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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 66)

Die nkrale Baukunst der Gegenwart erreicht mit der Auflösung der Wände zu einem rasterartigen Gerüstsystem eine der 
gotischen Bauweise verwandte Grundstruktur Um das reduzierte Mauerwerk aber zu einem Raume zu schließen, bedient sich 
der moderne Architekt vorwiegend des Glases, das sich in der Profanarchitektur schon seit Beginn des Jahrhunderts als ein 
gleichwertiges Baumaterial durchgesetzt halle. Fijr den Sakralbau sind Jedoch weniger die Funktionen des farblosen Glases 
bedeutsam, Vermittlung des Tdgeslichtes und Verbindung zur Umgebung, als vielmehr die ästhetisch-künstlerischen Möglich- 
keiten, die das veredelte Farbglcis in sich trägt. Wie kein anderes Material kann die Verwendung von farbigen Glaswänden die 
liturgische und symbolische Bedeutung des Kirchenraumes erhöhen und die religiöse Andachtsstimmung vertiefen. Damit kommt 
der monumentalen Glasmalerei für die Gegenwart eine Bedeutung zu. wie sie nur zur gotischen Epoche, die eine Blütezeit 
der Glasmalerei war, vorhanden gewesen ist 
Welches Material wäre geeigneter als das Glas, dem Grundverhalten des religiösen Menschen zu entsprechen, durch das 
Sinnliche zur Erkenntnis des Geistigen zu gelangen? Sind nicht Licht und Glas eine untrennbare Einheit7 Und erhält nicht erst 
das Material durch das Licht seine Wirkungsweise, seine Strahlungskraft? lst das buntleuchtende Glas nicht der am besten 
geeignete Bildtrüger für die Darstellung der Mysterien und bewirkt die künstlerische Gestaltung, die rnit dem farbigen Glas? 
materiat .,maIt", nicht iene Transparenz und Verklärung. die im farbigen Abglanz den göttlichen Seinsgrund ahnen lassen? 
Altenthalben sind bereits Kirchenräume geschaffen worden, deren leuchtende Glaswände alle Möglichkeiten einer zeitgemäßen 
monumentalen Glasmalerei ausschöpfen. Frst vor kurzem hat die in Wien lebende iunge Künstlerin tsolde Maria Joham einen 
Zyklus von farbigen Glasfenstern vollendet, die dem Wesen und der Aufgabe einer zeitgemäßen monumentalen Glasmalerei 
gerecht werden, Dieser Zyklus wurde für die Heilig-Geist-Kirche der Porzelldnstadl Selb in Bayern entworfen und von der 
Künstlerin auch handwerklich ausgeführt. Im Einverständnis mit dem Bauherrn wählte lsolde Maria Joham für die Thematik 
der Fenster den von dem Propheten Daniel berichteten Lobgesang der drei Jünglinge im Feuerofen. Gemeinsam mit dem 
Architekten wurden die Fenster so disponiert, daß sie ein horizontales Band von neun ieweils 4,20 m breiten und 1,50 m hohen 
Öffnungen an den Längsseiten des Kirchenraumes nahe der Decke ergeben. Im Anschluß daran wurde das 10 m hohe und 
4.20 in breite Heilig-Geist-Fensler für den Altarraum angeordnet. Zusammen mit den beiden vom Boden bis zur Decke reichenden 
Fenstern der Emporenwand ist damit nicht nur die Möglichkeit einer thematischen Erweiterung gegeben, sondern wird vor 
allein durch die Vertikalerstreckung das Raumgefühl ins Gleichgewicht gebracht. 
für die Lobpreisungen des Hymnus, dessen künstlerische Gestaltung Isolde Maria Joham seit Jahren beschäftigte, wählte sie 
iene neun Bilder aus, die ihr für die Wiedergabe im Glasmaterial besonders geeignet erschienen. Der Zyklus beginnt mit der 
Lobpreisung Gottes durch Feuer und Glut, er wird fortgesetzt mit den Lobpreisungen durch alles. was wächst. durch die Engel, 
durch die Erde selbst, durch Wasser und Luft, durch Sonne und Mond, er endet mit dem Lobpreis durch Frost und Kälte. 
Um diese Thematik anschaulich und überzeugend zu gestalten, entschied sich Isalde Maria Joham für eine einheitliche, drei- 
geteilte Grundform der Fenster in den Längswänden. Von den ieweils acht Scheiben bilden vier eine Mittelgruppe. die durch 
Betonbalken von den nur zwei Scheiben umfassenden Seitenteilen abgesetzt ist. Die über diese drei Teile ausgebreitete Kom- 
position betont die Mitte, die zumeist als Kerne oder Kreisform dargestellt ist, und ist auf einfachste Zeichen und ursprüngliche 
Bewegungstendenzen reduziert. Die aus dunkel- und hellroten Glasteilen zusammengesetzten Feuerscheiben lassen flammen- 
artige Bildungen erkennen, die von der als Kraftzentrum aufgefaßten Mitte nach den Rändern wie Wärmewellen sich verbreiten. 
Im Wasserfenster verebben blaue Wellenformen in konzentrischen Ringen, wie sie der ins Wasser geworfene Stein bewirkt. 
