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Full text: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 62 und 63)

druckssprache, die schließlich sieg- 
reich blieb. Innerhalb dieser Viel- 
falt erscheint das Selbstbildnis 
der österreichischen Privatsamm- 
lung (Abb. 1) von relativer Aus- 
geglichenheit. Wohl weist es die 
etwas paradoxe Eigenart eines 
schwerfälligen Pointillismus auf, 
in der zähflüssigen, großforrnigen 
Pinselschrift ebenso wie in der 
dunklen Gesamtfarbigkeit, in wel- 
cher deutlich das dumpfe Hell- 
dunkel seiner holländischen Pe- 
riode nachklingt. Die große Form 
und die „Kleinstruktuf sind aber 
nach einem Prinzip zusammen- 
gehalten, das ganz ähnlich dem 
in den Selbstbildnissen H. VII 
und H. 405 angewendeten ist. 
Dieses Prinzip besteht darin, daß 
das Muster der Pinselstriche wie 
ein Strahlengebilde aus zentri- 
fugalen magnetischen Kraftlinien, 
umschlossen von summarisch an- 
gedcuteten konzentrischen Krei- 
sen, Wirkt. Wir empfinden dieses 
System als suggestiven Ausdruck 
intensiver Kraftanspannung in die- 
sem Gesicht. Darin ist das vor- 
bereitet, was bald danach, in 
Atlas und in Saint-Remy, in 
deutlicherer Weise in der Kunst 
Van Goghs auftritt. Mit solchen 
Strahlenformen aus zentrifugal und 
aus konzentrisch angeordneten 
Strichen hat er ja immer wieder 
die Sonne und Lampen gemalt 
und gezeichnet, mitunter in einer 
bis zum äußersten vereinfachten 
schematischen Weise. Es gibt da- 
neben aber auch eine verborge- 
ncre, kompliziertere und reichere 
Modifikation dieses Formprinzips. 
S0 zum Beispiel in der Rohr- 
federzeichnung nach dem alten 
Bauern Patience Escalier (im Fogg 
Art Museum, Cambridge, De la 
Faille Nr.1460), in der im Bild- 
Zentrum, um Mund und Wangen 
des Mannes, seltsame Strahlen- 
formen sich verdichten. Aber auch 
in seinen späteren Bildnissen, also 
auch den Selbstbildnissen, in denen 
der anfängliche Pointillismus 
längst zu einer eigenen graphi- 
schen Sprache umgebildet ist, 
glauben wir jenes Prinzip einer 
zentrifugalen Ausstrahlung, die 
zugleich eine Bindung ist (auch 
deshalb, weil sie ebensogut zentri- 
petal gelesen werden kann), zu 
spüren. Was in jenen früheren 
Werken unmittelbar, wie ein Dia- 
gramm, sichtbar ist, bleibt in 
seiner Kunst jederzeit und in zu- 
nehmender lntensität spürbar: das 
Kraftzentrum, von dem aus die 
Anatomie eines Gesichts, aber 
auch ein roter Gegenstand und 
auch, in der Sphäre einer über? 
steigerten Perspektive, ein Land- 
schaftsausschnitt erfaßt sind.
	        
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