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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 62 und 63)

jenes schlechte Gewissen, aus dem Munchs Figuren 
ihre schreckliche Wirklichkeit beziehen. Aus diesem 
Grund Wirken Klimts Blätter ß auch die gewag- 
testen 7 niemals obszön, die Dimension „Moral" 
fehlt ihnen einfach. In metaphorischer Weise mag 
diese Tatsache als Erklärung für das Fehlen der 
dritten Dimension bei Klimts Arbeiten im rein 
Formalen dienen. S0 sind Klimts beste Arbeiten 
nie gegenstandslos, nie lebens- und naturfern und 
doch stets ganz Ornament - ein schöner, kostbarer 
Schmuck, wie die Liebe selbst, die sie verherr 
liehen. 
Auch Klimts Haltung zu den Formprnblemcn der 
Kunst entspringt einer sehr profilierten Gesinnung: 
sein „P0intillismus" hat zweifellos etwas mit den 
Bemühungen von Seurat und Signac zu tun, doch 
ist Klimt himmelxveit davon entfernt, „Recherchen" 
anzustellen und Farbtheorien aufihre Anwendbarkeit 
zu erproben wie die beiden Franzosen; für ihn bietet 
sich auch hier eine Möglichkeit, das Neue, Revolu- 
 
 
 
 
v Rückcnstudie am lirgcndvn bekleideten Frau. Um 19m. 
Wien, Alberrina 
10 Stcllcndc Dame nach rcclm. Um 19mm, Wien, 
m. Lcopnld 
n smndes Mädchen. Smdic m: das Bildnis Mida Prima- 
ww. Um 1913. Wien, Alhvrtintl 
tionäre auf seine „GenießbarkeiW hin zu unter- 
suchen, wobei gerade das, was die Franzosen 
gänzlich außer acht lassen, nämlich die sinnliche 
Anteilnahme des Beschauers, im Vordergrund des 
Bemühens steht. Auch in dieser Hinsicht ist Klimts 
Kunst alles andere, nur nicht platonisch. S0 haben 
Klimts Gemälde rein von der Oberfläche her die 
Wärme eines köstlichen Teppichs, sie erschließen 
sich auch dem Tastvermögen, man möchte sie 
gerne angreifen und streicheln. Dazu kommt noch 
infolge des Einbcziehens kostbarer Materialien eine 
Art von Leuchtkraft, die sie in die Nähe von 
Mosaiken rückt und das Dargestellte irrationalisiert. 
Hinter diesem irrationalen aber steht - und das 
ist der Wermutstropfen in Klimts süßem Wein - 
die Ahnung von der Vergänglichkeit, Zerbrech- 
lichkeit und Ilinfalligkeit aller Dinge, von der 
totalen Relativität der Genußwelt und ihrer voll- 
kommenen Labilität. Krankheit, Erschöpfung, viel- 
leicht sogar Armut lauern im Hintergrund 7 auf 
 
 
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