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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 56 und 57)

GALERIE 
IN DER BIBERSTRASSE: 
KINDERZEICHNUNGEN AUS 
POLEN 
Sowohl über die Psychologie als auch 
über die prinzipielle künstlerische Be- 
deutung der Kinderzeichnung und nicht 
zuletzt über ihre allgemeingültigen 
formalen Grundgesetze ist längst schon 
alles Wesentliche gesagt worden. Trotz- 
dem glauben wir. angesichts der Fülle 
von Arbeiten polnischer Kinder eine 
resiimierende Feststellung machen zu 
dürfen: uns will es scheinen. als sei 
das Grundgefühl dieser zumeist in 
leuchtenden, tiefen und satten Farben 
gehaltenen Bilder ein durchaus tra- 
gisches; in vielen der dargestellten 
Gesichter mit ihren weit aufgerissenen 
Augen. in denen Empfindsamkeit und 
Starre in nicht endenwollendem Wider- 
spruch liegen, offenbart sich uns ein 
Lebensgefühl. das an die seelische 
Situation erinnert. aus der die Ex- 
pressionisten ihre ersten lmpulse schöpf- 
ten. Was aber wichtiger ist, dürfte in 
der Erkenntnis beschlossen sein. daß 
das Kindesalter kein glückliches ist, 
sondern daß in ihm noch viel von jener 
Weltenangst magischer Natur mit- 
schwingt. wie sie den sogenannten 
"Wilden" zugehört. Weiters möchten 
wir festhalten, daß es in der Kunst des 
Kindes keine Grenze zwischen objek- 
tiver und subjektiver Realität. zwischen 
Gesehenem und Geschautem gibt; 
alles ist wirklich und unwirklich zu- 
gleich, und die Trennungslinie geht 
unmerklich durch alles Gesehene und 
Dargestellte. Wieder wirft sich die 
Frage auf: was ist denn eigentlich 
dieses vertrackte "Wirkliche"? 
Ein Letztes: in dem hohen Grad an 
Sensibilität, Erregtheit und lrrealität 
offenbart sich sicherlich ein typisch 
..östliches" Lebensgefühl: irgendwie ist 
in jedem dieser Kinder ein echter 
Chagall verborgen. 
DAS GIBT ES NUR IN WIEN: 
EIN KOKOSCHKA FÜR EIN 
BUTTERBROT 
Der 14. März1962wird in die Geschichte 
des noch immer uneröffneten Museums 
für neuzeitliche Kunst in Wien als 
Freudentag eingehen. denn dem Leiter 
dieses Institutes. Dr. Werner Hafmann. 
war es möglich, ein w allerdings un- 
vollendetes - Gemälde von Kokoschka 
aus der Zeit um 1908, darstellend eine 
junge Dame. zum Spottbetrag von nur 
S 40.000.i zu erwerben. Das Bild, 
vom Künstler selbst in seiner Authen- 
tizität und Wichtigkeit bestätigt. zeigt 
die Dargestellte in breiter. dünner 
Malweise und in jener makabren 
Transparenz und Transzendenz. mit der 
O. K. damals seine Modelle zu inter- 
pretieren pflegte; die berühmteste Arbeit 
dieser Periode ist wahl das Bildnis 
Sorel. Also gewiß kein "schönes" Bild, 
aber ein Werk von packender Aussage- 
kraft und einer sehr spezifischen Verve, 
die es erscheinen Iäßt. als hätte der 
Teufel selbst dem Künstler den Pinsel 
geführt. Und dann dieser lächerliche, 
dem inneren Wert des Gemäldes nicht 
einmal annähernd gerecht werdende 
Preis! Vergessen wir nicht, daß am 
S. Februar 1962. also einen Monat und 
zehn Tage vor dem Verkauf der 
"Jungen Dame". in London das 
Bildnis Herwarth Walden um nicht 
weniger als S 1.500.000? bei Sotheby's 
58 
versteigert wurde. Selbst unter An- 
rechnung aller e und auch dann nur 
bei bösem Willen i als negativ an- 
zusehenden Charakteristika hätte das 
Bild in Wien seine guten S 300,000.- 
erbringen müssen und selbst dann wäre 
die Relation zu „Herwarth Walden" 
immer noch unzulänglich gewesen. 
