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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 58 und 59)

1400 einen Umbau in eine ganz 
neue geistige Einstellung, in eine 
naturalistische Auffassung der 
Welt und des Menschen, eine Säku- 
larisierung des Weltbildes, in einen 
ganz neuen wirklichkeitsnahen 
Realismus, der genau das Gegen- 
teil des mittelalterlichen Realismus 
ist (sehr ausführlich bei GNCEISE). 
Natürlich gibt es in den Jahr- 
zehnten dieser Übergangszeit noch 
konservative Kräfte, die zunächst 
noch versuchen, das neue Streben 
mit der „transzendentalen ldealitat 
der gotischen Stilformen zu ver- 
binden" (XVEISE, S. 156), ja 
andere, die mit einer Art von 
Reformbestrebungen den Versuch 
unternahmen, einer vorwiegend 
theologischen Weltanschauung 
ihre Geltung und damit die Ein- 
heitlichkeit der mittelalterlichen 
Weltanschauung zu bewahren. 
An erster Stelle ist hier Nikolaus 
von Cues zu nennen, in dessen re- 
formatorischen Bemühungen im- 
iner wieder die dualistischen 
Grundgedanken des Mittelalters 
auftauchen. 
So z. B. (die folgenden Zitate nach 
HElNIPEL1953): „Unser Streben 
müsse es sein, daii wir von der 
Schönheit des Sinnlichen uns zur 
Schönheit unseres Geistes erheben, 
welche alle sinnliche Schönheit in sich 
faßt. Das Wesen des Schönen als 
Univcrsales besteht im Glanz der 
Form, der sich über die proportio- 
nierten Teile der Materie, wie über 
verschiedene Stoffe und Handlun- 
gen breitet. Cusanus läßt einen 
Maler zwei Bildnisse malen, das 
eine wäre tot, obgleich es in seiner tat- 
sächlichen Erscheinung dem Dar- 
gestellten näher käme, das andere, 
weniger ähnliche, wäre lebendig, 
da es von seinem Gegenstand zur 
Bewegung angereizt, sich dem Ur- 
bild immer gleichförmiger machen 
könnte. Welches von diesen beiden 
Bildern vor dem anderen den Vorzug 
verdiente, könnte keine Frage sein. 
Erst die von der Materie abgelöste 
Seins-Form erkennt (I. als unbedingt 
wahr und formhaft an." 
Dieser Dualismus tritt in seinen 
Schriften immer wieder auf. ln 
seinem Schreiben „Von der Gottes- 
kindschaft" an seinen Äiitbruder 
Kanonikus Konrad von Wartberg 
(ich folge hier der Ausgabe von 
PETERS im Herder-Verlag 1956) 
fordert Cusanus, unser vernunft- 
hafter Geist dürfe sein Interesse 
nicht den vergänglichen Schatten 
der Sinnenwelt verhaftet sein lassen. 
Vielmehr muß er die Sinnendinge 
als Hilfsmittel für sein geistiges 
Streben gebrauchen, gleichwie das 
Erlernen der wahrnehmbaren Schrift- 
zeichen und der sinnlich hörbaren 
Laute nur ein Mittel dazu ist, zu 
den dadurch ausgedrückten Ge- 
danken vorzudringeti. „Durch solch 
gleichnishaftes Beispiel werden wir, 
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die wir nach der Gotteskindschaft 
trachten, ermahnt, nicht den Sinnes- 
erscheinungen anzuhangen, die nur 
Rätselzeichen des Wahren sind; viel- 
mehr sollen wir, ohne ihnen ob 
unserer Schwachheit in befleckender 
Weise verhaftet zu sein, uns ihrer 
so bedienen, als spräche durch sie der 
Lehrmeister der Wahrheit zu uns, als 
wären sie gleichsam Bücher, die eine 
Kundgahe seines Geistes enthalten." 
