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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 67)

ginge. Wir bringen ein Beispiel aus St. Savin am 
Nordrand der Pyrenäen und aus Moissac, seines Kreu- 
zes wegen (Abb. 4, 5). In Nordfrankreich haben wir 
zwar den Typus in kleinen Elfenbeinarlweiten 4), doch 
würde ein so gewaltiger Christus dieser Art dem 
rationalistischcn Denken der Franzosen wider den 
Strich gehen. Der Astkreuzchristus linder sich also 
in Frankreich eher in Burgund 5) und im lilsaß, aber, 
im Vergleich zu Deutschland, völlig sekundär. Das 
ist um so verständlicher, da das Deutschland der 
Kölner Gegend als das Ursprungsland dieses Typs 
angenommen werden muß. Sehen wir weiter in den 
Sudeten- und Alpenraum oder nach Ba_rcrn7), so 
sind die dortigen Beispiele 7 das Regensburger 
Kreuz um 1350 (Abb. 6) W allesamt jünger und, wie 
im Sudetenland, einer stillen Lyrik zugewandt. Dies 
gilt auch für unser Kreuz im Oberöstcrreichischen 
Landesmuseum in Linz (Bild) 3). Bliebe noch: 
England. Dort hat man, so ist uns urkundlich über- 
liefert, im 14. Jahrhundert einen deutschen Künstler, 
Thiedetnannius de Allemannia, verhaftet, weil er 
Christus auf ein Gabelkreuz hing, was „nicht die 
wahre Gestalt" gehabt hätteQ). Das orientalische Volk 
der Russen endlich ist an sein byzantinisches 
Erbe gebundenl"). Die Suche nach dem Meister 
stellt uns also geradezu vor völkerpsychologische 
Probleme. lis bleibt uns noch ltalien. Wer jedoch 
wird einen Christus dieser Art im Lande des „bel 
canto" suchen? Tatsächlich hat uns auch nicht 
Giovanni Pisano, aus dem apulischen Lande stam- 
mend i der einzige, der wirklicher Gotiker wurde -, 
wie in seinem hölzernen Christus in Pistoia 11), die 
Möglichkeit einer Verbindung zu Spanien geboten. 
Es bleibt uns nichts anderes übrig, als nochmals nach 
Deutschland zu schauen. 
Geht man uber die plastische Darstellung hinaus, 
so ist besonders die Glasmalerei ein reiches Feld für 
den Astkreuzchristus. (S0 in Österreich: St. Leon- 
hard i. L.; 2 Stück im joanneum, Graz, u.a.) Für 
die Malerei spricht das bekannte lxilostcrnetiburgcr 
Bild von 1329. 
Auch die Graphik nimmt den 'l'ypus in den Armen- 
bibeln gerne auf, wie die St. Florianer Biblia paupe- 
rum bestätigt, und nicht weniger die Meßbücher, 
für die es genügt, das berühmte des Antlreasaltares 
im Stifte Wilhering hei Linz zu nennen 11). Über- 
blicken wir den gesamten deutschen Sprachraum, 
so fällt auf, daß wir von Westen gegen Osten hin 
ein zeitliches Gefälle haben, wodurch die Annahme 
des Rheinlandes als Ursprungsland eine neuerliche 
Bestätigung erhält. Außerdem wird deutlich, daß 
sich vor allem die Sudetengebietc für eine stille 
Darstellung des Leidens des Herrn entschließen, 
dem zum Teil auch Bayern, wie in Altenhohenau 13), 
folgt. Die wiedergewonnene Fassung dieses Korpus 
gibt eine e so möchte man sagen 7 fast ornamentale 
Verteilung der Wunden und Blutstropfen und steht 
so im größten (iegensatz zu der Gruppe Nonnberg 
Friesach (Abb. 8, 9) in Österreich. Zweifellos ist es 
berechtigt, stark expressive Gruppen von solchen, 
wo das „sanfte Gesetz" bestimmt, zu unterscheiden. 
Dies läßt zugleich die weite Spannung der deutschen 
Seele dieser Zeit erkennen. Österreich ist ja an 
h Ikt-gt-iuhurg, Augustincrklustcr St. (Iäcilia. 
Mysiiker-Kruzitixus. um 1350 
7 Assisi, Kirche der lil. Klara, 
das Kruzilix das zum lil. Franziskus sprach 

	        

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