Im Engelfenster sind es augenartige Zeichen innerhalb einer gelb und weißleuchtenden Spiralform. die das dynamische Kreisen 
und das ,.Voller-AugeneSeiit" der Engelschöre versinnbildlichen. Die vom mittleren Kraftzentrum herauswachsenden Ast- 
formen eines Baumes kennzeichnen das Fenster der Gewächse. Das Luftfenster ist von vibrierenden, schwingenden Formen 
in tijrkise und griinblauen Farbtönen erfüllt. Im Frostfenster herrschen die harten, bizarren und kristallinischen Bildungen. im 
Sonnenfenster leuchtend gelbe Kreisformen, .,tausend Sonnen". innerhalb eines weißen und hellroten Strahlenfeldes. iin 
Mondfenster blaßleuchtende Mondgebilde innerhalb tiefblauer, elliptisch schwingender Bahnen. Das Erdfenster schließlich 
ist erfüllt von den grünen, abgegrenzten Bildungen. die der ErdeFeste zukommen. 
Lassen die neun Fenster der Längswände schon den strengen Gestaltungswilten der Künstlerin erkennen. so erreicht er in der 
Komposition des Heilig-GeisteFensters eine besonders eindrucksvolle Ausprägung. Hier galt es eine Fläche von 42 Quadratmetei 
so zu bewältigen, daß Wesen und Wirkung des Heiligen Geistes auch für den naiven Betrachter verständlich und erlebbar 
werden können. lsolde Maria Joham hat daher noch bewußter als bei den übrigen Scheiben diese große Komposition auf 
die Grundelemente eines monumentalen Flächenstils zurückgeführt. 
Alle Konzentration, alle Bewegung geht von der Mitte aus, die aus einem siebengeteilten. in sich ruhenden Kreis besteht. Die 
parallel geführte siebenmalige Wiederholung von immer größer werdenden Kreisen ist geeignet, diesen ersten Eindruck zu 
vertiefen. Die strenge Gliederung dieser Sphären in sich durch die abstrakten Gebilde von Halbkreisen und Kreissegmenten 
nach Zahl- und Maßverhältnissen e dem Ganzen liegen die Zahlen Eins, Sieben und Sieben mal Sieben, den Teilen der goldene 
Schnitt zugrunde e, ist deutlicher Hinweis auf eine „größere Ordnung". Durch die Verschiebung der sich ständig wieder- 
holenden Grundformen von Sphäre zu Sphäre erscheint das Ganze von einer großen, kreisenden und machtvoll strömenden 
Bewegung erfüllt, Zusammen mit einer zu strahlendem Weiß und feierlich leuchtenden Rottönen gesteigerten Farbigkeit entsteht 
der Eindruck einer lebendigen Ordnung und einer in sich bewegten und bewegenden Einheit, die eindrucksvoll die Macht und 
die Wirkung des Heiligen Geistes verdeutlichen. Mit dieser Komposition hat Joham eine echte Abstraktion geschaffen. die durch 
die bewußte Rückführung auf das Wesenhafte der Formen, der Zahl und der Maße, eine letzte Ausschöpfung und damit die 
Steigerung des Darstellungsinhaltes bedeutet. 
Im Gegensatz zu den Zentralkompositionen des t-leilig-Geist-Fensters und der Langhausscheiben sind die beiden Fenster der 
Emporenwand vertikal aufgebaut. An höchster Stelle und nahezu die obere Hälfte der Fenster einnehmend, sind die Gestalten 
der Maria als Fiirbitterin und cles auferstandenen Christus angeordnet. Im Christusfenster, dessen Carpus mysticum ja die Kirche 
ist, schließen nach unten hin in den Farben weiß-rot, gelb-rot und grün-rot die Opfersymbale des Neuen Bundes (Brot und 
Wein), des Alten Bundes (Opfer des Melchisedech) und der Uroffenbarung (Kain und Abel) an. Im Marienfenster iedoch sind 
zwischen den Symbolen des Lebens und der Fürbitterin der Menschheit die Zeichen der Berufe, Kunsthandwerker und Künstler 
eingefügt, die in der Stadt Selb tätig sind. Aufdiese Weise wurde den Wünschen des Pfarrherrn und der Gemeinde entsprochen. 
Alle diese Glasfenster sind in der Technik der Bleiverglasung von lsolde Maria Joham selbst ausgeführt worden. Für die Wände 
des Erdgeschosses jedoch hat sie noch zahlreiche kleine Betonglasfenster geschaffen. die in Symbolen die Sakramente und die 
christlichen Tugenden darstellen. Ihre Farbigkeit, durch die außergewöhnliche Farbdichte des Dickglases von der intensiven 
Leuchtkraft der Edelsteine Rubin, Saphir und Smaragd, stellteine farbliche und rhythmische Bereicherung des lnnenrauines dar. 
Mit diesen thematisch umfassend und künstlerisch monumental gestalteten Glasmalereien hat lsolde Maria Joham der Heilig- 
GelSirKlFCltE! von Selb jene ,.Erhöhung" gegeben, der auch die nüchterne Gegenwart bedarf, wenn sie das Mysterium der 
Icucharistie wurdig zu feiern gedenkt, 4 
4')
	        

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