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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 60 und 61)

JANA KYBALOVÄ 
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In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war neben der Wiener Porzellan- 
manufaktur die Fayenceerzeugung in l-lolitsch (Holiä) in der Slowakei zweifellos 
das größte und erfolgreichste keramische Unternehmen der damaligen österreichisch- 
ungarischen Monarchie. Die Wiener Porzellanmanufaktur von Du Paquier, die 1744 
in Staatsverwaltung übernommen wurde, stellte das im 18. Jahrhundert begehrteste 
und vollkommenste Produkt, das in Europa erst 1709 entdeckte Porzellan, her. 
Dessen Erzeugung war jedoch mit bedeutenden technischen und finanziellen Risken 
verbunden. Die gleichzeitig gegründete Holitscher Fabrik dagegen erzeugte die 
traditionelle und nicht so kostspielige Fayence. 
Der Begründer der Holitscher Fabrik, Maria Theresias Gemahl Franz Stephan von 
Lothringen, wählte das westslowakische Städtchen, in dem er seit 1736 eine Herr- 
schaft besaß, wegen seiner vorteilhaften Bedingungen für sein neues Unternehmen 
aus. In der Umgebung von Holitsch blühte nämlich bereits seit linde des 16. Jahr- 
hunderts die Erzeugung der Habaner Fayence, so daß neben ausgezeichneten 
Töpfererden hier auch ein Reservoir billiger, fachlich geschulter Arbeitskräfte zur 
Verfügung stand. In den ersten Jahrzehnten ihrer Produktion erzeugte die Holitscher 
Fabrik zahlreiche Arten von Tafelservicen, mit denen sich viele Feudalsitze Mittel- 
europas sowie die wohlhabende Bürgerschaft ausstatteten. Auch Luxusgefäße, die 
in naturalistischer Ausführung zoomorphe und vegetabile Motive darstellten, 
wurden hergestellt. Diese in europäischen und überseeischen Museumsr, Schloß- 
und Privatsammlungen verstreuten Gefäße gehören zu den seltenen und viel- 
begehrten Sammlungsstücken. 
Die direkte Anregung zur Herstellung naturalistischer Gefäße kam aus Straßburg, 
von wo Franz Stephan von Lothringen einige Fachleute berufen hatte, aber auch 
aus der Fabrik in Höchst, mit der J. Buchwald, ein 1754 vorübergehend in Holitsch 
wirkender Maler und Modelleur, den Kontakt vermittelte. Der Gedanke, naturalistisch 
geformte Gefäße herzustellen, war allerdings damals in der Kunst keineswegs neu. 
Neben den antiken und frühmittelalterlichen Kulturen, in denen Figurale Gefäße 
stets mit Kult und Geheimnis in Verbindung standen, war diese Art von Gefäßen 
in der deutschen bürgerlichen Kultur der Spätrenaissance, namentlich in den aus 
Edelmetallen gefertigten Arbeiten einiger Augsburger und Nürnberger Gold- 
schmiedegenerationen um die Wende des 16. Jahrhunderts, sehr verbreitet. In der 
Keramik aber muß an die Vorliebe für naturalistisch modellierte Tiere und Pflanzen 
im Werk des genialen französischen Renaissancekeramikers Bernard Palissy und 
dann auch freilich an die chinesische Keramik erinnert werden. Diese war die Quelle, 
aus der nicht nur die Keramik, sondern die europäische Barockkunst überhaupt 
mehr als eine Anregung schöpfte. 
Allen naturalistischen Holitscher Gefäßen ist, von den größten bis zu den kleinsten, 
eine Funktion und eine bildnerische Absicht gemeinsam: Neben ihrer Nutzaufgabe, 
die in dem komplizierten Tafelzeremoniell der barocken Festmähler genau abge- 
grenzt war, in erster Linie als Schmuck und Attribut des Glanzes der feudalen 
Tafel zu dienen. Unter solchen Voraussetzungen waren dem Künstler nahezu una 
beschränkte Möglichkeiten zur Entfaltung seiner bildnerischen Phantasie und 
technischen Fertigkeit gegeben. 
Das älteste Holitscher Erzeugnis dieser Art ist wahrscheinlich die Terrine in Form 
eines Kohlkopfs im Kunstgewerbemuseum in Budapest, die mit ihrer Signatur l-l 44 
in das Jahr 1744, also in die ersten Anfänge überhaupt, verlegt werden muß. Dabei 
haben wir es hier bereits mit einer vollendeten Qualität des Scherbens wie der 
Farben zu tun, bei denen in verfließenden Übergängen grünliche und gelbliche 
Töne miteinander abwechseln, die mit einer glänzenden, man möchte fast sagen, 
einer Lüsterglasur zusammengeßossen sind. Dieselbe Vollkommenheit verrät sich 
auch in der Modellierung des Gefäßes, namentlich in den abstehenden Blättern 
der Bekrönung, zwischen denen eine birnenartige Frucht die Funktion eines Griffes 
ausübt. Terrinen in Gestalt von Kohlköpfen haben sich von allen hier besprochenen 
Gefäßen am meisten erhalten, und zwar in Museums- und Schloßsammlungen der 
Tschechoslowakei, in einem Exemplar im Österreichischen Museum für angewandte 
Kunst in Wien und sicher auch noch an anderen Orten. Ein selteneres Denkmal 
stellt ein kreisrundes Gefäß in Gestalt einer Rose dar, das in mehreren Größen 
vorkommt und zur Darreichung von Süßigkeiten, als Konfektschale, diente. Sein 
Deckel paßt so genau in die purpurn schattierten Blätter hinein, daß wir verstehen 
können, warum die Franzosen diese Dinge nles pieces en trompe lioeila nennen. 
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