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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 66)

scher und künstlerischer Hinsicht. In Limoges hat 
man dann im folgenden Jahrhundert ein Devotio- 
naliengeschäft großzügigster Art unter völliger Ver- 
nachlässigung der Qualität aufgezogen. Und alle 
Welt kaufte die Reliquienkästchen, Buchdeckel, 
Krummen, Pyxiden etc. Rupin schreibt in seinem 
Werk über das Limousiner Email (S. 171): „Des 
le Xllle siecle la fraude s'etait introduite en France 
et specialment dans l'orfe'vrerie parisienne d'une 
maniere excessive. On denaturait les me'taux par des 
alliages et des compositions frauduleuses. On dorait 
et on argentait des obiets en laiton et en etain, on 
melangeait du plomb, de l'etain et du cuivre blanc 
(arseniaire de cuivre) pour composer un metal ayant 
toute Papparence de l'argent pur et le tout se vendait 
eHrontement au titre de l'or et de Pargent. Les 
pierres precieuses etaient elles-memes falsifiees et on 
en fabriquait avec des pätes et des verres colores." 
Bei den mittelalterlichen Limogesarbeiten spürt man 
die fast fabriksmäßige Herstellung im Email, in 
den aufgelegten Körpern oder Köpfen, die fast 
immer die gleichen sind, in der sparsamen Ver- 
goldung, in der Art, wie die Firstkämme der Kästchen 
behandelt sind (Abb. 11). 
Um 1760 erfand Thomas Boulsover in Sheffield ein 
Surrogat, aus dem sich rasch eine große Industrie 
entwickelte. Er erfand das Aufschmelzen von Silber 
auf Kupfer, ein Vorgang, der dann im 19. Jahrhun- 
dert auf elektrolytischem Wege erfolgte. Um das 
Surrogat nicht auf den ersten Blick zu verraten, 
wurde bei der Herstellung von Gefäßen die Schnitt- 
kante mit einem Silberdraht bedeckt, für Mono- 
gramme und Wappen wurden Silbertäfelchen auf- 
gelötet; in den ersten Jahren wurden die Gefäße 
aus Sheffield Plated sogar noch mit Punzen ver- 
sehen. 
Das Glas diente von alters her als Ersatz für Halb- 
edelsteine nicht nur in Form von kleinen Pasten 
und Perlen, sondern von ganzen Gefäßen. Schon 
unter den Gläsern der Antike finden sich solche 
aus farblosem oder buntem Glas, meist flache 
Schalen, die in eine Form gegossen und dann ab- 
gedreht wurden. Auch die mehrschichtigen Kameen 
haben es den antiken Glaskünstlern angetan, sie 
verwendeten diese als Vorbilder für Prunkgefäße 
wie etwa die Portlandvase. Daß den antiken Stein- 
schneidern die Glaspasten als Material nicht zu 
minder waren, zeigt der blaue Cäsarenkopf im 
Kunsthistorischen Museum in Wien. Im nahen 
Osten dient das dickwandige Glas immer wieder 
als Ersatz für Bergkristall: Syrien 5. bis 6. Jahr- 
hundert; kleine Flakons, Ägypten, 9. Jahrhundert 
(Abb. 12); die sogenannten lledwigsgläser, Ägypten, 
12. Jahrhundert. Den Bergkristall ersetzen sehr wohl 
die Hochschnittgläser vom Beginn des 18. Jahr- 
hunderts und die dickwandigen Schliffgläser aus der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch die Nach- 
ahmung der bunten Halbedelsteine stirbt nicht aus; 
jede Epoche der Glasmacherkunst hat ihre beson- 
deren Neigungen: die Antike das Achatglas, Venedig 
das Jaspisglas, das 17. Jahrhundert das Rubinglas, 
das 18. und 19. Jahrhundert das farbig marmorierte 
Glas. 
Auch bei den Techniken der Glasveredelung gibt 
es zeitweise Surrogate, z. B.: kalte Bemalung statt 
des Ilmaildekors, statt des Schneidens mit dem 
Rad das Aufätzen mit Säuren, die Behandlung mit 
dem Sandstrahlgebläse; statt des Überfangens das 
Streichen als wesentlich billigeres Verfahren, und 
schließlich setzte Amerika an die Stelle des Schleifens 
das Pressen. 
