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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 62 und 63)

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Notizen aus dem Kunstleben und Kunsthandel 
 
NEUERWERBUNGEN DES 
TIROLER LANDESMUSEUMS 
FERDINANDEUM INNSBRUCK 
IM JAHRE 1961 
Das Jahr 196i liul (lCltl Museum De 
sonders reiche Frwarhiingsinoglichkeie 
ten geboten. DatJ die Laridesmuseen 
im allgemeinen nicht sehr kauffreudig 
sind. liegt nicht nur an den fehlenden 
Mitteln und den stark überhöhten 
Preisen, sondern vor allem auch in 
der Tatsache, rlntl die Bestands ein 
gewisses Mail an Vollstandigkeit ere 
reicht haben e das ferdinandeum 
besteht seit l872 und Erwerbungen 
nur nach dein GCSlLJllKplillkl der Qualle 
tat im l-linhlick aiit ihre Aufnahme in 
die Schausaiviinliingeii gelatigt wer 
den 
Außerdem werden Bestande. die durch 
Legale zugewachsen sind, aber nicht 
im Samrnlungsbereich der Landeskunst 
liegen, wie die alldeutsche, die niedere 
ldndische und die italienische Galerie 
im allgemeinen nicht mehr durch 
  
Erwerbungen erweitert, da damit der 
Charakter des Legales verwasscrl würde 
und die Mittel für solche Ankäufe 
nicht aufgebracht werden können. Im 
Gegensatz zur Ansicht vieler Handler 
sammelt das Ferdinandeurn auch nicht 
Tiroler Motive, sondern nur Werke 
von bedeutenden Tirolern oder in 
Tirol tätigen Künstlern. Eine Sammlung 
von Tiroler Landschaften wurde an- 
gesichts der Beliebtheit dieser Motive 
im 19 Jahrhundert ins uferlosc füh- 
ren 
Trotz dieser Einschränkungen konnte 
196d eine Reine von bedeutenden 
Erwerbungen durchgeführt werden, 
An der Spitze steht der Ankauf von 
Zwei großen t-lolze und Elfenbeingrup- 
pcn des aus Tirol stammenden Bild- 
hauers Simon Troger (1683 1768): 
„Herkules und Omphale"und.,Chronas 
und Veritas". Diese beiden Gruppen 
gelioren der besten 7eit des Künstlers 
um t7SO an und haben die beachtliche 
Höhe von ie 65 cm Zusammen mit 
einer W60 erworbenen Statiiette „luno 
mit Pfau" stellt diese Erwerbung eine 
wichtige Bereicherung der kleinen 
Fllenlieinsanimlung des Museums dar. 
Dali diese Sparte besonders gepflegt 
wiiit, ergibt sich uns der liilsiillie, dati 
lltltl lltJllCtJlQltllEZ Eltenbciiisiliiiilzcr WIC 
Jqlttll Filialen, Jnknh Aiic-r. Josef 
lciitscliinaivn und Johann Georg fux 
gestellt lial. 
Elieiilcills der Kleinpliislik gelidrl eine 
Sctiincrzensnianngruppe init Christus. 
Pilatus und einem Schergen an. die als 
Arbeit Johann Meinrad Guggene 
hic hlcrs (1639 1723) angesprochen 
werden kann (l-lotie der Figuren 
30,5 cm, abgetaugt). Die Gruppe stammt 
aus Rattenberg, wo Guggenbiclilirr den 
Allllüllüllül" der Pfarrkirche (1718) und 
Enqel weiteren Allares (1102) 
gerirhrilfen lial. In Anbetracht der 
Seltenheit der Klcinplasliken (Eiiiggene 
biihlers ist die Erwerbung als 
ausgesprochene Kostbarkeit 
licti 
Die Gematdegalerie wurde iliirch das 
RllllHlN der lurkenfantilie voiii Meister 
der ltatisburgcr (Öl aiit Fiche, 
lt.) x ä8.5 cnt) bereichert. Von diesem 
in seiner Herkunft und iin Wirken 
eines 
anzuse- 
ziernlich rdtselhcitlen Meister. der um 
1500 lO in Nordiirol (lnnsbruck?) tatig 
war, besitzt das Museum jetzt vier 
Werke, von denen eines erst 1960 
erworben wurde (Madonna rnit dem 
unartigen Kind) Für die Barockgalerie 
wurde ein Bild von Johann Georg 
Grasmair (1691e1751) erworben. 
das die Übergabe des Skapuliers des 
Prömanstratenserordens an den hl. 
