zu haben, und die 
„Spinnerin" zu Wiener Neustadt mutet wie eine 
Vorstudie zum gewaltigen Südturm von St. Stephan 
an, dessen Entwurf Meister Michael von der neueren 
Forschung ziemlich einhellig zugesprochen wird. 
Mit seiner souveränen Beherrschung der Mehr- 
schichtigkeit und Formverschleifung, Üherschichtung 
und stufenweisen Auflösung der Masse wurzelt 
Meister Michael einerseits in der schon seit der Mitte 
des 13. Jahrhunderts in Österreich üblichen Bau- 
weise 6), steigert aber anderseits diese Kunstmittel zu 
solcher Vollendung, daß er als einer der bedeutend- 
sten Künstler des „Weichen" Stils auf dem Gebiete 
der Baukunst angesehen und sein Hauptwerk, der 
Stephansturm, zu einem der wichtigsten Beispiele 
dieser Stilstufe der Gotik gerechnet werden muß. 
Jedenfalls darf die Idee des Gesamtaufrisses des 
Stephansturms (wohl nicht alle Details) dem Genius 
Knabs zugesprochen werden. Die im Schoß des 
Turmes eingebettete, 1396 geweihte Katharinen- 
kapelle erlaubt vielleicht durch ihre Grundriß- 
ähnlichkeit mit der Prager Karlshoferkirche des 
Peter Parler, die Möglichkeit von Anregungen aus 
Prag schon für die Zeit des Michael Knab anzu- 
nehmen. Engere Beziehungen geistigen Austausches 
zwischen den damals rivalisierenden Städten Wien 
und Prag könnte auch die noch vor seine böhmische 
Wirksamkeit fallende Tätigkeit des Meisters der Pra- 
ger Wenzelsfigur am Bischofstore von St. Stephan 
(um 1380) belegen, wenn Pinders diesbezügliche 
Beobachtung richtig sein sollte7). 
Leider trat nach dem Tode Herzog Albrechts III. 
(29. August 1395), besonders durch den habsburgi- 
schen Familienvertrag von Hollenburg (22. Novem- 
ber 1395), eine entscheidende Wendung in der 
Patronanz des Dombaus ein: das Herzogshaus zog 
sich für immer zurück, was auch in der Abberufung 
Knabs zum Ausdruck kam; das Bürgertum mußte 
nun Bestiftung und Aufsicht für den Weiterbau 
übernehmen. Unmittelbarer Nachfolger Knabs in 
der Leitung der Hütte wird Ulrich der Helbling 
gewesen seinß), den die Forschung als Strohmann 
für den schon seit dem Winter 1397798 als Parlicr 
an der Wiener Hütte geführten Meister Wenzel 
Parler d.Ä. ansieht"). Donin meint, die Wiener 
Bürgerschaft hätte sich mit der Berufung Wenzel 
Parlers rühmen wollen, für den vom Landesherrn 
zurückgezogenen Michael Knab einen vollwertigen
	        

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