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Full text: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 66)

Bevor wir uns aber dem Problem der Autorschaft 
für diese Kartons zuwenden, geben wir zunächst 
eine Beschreibung der Reihe, die wir dem oben 
erwähnten Verzeichnis wörtlich entnehmen: 
Die Monate Jänner und Februar. 
Links der sitzende Wassermann, neben einem 
geflügelten Genius (Jänner), rechts ein stehender 
geflügelter Genius mit Fischen (Februar). Im 
Hintergrund eine Winterlandschaft mit Schlittschuh- 
läufern. Der Kranz ist aus Fischen gebildet. Oben 
in einer Kartusche die Inschrift: JANUARlUS 
FEBRUARIUS. Höhe 3,57 m; Breite 4,80 m. Mit 
der Brüsseler Fabriksmarke und der Tapissier- 
bezeichnung D. LEYNIERS. 
Die Monate März und April. 
Links ein stehender gerüsteter Genius mit dem 
Widder (März), rechts Europa auf dem Stiere 
sitzend (April). Im Hintergrund eine Frühlings- 
landschaft mit einem Park und Gartenarbeitern. 
Der Kranz ist links aus Kriegstrophäen, rechts aus 
Blumen und Gemüse gebildet. Oben in einer 
Kartusche die Inschrift: MARTIUS APRILlS. 
Höhe 3,57 m; Breite 4,70 m. Mit der Brüsseler 
Fabriksmarke und der Tapissierbezeichnung D. 
LEYNIERS. 
Die Monate Mai und Juni. 
Links ein geflügelter weiblicher Genius mit den 
Zwillingen (Mai), rechts ein stehender mit einem 
Krebs (Juni). Im Hintergrund eine Frühsommer- 
landschaft mit einer Schafschwemme und -schur und 
einem Bauerntanz vor der Schenke. Der Kranz ist 
aus Blumcn und Gemüse gebildet. Oben in einer 
Kartusche die Inschrift: MAIUS JUNlUS. Höhe 
3,60 m; Breite 6,17 m. 
Die Monate Juli und August. 
Rechts ein stehender geflügelter weiblicher Genius 
mit einem Löwen (Juli), links ein sitzender, neben 
dem eine Jungfrau steht (August). Dahinter eine 
Sommerlandschaft mit l-leumahd und Getreide- 
ernte. Der Kranz aus Früchten. Oben in einer 
Kartusche die Inschrift: JULlUS AUGUSTUS. 
Höhe 3,55 m; Breite 5,50 m. 
Die Monate September und Oktober. 
Rechts ein stehender geHügelter Genius mit einer 
XVaage (September), links ein sitzender mit einem 
Skorpion (Oktober). lm Hintergrund eine Herbst- 
landschaft mit der Weinlese. Der Kranz aus Früchten. 
Oben in einer Kartusche die Inschrift: SEPTEMBER 
OCTOBER. Höhe 3,55 m; Breite 4 m. 
Die Monate November und Dezember. 
Links eine geflügelte weibliche Gestalt auf einem 
Kentaur reitend, dem Schützen (November), rechts 
eine zweite stehende mit dem Steinbock (Dezember). 
Dahinter eine Winterlandschaft mit einem Vieh- 
markt und einem Schweineschlachten. Der Kranz 
aus Wintergemüse und Wildbret. Oben in einer 
Kartusche die lnschrift: NOVEMBER DECEM- 
BER. Höhe 3,55 m; Breite 5,50 m. Mit der Brüsseler 
Fabriksmarke und der Tapissierbezeichnung D. 
LEYNIERS. 
Die Autorschaft. Diese Auffassung der Monats- 
darstellungen vermittelt einen völlig anderen Gesamt- 
eindruck als die Reihe nach den Thyssenschen Vor- 
lagen. Vergleicht man die beiden Serien, so fällt 
bei der späteren Version auf, daß die Lichtwirkung 
bedeutend heller ist und die Figuren freier im Raum 
stehen; Auffassungen, die der archaisch anmutenden 
Flächigkeit und dem „Horror vacui" der Hoecke- 
schen Figurenstaffelung völlig entgegengesetzt sind. 
