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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 67)

Keine Periode der abendländischen Kunst hat mit 
solcher hingebender Versenkung Christus im Leiden 
dargestellt als die Jahrzehnte nach 1300. Unter den 
Darstellungen der Verspottung, Geißelung und 
Dornenkrönung ragt jenes Bild des (iekreuzigten, 
das als „Mystikerkreuz" bezeichnet wird, besonders 
hervor. 
Christus wird erst lange Zeit nicht leidend, sondern 
segnend und im Triumphe vor das Kreuz gestellt 
und nicht sosehr daran gehängt. Unzählige Christus- 
iiguren in Holz, Bronze und Kupfer gegossen, gingen 
dern leidenden Christus voraus. Sie waren erfüllt von 
repräsentativem Gehalt weithin ohne Andeutung des 
Leidens, vielmehr seiner Majestät unter dem Glanz 
der Krone. Nun jedoch bringt der mystische Gefühls 
strom erstmals den zermarterten, ganz Mensch ge- 
wordenen Gottessohn. Die Vorstellung erwächst 
einer tiefen Versenkung in seinen Opfergang. Die 
Ausmalung zieht die furchtbarsten Konsequenzen, 
ohne jede Reserve und ohne jeden Gedanken an 
Furmschönheit und an die Darbietung des Gött- 
lichen als des Edlen und Schönen, wie die Auseinr 
andersetzung mit der Antike dies immer wieder 
ergeben hatte. Jetzt beginnt man allein die Aufgabe 
in der Darstellung des Schmerzes zu sehen. Diese 
Orients zuriickverfolgenl). Ja, das Bild des Lebens- 
baumes gehört zu den Urbildern der Menschheit, 
umspannt in seiner Verbreitung die Welt und reicht 
in der astrologischen Vorstellung bis in die Sterne. 
Das Griechentum kennt Hermes am Pfahl, und die 
späte germanische Vorstellung sieht Odin neun Näch- 
te an der Weltenesche hängen. lrn 6. Jahrhundert 
wird dann durch Venantius Fortunatus das Kreuz 
zum Lebensbaum und Christus selbst als der Baum 
des Lebens besungen. Dieses Bild wird endlich durch 
Herald von Odilienberg (Elsaß) zur später sehr 
beliebt gewordenen Legende erweitert, nach der aus 
dem Lebensbaum des Paradieses, unter dem Adam 
ruht, der Kreuzstamm für Christus gezimmert wird 
(P. della Francescas Fresken in Arezzo). Erst nach 
dem Einbruch der franziskäischen Schau wird aus 
der Betonung des Menschlichen in Christus die 
Darstellung des zermarterten Christus möglich, was 
der feudalistischen mittelalterlichen Vorstellungswelt 
hätte als Verhöhnung scheinen müssen. Nun erst 
kann der Wanderprediger vom Bodensee, der 
mystische Lyriker Heinrich Seuse (Suso) als Schüler 
Eckeharts in Köln - und eben in diesem Raum 
sind die Astkreuze zuerst entstanden und am ver- 
breitetsten -, Christus sprechen lassen: 
in der karlrumgsprozxxsxorl 
 
Einstellung erhält ihren letzten Sinn im Echo des 
von Mitgefühl überwältigten Betenden. Nun wird 
Form, was schon im 12. Jahrhundert Anselm von 
Canterbury aus Aosta in seiner Satisfaktionstheorie 
als „vollkommenstes Opfer" gesehen, wird weithin 
sichtbar, was deutsche Mystiker erschauten, was 
ihnen die „Leidensgestalt zum dichterischen Gefühls- 
gefäß" (W. Pinder) werden ließl). 
Die dichterischen Wurzeln des Astkreuzes, an dem 
der Heiland hängt, reichen noch viel weiter zurück, 
sie lassen sich bis in die Mythusbilder des alten 
„Da irh an; haben Arte deJ Kreuze: fiir Dirh und alle 
Alenrrhen am endloxer Liebe hing, da ward nleine (ganze 
Gexlalt gar järnrnerlieh verwandelt, denn mein göttlich 
Haupt war van Xrhrnerg und Ungernaeh geneigt, nlein 
reehler Arm war gerrpannl und mein linker gar Jehrnerg- 
hafl gerdehnt, mein heiße: Blut nahm in meinen Nälen gar 
manchen wilden Ausbruch, daran mein Jlerbender Leib 
rerrannen und blutig war. Äleine reine Farbe erbleiehle. 
Sieh, da errtarb meine Schönheit gang und gar, ülf ab irh 
ein Aaxrätgiger und alr ab ich die Jrhäne W'ei.rheit nie 
geweun wäre." 
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