Norbert durch Maria darstellt (Öl auf 
Leinwand, 97,5 x 68,5 cm). Das Bild ist 
auf der Rückseite signiert und datiert 
1729 und gehört zu den seltenen Frühe 
werken dieses seit 1724 in Willen an- 
sässigen Malers 
Auf dem Gebiet der zeitgenössischen 
Tiroler Malerei ist das Museum derzeit 
bemüht. durch eine rege Erwerbungse 
tötigkeit die Grundlagen für die in 
absehbarer 7eit aufzustetlende mo- 
derne Galerei zu scharfen. So wurden 
Gemälde von franz Krautgasser, Rudolf 
Kreuzer, Elisabeth Bauer, Willi Valier. 
Franz Lettner. Max Spielmann, Walter 
Honeder, Wilhelm Nikolaus Prachensky 
(f), Karl Plattner, Martin Fedrazza und 
Norbert Drexel und Plastiken van 
Josef Kiellrunk. Maria Delago iinil 
Franz Saniifatter (lt erworben. 
Die Kunstgewcrlresiainnilung wiiide 
durch (lt? saii-iiiiiiig eines SlGHgClle 
JtUFtlpClTS der llHllCF Glashutle um 
1570i80 init rcirtiem Dialnantrißdekui 
(Höhe ZOJcin) und die Erwerbung 
eines Silberpokales in't Jugendstil vom 
bekannten Münchner Goldschmied Prof. 
Adolf von Muyrhofer (derauseiner 
Tiroler Familie stammte) bereichert. 
Die Sammlung von Werken des Kunste 
gewerbes. die seit der Jahrhunderte 
wende entstanden sind. bereitet grofle 
Schwierigkeiten. da Änderung des Gee 
schmackes und Kriegsverluste sich hier 
besonders stark ausgewirkt haben. 
Diese Auswahl zeigt in ihrer Maiinig 
faltigkeil den Umfang und die Scliwice 
rigkeit der Erwerbungslütigkeit eines 
Landesmuseums, das seit seiner Grun- 
dung die Idee eines tirolischen Nationale 
VYHJSQUTHSAICFÖUUÖCD mit der Sammlung 
des künstlerisch Wertvollen aus anderen 
Landern. iliircligeliciltcii hat. 
Erich kgg 
ster der Habsburger: Türkenfamilie 
an Troger. Herkutes und Omphale 
DIE ENTDECKUNG DER 
KRUMAUER MARIA 
Herr Professor Dr. Rudolf Hönigschmid. 
der 1912-1936 Landeskanservator für 
Böhmen und von 1925-1936 Leiter des 
Staatsdenkrnalamtes in der Tschecho- 
slowakei war, 1921 den Verband 
deutscher Museen in der Tschecho- 
slowakei begründete und 197.4 zum 
Ordentlichen Mitglied der Deutschen 
Akademie der Wissenschaften gewählt 
wurde, berichtet in den folgenden 
Zeilen. wie die Krumauer Madonna 
entdeckt und nach Wien gebracht 
wurde. Hönigschmids Ausführungen er- 
halten besonderes Gewicht durch die 
Tatsache, daß in ..Die Presse am Sonn- 
tag" vom 22. April 1962 ein Artikel 
von Pia Maria Plechl mit dem Titel 
"Ein Maurer fand die schöne Madonna" 
erschien. in dem der Sachverhalt in 
wesentlich anderer Weise dargestellt 
wird. 