Das Ereignis dieses Wiener Verkaufes 
spielte sich in der Messe-Kunstauktion 
des Dorotheums ab. Es ist Ihrem Bericht- 
erstatter bekannt. daß mehrere Per- 
sönlichkeiten aus Sammler- und Händ- 
lerkreisen sich für das Bild interessierten. 
Wie konnte es dann zu einem so nied- 
rigen Preis kommen. zumal am gleichen 
Versteigerungstog Blätter von Schiele 
wieder die üblichen Höhen zwischen 
S 10.000? und S 2O.OOO.A erzielten? 
Zum Vergleich sei der Text eines 
Inserates angeführt. das die angesehene 
englische Autofirma Rolls Rayce (die 
außerdem noch Erzeugerin des "Bent- 
ley" ist) vor einiger Zeit in großen 
amerikanischen Zeitungen lancierte. 
Darin hieß es so ungefähr: ..Wenn Sie 
sich keinen Rolls Royce zutrauen. weil 
Sie sich ihm innerlich nicht gewachsen 
fühlen, kaufen Sie sich einen Bentley, 
er ist genau so gut." Der Erfolg war. 
dali die Firma mehr Rolls Royce ab- 
setzte als je zuvor. Auf Wien über- 
tragen bedeutet das Beispiel, daß man 
sich hier anscheinend einem Kakoschka 
immer nach nicht gewachsen fühlt. 
daß man a priori die Flinte ins Korn 
wirft und sich lieber mit einem Schiele 
zufrieden gibt. 
Und schließlich kann ja nicht geleugnet 
werden, daß auch Schiele sehr gut ist. 
Ernst Köller 
IM GRÖSSTEN 
KUNSTAUKTIONSHAUS DER 
WELT 
Man sieht dem schmalbrüstigen, nur 
drei Fensterachsen breiten Haus in 
der New Bond Street in London 
wahrhaft nicht an, daß in ihm Tag 
für Tag (mindestens fünfmal in der 
Woche. manchmal auch zweimal am 
Tag) Schätze an Kunstgegenständen. 
Juwelen und Büchern versteigert wer- 
den, mit denen sich das Angebot 
ähnlicher Auktionshäuser in der übri- 
gen Welt nur schwer vergleichen 
läßt; die Firma Sotheby 81 Co.. 1744 
gegründet. bietet sich nach außen 
hin so bescheiden. ja schäbig dar. wie 
dies nur in England als äußeres Zeichen 
höchsten und sublimsten Selbstbewußt- 
seins möglich ist. Wer durch die drei 
oder vier Schaustellungssäle dieses 
Institutes geht. hat als Wiener eher 
den Eindruck, sich im Kolowrat-Scial 
des Dorotheums (in dem im wesent- 
lichen nur besserer Kram ausgeboten 
wird) zu befinden. undselbst die Sprache 
der kostbaren Objekte ist nicht stark 
genug. um dem unerfahrenen Besucher 
vom Kontinent Schlüsse auf die immense 
Höhe des Jahresumsatzes dieser Firma 
zu vermitteln. denn grundsätzlich wird 
im Gegensatz zu Wien alles so schau- 
gestellt, wie es übernommen wird. 
also ungereinigt. nicht restauriert. be- 
haftet mit allen Fehlern und Mängeln. 
