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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 66)

Der kleine Gustinus begann nun zu modellieren. ()hne eine Schule zu besuchen, 
lernte er an den Aufgaben seiner älteren Brüder, die er machte, lesen und schreiben. 
Mit 13 Jahren las er die Bibel, Platon, Dante, Aischylos, Horaz, Nietzsche, die 
Evangelien und die Bekenntnisse des Marcus Aurelius und galt als Wunderkind. 
Zur selben Zeit wurde er Lehrling bei einem Dekorationsbildhauer in Prag, 
wo er in Gips, Zement, Tun, Marmor arbeiten und früh die Miihsale des Hand- 
werks kennen lernte. Mit 15 Jahren verlor er seinen Vater, der in geistiger Um- 
nachtung starb. Die Familie, seit 1798 nach Graz zuständig, zog dorthin. Der 
junge Ambrosi arbeitete bei drei Dekorationsbilclhauern weiter und besuchte 
die Staatsgewerbeschule. Nachts bei Kerzenschein entstanden seine eigentlichen 
XVerke. 
Das Erlebnis des Todes löste in Arnbrosi sein erstes gültiges Werk aus. Als er 
im dritten Stockwerk eines Neubaues am Zierat der Fassade arbeitete, glitt ober 
ihm am Dachstuhl ein junger Dachdecker aus und stürzte am entsetzten Ambrosi 
vorbei iäh in die Tiefe, wo er auf dem Pilaster mit gebrochenem Genick liegen 
blieb. „Der Anblick des Entseelten, der mit geöffnetem Munde dalag, als wollte 
 
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er noch etwas 7 das Letzte 7 7 7 sagen", ergrilT den jungen Ambrosi so 
mächtig, daß er den „Mann mit dem gebrochenen Genick" schuf (1909), sein 
erstes gültiges Frühwerk. Ambrosi sandte es in die Ausstellung der Genossen- 
schaft Bildender Künstler Steiermarks (1910) und wurde 7 noch als Lehrling - 7 
ordentliches Mitglied. 1912 fand Ambrosis erste Kollektivausstellung mit 42 Wer- 
ken im Grazer Landesmuseum statt, er erhielt den Staatspreis für Plastik der 
ÖÖsterreichischllngarischen Monarchie, und der Kaiser verlieh ihm aufLebenszeit 
ein Staatsatelier im Wiener Prater. 
Obwohl Ambrosi dann in ganz Europa Kullektivausstellungen veranstaltete, 
blieb Wien der Mittelpunkt seines schöpferischen Tuns. Hierher kehrte er immer 
wieder zurück, wenn er auch oft Monate und Jahre an anderen Stätten arbeitete: 
in Paris, Rum, Florenz, in Basel, Zürich und St. (jallen, in Antwerpen, Brüssel 
und Amsterdam, in Köln und Budapest, in Graz und Innsbruck. Alles, was 
im Ausland geschaffen wurde, ward in seinen drei Wiener Ateliers ausgeführt. 
lm ersten Weltkrieg und zwischen den beiden Weltkriegen entstanden in Wien 
viele Kolossalwerke: Der upfernde Abel (1917), ErschaEung Adams (1919), 
Promethidenlos (1917-1918), Kain (1922), Die Erkenntnis (1923), Jupiter und 
Jo (1920), verschiedene Versionen von Orpheus und Eurydice wie vom heiligen 
Sebastian (1916 1927), Orpheus (1929), Mutter Erde (1930) usw. Alle diese 
Werke sind aber aus den Namen allein nicht zu begreifen, es sind, wie Ambrosi 
sagt, „menschliche Bestimmungen, die seit Jahrmillionen im menschlichen Wesen 
immer wiederkehren". 
Wlien ist seit 1912, also schon ein halbes Jahrhundert, Ambrosis Heimat, er 
unterschreibt sich seit je: „Ambrosi, Bildhauer in Wien." 
Neben den großen Werken, denen seine künstlerische Sehnsucht gehört, schuf 
Ambrosi seit 1906 weit über 600 Porträtbüsten, die ihn zum plastischen Por-
	        

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