Die Redaktion 
Im Jahre 1910 sind Dr. Richard Ernst und ich 
durch eine Lichtbildaufnahme des Fata- 
grafen Seidel in Krumau auf die Madonna 
aufmerksam gemacht worden. Seidel. der 
eine reiche sammiung ausgezeichneter Auf- 
nahmen der Kunstdenkrndler und Natur- 
schönheiten des Bohrrierwaldes besaß. konnte 
sich nicht erinnern in wessen Privatbesitz 
sich die Madonna. deren Aufnahme bereits 
längere Zeit zurücklag, befunden hat. Es 
kostete uns daher einige Mühe, das dürftige 
Vorsladthäusctien festzustellen, in dessen Flur 
die Statue in unmittelbarer Nähe des Eingan- 
ges stand. War uns schon beim Anblick des 
Fotos der außerordentliche Kunstwert und 
die kunstgeschichtliche Bedeutung der Plastik 
aufgefallen. so wurde diser Eindruck vor 
dem Original zur hellen Begeisterung ge- 
steigert, Da wir das Bildwerk bei der Art 
seiner Aufstellung der ßeeenadigung durch 
Vorübergehende oder die vor dem Haus 
spielende Straßenjugend ausgesetzt sahen. 
hielten wir es für unsere Pflicht, die Be- 
sitzerin des Hauschens -- ein junges Müd- 
chen - eindringlich auf den großen ,.Schat1" 
aufmerksam zu machen, den sie in der 
Madonna besaß. Es war wohl natürlich, 
ddfl wir bei unserem mehrtägigen Aufenthalt 
in Krumau auch sonst aus unserer Be- 
geisterung kein Hehl gemacht hatten. Die 
Nachricht von unserem Fund war daher 
bald in der ganzen Stadt verbreitet. wie wir 
aus zahlreichen Fragen, die an uns gerichtet 
wurden. entnehmen konnten. 
Nach Prag zuruckgekehrt. berichteten wir 
unserem Lehrer, Professor Dr. Heinrich 
Alfred Schmid. von unserem Erlebnis. Da 
auch er auf Grund des Fotos van der kunst- 
geschichtlichen Bedeutung der Madonna 
überzeugt war. unternahm er den Versuch. 
die Deutsche Gesellschaft zur Förderung der 
Wisenschaften und Künste für die Madonna 
zu interessieren und einen Ankauf derselben 
für eine öffentliche Kunstsammlung zu er- 
wirken. 
Die von der Gesellschaft für diesen Zweck 
zur Verfügung gestellten Mittel erwiesen sich 
jEdOCh als unzureichend. jedenfalls ent- 
sprachen sie nicht den Vorstellungen. die 
sich auf Grund unserer Begeisterung die 
Besitzerin der Figur - und wohl vor allem 
ihr Vormund - von dem Geldwert ihres 
Schatzes gemacht hatten. Das Mädchen er- 
klärte. die Figur nur mit dem ganzen Häus- 
chen zu verkaufen, da sie befürchte. daß bei 
einem Verkauf der Madonna das "Glück" 
das Häuschen verlaäen werde. 
Als ich kurze Zeit hernach. im Spätherbst 
des Jahres191 Z. zum kunsthistorischen Landes- 
konservalor in Böhmen ernannt wurde, 
hielt ich es selbstverständlich für meine 
Pflicht. die Madonna ständig im Auge zu 
behalten und namentlich zu trachten. eine 
Ausfuhr ins Ausland zu verhüten. Als sich 
daher 1913. wie ich in Erfahrung brachte. 
der reichsdeutsche Kunsthandel für die 
Madonna zu interessieren begann. erstattete 
ich hievon einen Bericht an die Zentral- 
kommission für Denkmalpflege in Wien - 
meiner vorgesetzten Dienststelle 7 und be- 
antragte die Erwerbung der Madonna durch 
eine öffentliche Kunstsammlung mit Hilfe 
einer Subvention aus den Mitteln der Denk- 
malDflege. 
Auf Grund meines Antrages wurde die k. k. 
Staatsgalerie in Wien. an deren Spitze Dr. 
Dörnhöffer stand. mit den Ankaufsverhand- 
lungen betraut. Diese Verhandlungen führten 
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