Diese Versuche einer Rettung 
mittelalterlicher Geisteshaltung ha- 
ben sich nun ja nicht durchgesetzt, 
in Österreich aber doch vorüber- 
gehend noch erhalten bzw. ein- 
gewurzelt. Gerade der so überaus 
konservative Kaiser Friedrich lll. 
kann ihnen nicht ablehnend gegen- 
übergestanden sein. Noch mehr 
muß dies für die damalige höhere 
Geistlichkeit Österreichs gelten. 
Was die beiden Gurker Bischöfe 
von dem so auffälligen Straßburger 
Stein bctritTt, so war Bischof Schallcr- 
mann nach der gütigen Auskunft 
von Prof. Dr. j. Obersteiner in 
Gurk wohl ein streitbarer, mit 
beiden Füßen auf dem Boden der 
Wirklichkeit stehender Mann, der 
seine Rechte (auch materielle) stets 
energisch zu wahren wußte. lir 
war aber auf dem Reformkonzil 
von Basel anwesend und war vor 
seiner lirnennung zum Bischof von 
Gurk Dompropst von Brixen (wo 
ja Nikolaus von (Iues Bischof war) 
gewesen und war ein Freund Kaiser 
Friedrichs lll. Auch der andre der 
beiden Bischöfe, sein Nachfolger 
Ulrich von Sonnenburg, war früher 
in der Wiener Kanzlei von Fried- 
rich III. angestellt. 
Wenn Veit Stoss in seinem 1492 
vollendeten Grabdenkmal für König 
Kasimir jagiello wörtlich die glei- 
chen vier Adneter Sorten nimmt wie 
Niklas von Leyen für das Friedrichs- 
grab und wenn seine Technik der- 
jenigen des Niklas so vollkommen 
ähnlich ist, daß man das Krakauer 
Denkmal dem Meister des Friedrichs- 
grabcs zuschreiben könnte, wenn 
es nicht so eindeutig als Veit Stoss 
signiert wäre (ein wesentliches Ar- 
gument dafür, daß Veit Stoss bei 
Niklas gelernt hatte), so sind dies 
denn doch der persönlichen Bezie- 
hungen genug. Damit ist weder 
etwas gegen die sonst sehr wirk- 
lichkeitsnahe Einstellung der Auf- 
traggeber gesagt, noch dagegen, daß 
die ausführenden Künstler auch 
durchaus anders, naturalistisch, in 
einem die Plastik des Reliefs nicht 
störenden Marmor arbeiten konnten 
(vgl. dazu verschiedene Grabplatten 
von Veit Stoss aus dem fast einfar- 
bigen Adnet-Lienbacher Marmor). 
Wer in Lauifen verwirrt vor dem 
Muttergottesrelief des Welsperg- 
Grabmals gestanden ist, mit dem 
Jesukind, dessen Gesicht in der 
weiß-roten Scheckigkeit kaum aus- 
zunehmen ist, wer an dem Tauf- 
stein in St. Zeno in Reichenhall 
(1522) mit den Augen vergeblich 
die Vexierbilder der einzelnen 
Reliefs zu erfassen versuchte, wer 
die vibtierende Stimmung der 
Kaiserfigur des Friedrichsgrabes 
auf sich wirken läßt, wer sich 
ergriffen in das schon ganz jen- 
seitige 7 wenngleich von dem 
Tarnmuster vollkommen zerris- 
sene 7 Antlitz des Königs Kasi- 
mir Jagiello versenkt, wird hinter 
allen diesen und manchen andern 
Denkmälern eine gemeinsame 
Grundhaltung nicht übersehen 
können. Wenn hier versucht wur- 
de, ihre geistigen Wurzeln bloß- 
zulegen, so soll dies nicht verall- 
gemeinert werden, riicht jedem 
Steinmetz ein Wissen von dem 
Gedanken des Cusaners zuge- 
schrieben werden. Die Auflösung 
der plastischen Wirklichkeit durch 
die Buntscheckigkeit des Steins 
hat natürlich ihre Nachahmer ge- 
funden, ist eine Manier, eine Mode 
geworden. Dies spricht in keiner 
Weise gegen ihre gedanklichen 
Grundlagen in diesem Herbst des 
Mittelalters. 
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