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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 66)

SAKRALE GEMÄLDE IN EMAIL 
Ausslelluig 
Pepi und Elisabeth Weixlgartner in Rom 
Die Kunst des [inailschmelzens aus 
ihrer angewandten dienenden Funktion 
emanzipiert und zu einer neuen Form 
der Malerei erhoben zu haben, das ist 
der Anspruch, den Pepi Weixlgartner- 
Neutra und ihre Tochter Elisabeth 
Soederberg-Weixlgartner für sich gel- 
tend machen können. 
Aus Schweden, wo die beiden Kunst- 
leririnen seit Jahren leben und wo sie 
aui' die Entwicklung der religiösen 
Kunst nicht ohne Einiluß geblieben sind. 
wurden sie von der Golleria „L'Agosti- 
niana" in Rom eingeladen, ihre Arbeiten 
eben zur Zeit des ll. Vatikanischen 
Konzils und des 4. Krönungsjubilüums 
von Papst Johannes XXIII. auszustellen. 
Diese Galerie. die ausschließlich reli- 
gioser Kunst gewidmet ist. wird von 
den Augustinerpatres auf der Piazza del 
Popolo unweit der gleichnamigen Porto 
unterhalten, durch welche vor dem 
Zeitalter der Eisenbahn- und Luftfahrt 
die Pilger aus dem Norden in die 
Ewige Stadt eingezogen sind, Das alles 
ist imstande, dem Ereignis dieser Aus- 
stellung ganz besondere zeitliche und 
räumliche Voraussetzungen zu geben. 
In Formensprache und Farbgebung 
verschieden, rechtfertigen dieselben 
Techniken, Email und Graphik, die 
gleichzeitige Prcisentierung der Werke 
dieser beiden Kunsllerinnen in einer 
gemeinsamen Schau. 
Pepi Weixlgörtner kommt vom Wiener 
Expressionismus her. Das zeigt vor 
allem das Emciilbild der drei Marien. 
eine ihrer letzten Arbeiten. Aus einem 
tiefen somtigen Schwarz heben sich die 
weiß umhullten Antlitze heraus. Kraltige 
Ausdrucksmasken tragen die Namen 
,.Moyses" und ..Lazarus". Der Schmerz 
in seiner reinigenden Gewalt ist das 
zentrale Thema. unter dem die meisten 
Werke stehen: .,Ntater dolorosa", „Ecce 
I-lomo", "Passio Domini". Die Gra- 
phiken sind ebenfalls von tiefem Ernst 
getragen: so das Portrat des Gatten 
der Künstlerin. des ehemaligen Direk- 
tors der Gemäldegalerie am Kunst- 
historischen Museum und verdienten 
Betreuers der Weltlichen und Geist- 
lichen Schatzkammer in Wien, Arpad 
Weixlgartner. der vor einem Jahr in 
seinem schwedischen Exil verstorben 
ist. oder ienes des Bruders der Kunst- 
lerin, des Architekten Richard Neutra. 
Auch die beiden grolllorinatigen Litho- 
graphien ,.Pieta" utd „l-ll. Johannes", 
die sich im Besitz der Vatikanischen 
Bibliothek befinden, sind zu sehen 
ElisabethSoederberg-Wzixlgärtnerzeigt 
vor allem Altarbilder in Email, die 
schon in ihren Ausmaßen alle; bisher 
ciut diesem Gebiet Geschaflene über- 
ragen. Aber es handelt sich immer 
noch erst um Entwurte 7u einer Aus- 
tuhrung in weit größeren Dimen- 
sionen. 
Strenge und Klarheit beherrschten die 
großzügig geplanten Hachen. Durch 
den Spielraum den die Emailkunst 
zwischen Gestaltungswillen und er- 
zieltem Ergebnis durch den Vorgang 
des Schmelzens offen lößt, entstehen 
uberraschende tachislische Reize. Im 
Emailbild des „Melchisedek" finden 
sich Bezüge zu der ausdrucksstarken 
Kunst ihrer lvtutter. 
Die Ausstellung llFldSl in der Presse 
und in Fachkreisen viel Beachtung, 
Das italienische Fernsehen brachte 
iiber sie eine austuhrliche Sendung. 
EINE GALERIE DES GLEICHGEWICHTS 
Eine große Aufgabe hat sich die neue 
Galerie „ll Bilico" in Rom gestellt. 
lhr Marne bedeutet „das Gleichgewicht". 
Dieses im heutigen Kunstleben herzu- 
stellen. ist ein kühnes Unternehmen. 
Immerhin haben die wenigen Galerien 
von Formal in Rom eine wesentliche 
Verstärkung erhalten. Das Verdienst 
hietür trifft die Schriftstellerin Nina 
Lourorf Maglietta. unter deren Leitung 
diese neue Galerie steht. 
Schon die Erolfnungsausstellung, die 
dem Dadaismus gewidmet war, stellte 
Iur Rom ein außerordentliches Ereignis 
dar Seil den zwanziger Jahren, da 
 