die durch natürliches Altern. unsach- 
gemäße Behandlung oder schlechte 
Lagerung zu erklären sind. Zieht 
man noch dazu in Betracht. daf! es 
in diesem wie in allen anderen eng- 
lischen Auktionshäusern keine Ruf- 
preise und Schätzwerte in unserem 
EINE KLEINE 
KULTURGESCHICHTLICHE 
KURIOSITÄT: 
BERLINER BEFREIUNGSBECHER 
1760 
In österreichischem Privatbesitz tauchte 
kürzlich der nebenstehend abgebildete 
silberne Schnapsbecher auf. Seine Form 
ist zeitlos und häufig. Wir kennen diese 
Becher vor allem als russische und pol- 
nische Wodkabecher des 18. Jahr- 
hunderts. Interessant und sehr aktuell 
ist aber die darauf gravierte Inschrift: 
..176O IN 8. OKTOBER WARD BERLIN 
VON DEN RUSSEN BESCHOSSEN. 
DEN 9. EINGENOMMEN. DEN 10. 
VERLASSEN. - DA DACHTEN WIR. 
ES SEI GESCHEHEN, GOTT ABER 
HÖRTE UNSERFLEHEN e ES DENCKE 
DRAN, WER MICH SIEHT AN." 
Eine weitere Rundschrift am oberen 
waagrechten Mundrand ist in russischer 
Sprache und Lettern eingeprägt: ..Pe- 
tersburger Hofmünzamt". Der Becher 
gehörte also zur Ausrüstung eines 
russischen Offiziers des siebenjährigen 
Krieges. Die Besetzung Berlins durch 
russische Vorhuten und Kavallerie 
dauerte gottlob nur kurz und beim 
eiligen Rückzug wurde der Becher 
verloren. Der Finder ließ das histori- 
sche und schreckliche Ereignis zur Er- 
bauung der Nachwelt eingravieren. 
Heute, Anno 1962. nach mehr als 
200 Jahren, ergreift uns dieses kleine 
Dokument und sagt uns tröstend: Es 
ist doch alles schon einmal dagewesen! 
rk 
 
Sinn gibt. fühlt man sich vollends be- 
fremdet und scheint vor Rätseln hin- 
sichtlich der Möglichkeit eines solchen 
Betriebes zu stehen. In der über- 
wiegenden Mehlzahl sind die Käufer 
des Auktionsgutes Händler; praktisch 
ihnen allein sind die fünfzehn bis 
zwanzig Sitze an den U-förmigen 
Tischen überlassen. die vor dem Ka- 
theter des Auktionators stehen. Völlig 
abweichend von den österreichischen 
Gegebenheiten ist auch, daß die Namen 
der Käufer nicht nur während der 
Auktion selbst, sondern tags darauf 
auch in den Zeitungen verlautbart 
werden. Auch die bei uns streng 
gehütete Anonymität des Verkäufers 
wird in den meisten Fällen in England 
nicht gewahrt: in der Praxis sieht 
die Sache in London so aus. daft der 
private Sammler niemals selbst kauft, 
sondern einen Händler seines Ver- 
trauens mit dem Erwerb des gewünsch- 
ten Gegenstandes zu einem angemes- 
senen Preis beauftragt, während in 
Österreich die Wirkung zumindest 
der großen Auktionen unmittelbar 
auf den ,.Letztverbraucher" selbst ge- 
richtet ist. der daher einen Gegenstand 
nur dann erwirbt, wenn er sich hin- 
sichtlich seines Zustandes und seinen 
Verwendungsmöglichkeiten in ein- 
wandfreiem Etat befindet. 
Was „Sotheby's" für den kontinentalen 
Besucher so besonders faszinierend 
und eindrucksvoll macht, sind die 
Vorgänge hinter den Kulissen. Die 
zur Verfügung stehenden Baulichkeiten 
sind denkbar klein und bescheiden. 
der Anfall an Ware ist nicht nur quali- 
tativ. sondern auch der Menge nach 
ungeheuer. Das bedeutet. daß in dem 
Bau in der Bond Street Raumnal 
 
Wodka-Becher mit 
Befreiungsinschrifl 
dem Jahre 1760. Petersburger Hofmünz 
Wiener Privalbesitz
	        

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