Den zweiten wichtigen Unterschied bildet die 
dekorative, sogar etwas alfektierte Haltung der 
12 
allegorischen Figuren auf der Reihe aus der Werk- 
statt von Daniel Leyniers gegenüber der monu- 
mentalen Schwere und Plumpheit der plastisch 
stärker durchmodellierten Körper bei den mehr 
italienisch beeinHußten Malern van den Hoecke und 
Thyssens. Zusammenfassend könnte man sagen, daß 
die Version aus der Werkstatt von Daniel Leyniers 
einen leichteren und gelösteren Eindruck vermittelt, 
der vor allem durch eine den ganzen Raumeindruck 
bestimmende Lichtwirkung hervorgerufen wird ß). 
Auffallend an der Komposition der sechs Teppiche 
ist ein gewisser Dualismus der figuralen Vorstellung: 
die großen allegorischen Figuren im Vordergrund 
scheinen von einer anderen Hand herzurühren als 
die Genredarstellungen in der Landschaft des 
Hintergrundes. Unserer Meinung nach haben zwei 
Maler die Kartons ausgeführt: David ll. und Da- 
vid lll. Teniers. Diese Behauptung stützt sich auf 
stilistische Übereinstimmungen zwischen den sechs 
Teppichen und anderen gesicherten Kompositionen 
beider Meister. 
Der soeben erwähnte Gesamteindruck einer durch 
helle Lichtwirkung hervorgerufenen Leichtigkeit 
und Weite findet sich auch in anderen nach Kartons 
von David ll. Teniers hergestellten Teppichen. 
Wir verweisen da z. B. auf die Folge der „vier Welt- 
teile" aus der Sammlung Perinat zu Madrid"). 
Auch dort bilden diese Merkmale das bestimmende 
ästhetische Moment der künstlerischen Wirkung. 
Zur Bekräftigung unserer Hypothese können 
aber noch weitere Übereinstimmungen angeführt 
werden: 
1. ln Haltung und Bewegung entsprechen die 
Monatsfiguren Juni und November der Personi- 
Hkation der Europa auf der Darstellung der Welt- 
teile in Madrid. 
2. I'm Typus weisen die nackten Putten eine starke 
Ähnlichkeit mit denen der Europadarstellung auf. 
Das bezieht sich auch auf die Haltung. Als Beispiel 
seien die Putten auf dem Teppich „Juli August" 
genannt. 
3. Die etwas konkave Nasenbildung bei den alle- 
gorischen Frauengestalten findet sich auch bei 
einigen Figuren der Festmahlszene der nach den 
Kartons von David lll. Teniers ausgeführten und 
1684 datierten Tassisreihe aus den Sammlungen des 
Palais Thurn und Taxis in Frankfurt am Main W). 
4. Die in der Umrahmung der Hauptdarstellung 
verwendeten Attribute der allegorischen Figuren und 
die Produkte der jeweiligen Monate kommen auch 
in vielen Gemälden von David ll. Teniers vor. 
Sie sind z. B. im Vordergrund seiner zahlreichen 
Küchen- und „Corps-de-garde"-Stilleben mit Fischen, 
Wildbret und Geflügel, aber auch mit Waffenröcken, 
Trophäen und Trommeln zusammengestellt. Außer- 
dem entspricht die preziöse Ausführung dieser ver- 
schiedenen Stilleben auf den sechs Monatsteppichen 
derjenigen seiner Gemälde. 
5. Die Genreszenen im Hintergrund, Leute, die mit 
verschiedenen jahreszeitlichen Arbeiten beschäftigt 
sind, wurden Gemälden von David ll. entnommen 
und lassen in der Kompositionsweise der vom 
landschaftlichen Hintergrunde ganz aufgenommenen 
Einzeldarstellungen sogar deutlich den Spätstil des 
Meisters erkennen I1). 
Wann die Reihe und die Kartons ausgeführt wurden, 
ist nicht genau bekannt, weil keine Daten auf den 
Teppichen angegeben sind. Da jedoch die Haar- 
tracht der allegorischen Frauenfiguren mit jener der 
Damen auf der Tassisreihe übereinstimmt, könnten 
als Entstehungszeit die Jahre um 1680 angenommen 
m: Monate November und y 
Dezember. Aus der Monats- 
folge "am den Vorlagen von 
Vieler Thyssens. Wien, cum- 
limnmmlung Nr. 210 
m.- Monate März und April. p 
Aus dcr Monalsfolgc nach dcn 
Vorlagen von David n. und 
David m. Tcnicrs. Wien, 
(iohclinszmmlung m. 213
	        

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