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Auf dem Gebiete der Keramik dient in manchen 
Gebieten einige Generationen hindurch die Mezzo- 
majolika (Abb. 15) mit der billigeren Bleiglasur als 
Ersatz fiir die Majolika. , 
Über die Surrogate für richtiges Hartporzellan 
(Milchglas, Fayence, Fritte, Bonechina) braucht man 
wohl nichts Ausfiihrlicheres zu sagen, sie sind oft 
genug besprochen worden. Überraschend ist nur, 
daß man etwa zwei Generationen, nachdem die 
lange erstrebte Herstellung von Hartporzellan ge- 
lungen war, diesem einen Ersatz im Steingut 7 
billigere Masse, billigere Brände I zur Seite stellte. 
Beim Möbel beginnt die Ersatzwirtschaft mit dem 
Furnieren, das Furnier dient zur Vorspiegelung 
falscher Tatsachen, eine harte Haut f seit langem 
eigentlich nur mehr ein Hauch i über weichem 
Knochenbau. Auch die lntarsia konnte ersetzt 
werden durch die Verwendung von Schablonen 
oder durch Malerei (Bernardo Luini in Sta. Maria 
delle Grazie in Mailand). Bei den französischen 
Renaissancemöbeln kann es vorkommen, daß ein- 
gegrabene ornamentale Linien nicht mit einer 
anderen Holzart, sondern einfach mit einer Teig- 
masse gefüllt wurden. An Stelle des teuren Schild- 
patt, das bei fürstlichem Mobiliar im 18. Jahrhundert 
so gerne verwendet wurde, setzte man Wurzelmaser 
oder man goß die Zwischenräume der Messing- 
auflagcn mit einer asphaltartigen Masse aus. 
Fiir kleine Kästchen hatte man schon im frühen 
Mittelalter gerne Elfenbein verwendet, anfangs als 
aufgelegte flache Plättchen, oft mit einfacher Be- 
malung, später wurde der ljlfenbeinbelag mehr oder 
weniger reich geschnitzt. Dafür fand man in ltalien 
im 15. Jahrhundert einen Ersatz in den Pastiglia- 
kästchen; entweder wurden ganze XVandungen und 
Deckel aus einer teigartigcn Stuckmasse aus Formen 
ausgequetscht und auf dem Holzkern des Kästchens 
befestigt, oder man setzte den Dekor aus kleineren 
Reliefs zusammen; Vergoldung und Bemalung 
wurden zur Verschönerung beigesteuert (Abb. 13). 
1m Gegensatz zu den Brettsteinen der deutschen 
Renaissance wurden die Brettsteine des Barock ge- 
prägt, und zwar wie Münzen oder Medaillen mit 
einer Avers- und Reversseite; meist wurden die 
Prägestöcke von Medaillen auch fiir die Herstellung 
der Brettsteine verwendet, so daß man die Brett- 
steine in ganzen Serien herstellen konnte (Abb. 15). 
Ein Surrogat, ohne das man sich die Barockarchi- 
tektur Süddeutschlands und Österreichs nicht vor- 
stellen könnte, ist der Ersatz polierter Steinarten 
durch marmorierten Stuck. Hier übertrumpft das 
Surrogat den echten Stein; die Beweglichkeit und 
Möglichkeit in der farbigen Ausstattung und Farb- 
abstimmung war ja bei den Meistern des Kunst- 
marmors weitaus größer als bei dem von der Natur 
gelieferten Stein. Gelegentlich konnte der farbige 
Stuck auch für Fußböden verwendet werden 
(Abb. 16) und war ein würdiger Nachfolger des 
antiken Mosaiks und des byzantinischen Opus 
sectile. 
Das alles sind Surrogate, auf die man in der Ge- 
schichte des Kunsthandwerks immer wieder stößt, 
und die Liste ist damit sicherlich nicht erschöpft. 
Und wenn uns heutzutage ein neuauftauchendes 
Surrogat verdrießt, so müssen wir an die Worte des 
Predigers denken: „Was gewesen ist, das gleiche 
wird sein, und was geschehen ist, das gleiche wird 
geschehen, und es geschieht nichts Neues unter der 
Sonne. Und geschieht auch etwas, von dem man 
sagt: Siehe, das ist neu, ist's doch zuvor auch ge- 
schehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind."
	        

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