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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 62 und 63)

abblättern und sich überall starke 
Craqueluren zeigen. Anläßlich der 
ersten Restaurierung wurde auch 
die ursprünglich durchgehende 
Leinwand an den Zimmerecken 
durchgeschnitten, auf Blindrah- 
men gespannt und die störenden 
weißen Eckleisten angebracht. 
Nach dem zweiten Brand wurden 
nur geringfügige Reinigungsarbei- 
ten durchgeführt, und im Jahre 
1953 wurde das Selbstporträt 
Koblers gepreßt und gebügelt. 
Bei den großen Gruppen konnte 
diese so notwendige Arbeit bisher 
noch nicht gemacht werden, da 
sie sich wegen des Umfanges der 
Bilder außerordentlich schwierig 
gestaltet. Die Bilder sind 2,60m 
hoch, die großen Gruppen je 
4,45 m breit, die Porträts der 
Väter je 2,15, die der Mütter je 
1,25 m und das Malerporträt 
2,13 m breit. Am Eckpfeiler der 
Balustrade befinden sich die Da- 
ten der Restaurierungen - 1920 
bis 1921 von August Veiter, 1953 
von Dr. R. Fischer 7 und an der 
Brüstung die Signatur des Malers: 
Peter Kobler, 1739. 
Hier beginnt der letzte und schwie- 
rigste Abschnitt unserer Arbeit. 
Kobler ist in der Kunstgeschichte 
eine, wie wir anzudeuten hoffen, 
mit Unrecht unbekannte Persön- 
lichkeit. Sein Werk und sein 
Leben zu erforschen würde in 
diesem Rahmen viel zu Weit füh- 
ren, doch hoffen wir wenigstens 
eine Anregung dazu gegeben zu 
haben. Thieme-Becker erwähnt 
nur seine Ernennung zum k. k. 
Kammermaler im Jahre 1746, zum 
kurfürstlichen Rat des Bischofs 
von Konstanz anno 1757 und 
seine Erhebung in den Adelsstand 
mit dem Prädikat „von Ehren- 
sorg" im Jahre 1760 sowie eine 
Liste seiner für die kaiserliche 
Familie verfertigten Porträts. We- 
der Geburts- noch Todesdatum 
sind angegeben. Julius Fleischer 1) 
bringt genaue Angaben über die 
Zahlungen der zwischen 1749 und 
1764 im Auftrag des Hofes ent- 
standenen Porträts Koblers sowie 
eine kurze Erwähnung in der 
Einleitung: „. . . Seine (Christian 
Seybolds) in kleinliche: Manier 
gehaltenen Bilder wurden alsbald 
von anderen Hofmalern, so be- 
sonders in den Fünfzigerjahren 
von dem Meytensnachahmer 
PETER KOBLER VON EH- 
Rl-LNSORG verdrängt." Es folgt 
eine chronologische Aufzählung 
der obengcnannten Porträts. im 
Audienzsaal des Stiftes St. Florian 
befindet sich ein Doppelbildnis 
Maria Theresias und ihres Ge- 
mahls, das durch zwei Notizen 
in den Annalen des Stiftes als 
Werk Koblers bestätigt isti). In 
„Quellen zur Geschichte der Stadt 
XVien"4) finden wir Kobler als 
Trauzeugen genannt für „Franz 
Sebastian Kobler, Universitäts- 
maler, aus Bayern gebürtig und 
Maria Theresia Mägerlin", am 
4. Oktober 1747. Dank des vom 
Staatsarchiv zur Verfügung ge- 
stellten Testaments Koblers ge- 
lang es, in den Totenregesten 
festzustellen, daß Kobler am Z1. 
Oktober 1764 „einundfünfzig 
Jahre alt" gestorben ist. Somit 
war endlich das Geburtsjahr, 1713, 
wenn auch nicht Ort und Tag 
gefunden. Merkwürdigerweise ist 
im Goess'schen Familienarchiv 
nicht die geringste Aufzeichnung 
betreffs Koblers vorhanden. 
Das Ebenthaler Familienzimmer, 
im Jahre 1739 vollendet, ist somit 
das früheste bekannte Werk des 
Künstlers, das er im Alter von 
26 Jahren schuf. Nun ergeben 
sich aber weitere sehr wichtige 
Fragen: Was hat Kobler vor 1739 
gemalt? Denn einem völlig un- 
bekannten Künstler hätte man 
kaum einen so großen und auch 
ungewöhnlichen Auftrag gegeben. 
Und was schuf er zwischen 1739 
und 1746, dem Jahr seiner Er- 
nennung zum Kammermaler und 
seines ersten nachweisbaren Por- 
träts für den Hof? Wer war sein 
Lehrer, wer seine Vorbilder? 
Das Originelle an Koblers Kon- 
zept liegt in der Mischung von 
repräsentativer Feierlichkeit und 
Intimität, in der illusionistischen 
Auffassung des räumlichen Grup- 
penporträts. Daß er, wie seine 
ganze Zeit, stark von den italie- 
nischen, besonders den venezia- 
nischen Malern beeinflußt war, ist 
