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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 66)

Am 14. April 1751 wurde im Stift Seitenstetten, zu 
dem die Sonntagberger Kirche auch heute noch 
gehört, der „HauptcontracW zwischen dem Bau- 
herrn, Abt Dominicus Gußmann, und dem „kunste 
reichen Herrn Melchior Häferle (Hefele), 
nehmen Architektisten in Wien, wegen des Gnaden 
Hochaltar am Sonntagberg beschlossen" l). Als 
Vertragsunterlage diente, wie das in solchen Fällen 
üblich war, ein VOm Architekten ausgeführtes 
Modell (Abb. 6). Dieses höchst reizvolle Werk der 
Kleinplastik ist bis heute erhalten geblieben und 
beiindet sich in den Kunstsammlungen des Stiftes 
Seitenstetten. Melchior Hefele (i716?98) betonte 
in einem späteren Zusammenhang mit nicht geringem 
Stolz, daß er „nicht allein der Verfertiger dieses 
Modell, sondern auch der einzige Erfinder dieses 
kunstreichen Werkh" sei. 
Bauherr und Architekt waren sich der Bedeutung 
ihres Vorhabens wohl bewußt, sollte doch der 
Altar den würdigen Rahmen für das (inadenbild 
der Hl. Dreifaltigkeit bilden, dem in jener Epoche 
hohe Verehrung entgegengebracht wurde. Das Volk 
nahm zu ihm besonders in Türkengefahr und Pest, 
den beiden größten Nöten der damaligen Zeit, 
seine Zuflucht, errichtete ihm zahllose Gedenk- 
säulen in Stadt und Land und veranstaltete große 
Wallfahrten auf den Sonntagberg, deren Stand 
bereits an den von Mariazell heranreichte. Nach 
dem Entwurf des Architekten sollten die Gläubigen, 
am Ziele ihrer Andacht angelangt, zu einem 
mächtigen, goldüberglänzten Marmortempel empor? 
blicken, dessen Pracht und künstlerische Aus- 
stattung wohl den Vergleich mit den schönsten 
VOI- 
Altarschöpfungen des Landes aufzunehmen, ja sie, 
wenn möglich, zu übertreffen vermochte. Also 
wurde im Vertrag in Aussicht genommen, die 
Plastiken und sämtliche Ornamente in Blei-Zinn mit 
„gelösten Beysatz" zu gießen und zu vergolden. 
Mit diesem Vorhaben wurde nun tatsächlich der 
Altar von Sonntagberg, was das für den plastischen 
Schmuck vorgesehene Material betraf, über die 
anderen Altarwerke des Landes herausgehoben, bei 
denen die Plastiken und Dekorationen entweder in 
Holz oder in Stein ausgeführt worden waren, und 
in eine Reihe mit den berühmten Meisterwerken 
Raphael Donners in den Domkirchen von Preß- 
burg (1733v35) und Gurk (l740!41) gestellt. 
Die Kosten, die der Architekt für dieses große 
Werk veranschlagte, waren allerdings dement- 
sprechend hoch: „in Summa 22.560 H." Vorsichtse 
halber wurde darum dem Vertrag ein Alternativ- 
vorsehlag hinzugefügt, wonach, falls man zu dem 
Beschluß käme, die Hguralen Plastiken nicht in 
Metall, sondern in Holz auszuführen, die Gesamt- 
kosten nur 16.960 fl. betragen sollten. 
Dabei berücksichtigte dieser Vertrag noch mit 
keinem Wort die umfangreichen Marmor- und 
Silberarbeiten für den Tabernakelaufbau (Abb. 5) 
und das Gnadenbild (Abb. 1): die beiden Seraphim, 
die zwei großen Engel, die das Gnadenbild tragen 
sollten, das Tabernakel selbst, den Rahmen und den 
Strahlenkranz um das .Gnadenbild - wie sie 
Hefeles Modell vnrsah. Darüber wurden erst 1756 
separate Verträge abgeschlossen. 
Nun wäre also anzunehmen gewesen, daß man sich 
sogleich an die Arbeit gemacht hätte. Anstatt dessen 

	        

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