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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 67)

Mvstikerkreuzen verhältnismäßig ärmer als der 
Westen. Zumindest wenn man die plastischen Bei- 
spiele allein ins Auge fußt: in Nonnberg ist der 'l'ypus 
zweimal vorhanden, in Friesach bringt das Domini- 
kanerkloster (Abb. 9) Christus am Astkreuz, dessen 
Grün als Zeichen der Neugeburt schon im 9. jahr- 
hundert unter den Karolingern diesen symbolischen 
Charakter aufwies 14). Wir dürfen erinnern, daß 
Friesach eine Stadt der Salzburger Erzbischöfe war, 
die diesen Typus wohl auch Admont bekanntgemacht 
haben (Meister der Admonter Maria), zwei weitere 
befinden sich in Graz, Joanneum (aus Mühlau), 
ferner ist noch ein Beispiel in Klosterneuburg bekannt 
und das aus dem nördlichen Vfaldviertel (Zwettl?) 
an das Oberösterreichische Landesmuseum nach Linz 
gekommene. Gerade dieses aber gehört jedoch zum 
„lyrischen Typus" (Sudetenländer). 
Nun noch einige Worte zum Christus des (iothard 
Neidhart Grünewald in seinem Kolmarer Altar von 
1515, der allzu leichtfertig mit dieser Gruppe ver- 
bunden wird. Beide Typen berühren sich nur in der 
unmittelbaren Todesnähe und lösen einen ähnlichen 
Schrecken des Herzens in uns aus. Grünewalrls 
riesenhafter Christus hängt - ähnlich der lloche 
Stickerei im Oberüsterreichischen Landesmuseum in 
Linz (Abb. 10) 4 auf einem schlecht abgerindeten 
Baumstamm, nicht an einem dünnen, grünen 
Runenkreuz. Seine Körperlichkeit ist anatomisch ge- 
festigt, die Beine sind nicht nach der mystischen 
Vision hochgezogen. Auch ist die Christrigur des 
schwarzen Todes viel stärker abstrahiert 4 eben 
nicht realistisch, erdnah -, sondern für die Einsam- 
keit der Zwiesprache der Betenden entrückt, für die 
„entwerdcnde" Seele, wie Meister Eckehart sagt. 
Um 1300 wird noch in keiner Weise erzählt, alles ist 
„auf das Sichlassen", auf die Versenkung, auf das 
„Aufgehen in Gott" hingewendet. 
Vergleicht man das ungeheure Material, das sich hier 
anbietet 15), so findet man nur eine Herkunfts- 
mtiglichkeit und einen Meister, eben den, der in 
Köln diesen Christus schuf. Es kommt zu einer 
Verwandtschaft unter den Völkern, wo unter dem 
religiösen Gesichtswinkel Deutsche und Spanier an- 
einanderrücken, wie Italiener und Franzosen, die ihre 
antike Grundhaltung verbindet. Deutsche und Spanier 
wachsen aus einem anderen Mutterboden auf, näm- 
lich einer heftigcren Religiosität. Ihr „ldealismus" 
läßt sie so leicht auf den Realismus der Renaissance 
verzichten, der ihnen für ihre arteigene Vorstellungs- 
welt nichts Wesentliches bedeutet. Wie weit nun auch 
der mystische Christus verbreitet ist, nirgends wieder 
finden wir eine solch fanatische Opferbereitschaft 
dargestellt wie am Rhein (Köln) und in Perpignan. 
Sie liegen 7 1304 und 1307 fnur wenige Jahre aus- 
einander. Für den, der die dichte Verbindung über 
die mittelalterliche XVallfahrerstraße mit der be- 
rühmtesten Wallfahrt Europas in Santiagu de 
Compostela kennt, und wer von der Glaubenstiefe 
der Spanier wie Deutschen überzeugt ist, hat die 
Wahl eines deutschen Künstlers (von führendem 
Format) viel an Überraschung verloren. Man mag 
dann in diesem Auftrag vielleicht nur den ersten 
einer über Jahrhunderte nicht abreißenden Verbin- 
dung, die sich nicht nur im Dom zu Burgos auf das 
eindringlichste erweist, sehen. Eine Verbindung, die 
sich ebenso schwäbischer, kölnischer wie Handrischer 
Künstler auf Jahrhunderte bediente. 
Von Thoby erfahren wir, daß man eine kleine 
silberne, niedergenagelte Platte im Rücken der 
Plastik 16) vorfand, die eine Ößinung verschloll. Bei 
ihrer Abhebung findet man eine Reliquie vom 
30 
9 Fricsach. Domin 
10 Astkreuz, Iktail aus 
 

	        

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