selbstverständlich, wenn es auch 
bisher nicht möglich war, festzu- 
stellen, 0b Kobler selbst in Italien 
war. Es finden sich ja in manchen 
italienischen Palästen ähnlich kon- 
zipierte räumliche Familienbilder, 
wenn auch aus früherer Zeit, man 
denke nur an die Fresken der 
Camera degli sposi in Mantua oder 
an die Gozzoli-Kapelle in Flo- 
renz. Die Idee der durchgehen- 
den Wandbespannung hingegen 
scheint auf die besonders in 
Frankreich beliebten Tapisserien 
und Gobelins zurückzugehemwäh- 
rend die trotz aller barocken 
Feierlichkeit bewahrte Intimität 
der Familiengruppe auf den Ein- 
Huß niederländischer Genremaler 
schließen läßt. 
Eine sehr wichtige Anregung ver- 
danken wir Herrn Direktor Egg 
vom Innsbtucker Landesmuseum, 
der in der Behandlung der archi- 
tektonischen Elemente Einflüsse 
der damals in Wien unter van 
Schuppen blühenden Theater- 
malerei zu erkennen glaubt. Kob- 
ler ist nicht als Schüler der Aka- 
demie nachweisbar, doch wurde 
er auf einer vom 22. Februar 1745 
datierten, dem Hofmarschall un- 
terbreiteten Liste der für die 
Akademie vorgeschlagenen Mit- 
glieder unter der ersten Maler- 
klasse genannt. Es ist anzuneh- 
men, daß er van Schuppen, der 
damals Leiter der Akademie war, 
zumindest gekannt hat, und die 
Tatsache, daß vor 1739 keine 
Werke Koblers bekannt sind, 
könnte dadurch erklärt werden, 
daß er als Theatermaler tätig war. 
Diesem Umstand würde auch die 
kompositionelle und malerische 
Auffassung des Ebenthaler Fa- 
milienzimmers entsprechen. Die 
Behandlung der architektonischen 
Elemente, die Raumgestaltung und 
Perspektive lassen darauf schlie- 
ßen, daß Kobler das 1711 von 
dem zu der Zeit in Wien weilenden 
Ferdinando Galli Bibiena ver- 
öffentlichte Werk „Architettura 
civile preparata sulla geometria e 
ridotta alle prospettive" kannte. 
Gewisse Ähnlichkeiten in der Mal- 
weise bestehen auch zwischen 
Kobler und seinem bekannten 
Zeitgenossen Georg Plazer, der 
in Wien unter van Schuppen ar- 
beitete5). 
Zusammenfassend möchten wir 
noch einmal betonen, daß es unter 
den gegenwärtigen Umständen 
nicht möglich ist, eine umfassende 
Aussage über Johann Peter Kobler 
zu machen. Wir kennen das er- 
staunlich reife und originelle Werk 
des Sechsundzwanzigjährigen Ä 
und einige zwischen seinem drei- 
unddreißigsten und einundfiinf- 
zigsten Lebensjahr für den Hof 
gemalte Porträts. Ist das Ebentha- 
ler Familienzimmer die einmalige 
Blüte einer jugendlichen Bega- 
bung, die später in konventioneller 
Porträtmalerei verflachte? Selbst 
wenn dies der Fall wäre, verdient 
Kobler, daß sich die Kunst- 
geschichte eingehender mit ihm 
befaßt als es bisher der Fall 
XNGT. 
ANMERKUNGEN: 
I) Kurt um, "Modell und Maler vnii ja 
Vennccr". Probleme der lntcrprctatioi 
lltiMont Dokumente. Köln 1961. 
1) Julius Fleischer. "Das Kuvtstgcscltichtlicl 
Material der Geheimen Kanuneruhlzmt: 
btirher in den Staatlichen Archiven Wiet 
von 1705 bis 1790". Krystall-Verlag. Wie 
1932, vol. l. P1). 35. 54. 57. 60. 64. 71, 7E 
81. 89. 92. 
1) Restnuratio erclexiau, Propst Johann Getit 
Wit-sinayr (17 1755). p. 24.1. Shw 
Advocatus ti . vom gleichen Verfasse 
p. m, und Alhln Cltflly. Kunst und Kurts 
guwcrbe im Stifte St. Florian. Linz 1384 
pp. 246-247. _ _ 
4) Alexander i-tnatrti In "Quellen zur (n 
schichte der Stadt Wien", Bd. I{6. p. 427. 
S) Siehe Ernst KÖIIIJY. "Johann Gtßtg Plazc 
ein geistiger Vorläufer Mnkarts".ALTE um 
MODERNE KUN. . Oktober 1961, p. ' 
llt-soittieren Dank für wertvolle Hilfe und A: 
rßgungen mochten wir an dieser Stellt: am 
s rechen: der Direktion des Museums ri 
Ymdtc Kunst in Wien, dem Ustertrlclt 
st" Staatsarchiv. der Sliftsbibliotliek St. Flt 
rian, der Direktion des Tiroler Landcsmuscun 
in Innsbruck. der Direktion der Akademie d: 
Bildenden Künste in Wien und dem Zentra 
institut für Kunstgeschichte in München. 
 
 
  
 

	        

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