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Ein Katalog, der in italienischer und 
lateinischer Sprache abgefoßt wurde, 
erleichterte den Kontakt zu den Konzils- 
vatern, die ebenfalls im Hinblick auf 
die Ausgestaltung der Kirchen in ihren 
Heirnatdiözesen der Ausstellung großes 
Interesse entgegenbringen. W. ZeIIl 
IN ROM 
Anton Giulio Bragaglio und Enrico 
Prampolini in Rom um einen Kontakt 
mit den großen europäischen Be- 
wegungen in der modernen Kunst 
bemüht waren, sind die Werke der 
Dadaislen aus der traditiansgebundenen 
Ewigen Stadt verbannt geblieben. 
Eine der nächsten Ausstellungen der 
Galerie „ll Bilico" wird im Jünner l963 
die Wiener Gruppe der phantastischen 
Realisten mit Brauer, Fuchs, Hausner, 
Lehmden, Regschek und Urbach zeigen. 
Mit dieser Ausstellung isl auch eine 
Graphikschau mit Werken von Allred 
Kubin verbunden. Walter Zettl 
CARL LEOPOLD HOLLITZER 
Zur Ausstellung seiner Karikaturen im 
Sciiaiiraum der Österreichischen Staats- 
driickerei. Wien I, Wollzeile. Nov. 1962 
ln der Presseinformation. die dieser 
Ausstellung beigegeben war. heißt es 
sehr richtig: ..Carl Leopold Hollitzer 
ist. obwohl nur mittelbar. ein Opfer 
des zweiten Weltkriegs geworden... 
Ein Mann. der immer nur zu tun ge- 
wohnt war. was ihm paßte . . .versagte 
in der Unfreiheit dieser Zeit. Weder 
russisch noch politisch belastet. . . hat er 
trotzdem seit 1938 nichts mehr ge- 
schaffen. Ihm fehlte die Mehrzahl der 
besten Freunde. Einige waren emi- 
griert. andere grausam ermordet . .  
Peter Altenberg. Karl Kraus. Adolf 
Loos. Egon Friedell. der Burgschau- 
spieler Albert Heine, Franz Theodor 
Csokor. Grete Wiesenthal und viele 
 
andere gehörten zu seinem Kreis: die 
Tlschgesellschaft. der er vor dem ersten 
Weltkrieg angehörte, trat allabendlich 
im Cafe Central zusammen. besuchte 
anschließend verschiedene Nachtlokale 
und löste sich frühmorgens im Cafe 
de l'Europe auf. Zahlreiche Karika- 
turen entstanden bei diesen nächtlichen 
Zusammenkünften. eine große Aus- 
wahl von ihnen war bei der Ausstellung 
der Staatsdruckerei zu sehen. Sie 
wiesen den Künstler. der als Land- 
schciftsmaler "von den lmpressionisten 
beeindruckt. den Weg genialen Im- 
provisierens" (Rudolf Kalmar) ging. 
als ebenso elementaren wie kräftigen 
Nachfahren Daumiers aus. Will man 
das Eigene und Eigentliche der Karika- 
turen Hollitzers mit Warten umreißen, 
wird man gewiß nicht an der zutiefst 
humanen Gesinnung vorbeigehen kön- 
nen. die aus den scharf zupackenden, 
konzentrierenden. übersteigernden Stri- 
chen von Bleistift. Zeichenfeder und 
lavierendem Pinse! spricht. Die Bildnisse 
des Kaisers Franz Joseph bezeugen 
Hollitzers Menschlichkeit ebenso wie 
seine Porträts von Seipel und Seitz. 
Ein wesentlicher Teil der Ausstellung 
war der von l-lollitzer in unübertroffener 
Meisterschaft beherrschten Kunst des 
Gestaltehs von Theatertigurinen ge- 
widmet. Der Burgthealerdirektor Her- 
terich übertrug ihm mehrere Aus- 
stattungen, während der Direktionszeit 
des Talente-Entdecken Rainer Simon 
war er ständig für die Volksoper tätig. 
l-lollitzer. an sich klassische Verkörpe- 
rung des Erzbohemiens. besaß profunde 
kostümgeschichtliche Kenntnisse und 
sammelte mit Begeisterung historische 
Waffen und Uniformen. So war er. 
der bereits 1899 und 1901 Festzüge in 
historischen Kostümen in Hainburg und 
Enns gestaltet hatte und 1908 dem 
Künstlerkomitee für den Kaiser-Hul- 
digungs-Festzug vorstand. der berufene 
Mann. um im Auftrage des letzten 
Kaisers der Doppelmonarchie 1917 die 
Entwürfe für die Neuvniformierung 
der österreichisch-ungarischen Armee 
zu erstellen. Das Kriegsende ver- 
hinderte die Umsetzung in die Wirklich- 
keit. Auch von diesen Uniforment- 
würfen waren einige interessante Pro- 
ben im Ausslellungsraum in der Woll- 
zeile zu sehen. Heute können wir uns 
mit Recht die Frage vorlegen. ob wohl 
im Preußen von damals einer. der als 
typischer Intellektueller mit bösen Juden 
und Literaten verkehrte. ja sogar ein 
Cabaret (,.Nachtlicht". 1905) gegründet 
und eines ausgestattet hatte (..Fleder- 
maus". mit Moser. Hoffmann). mit 
einem so hochoffiziellen Auftrag aus- 
gezeichnet worden wäre. Und wie 
stünde es damit im Österreich von 
heute? - K- 
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