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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 67)

 
LEOPOLDINE SPRINGSCHITZ Neue Arbeiten von Egon Wucherer 
Mit einer Serie von l-lolzschnitten trat 1961162 in der Entwicklung des Kärntner Malers Egon von Wucherer ein neuer Abschnitt ein. der sich langsam 
vorbereitete. Stand bis dahin die Ölmalerei im Mittelpunkt seiner Bemühung, begann er sich nunmehr mit der Technik des Farbholzschnittes ausein- 
anderzusetzen. Sie erschloß ihm eine Bildwelt reduzierter Naturausschnitte und eine neue Freiheit in deren künstlerischer Wiedergeburt. Der Weg 
dahin ist für den 1917 in Wöllan in der Untersteiermark (heute Velenie) geborenen Künstler, der in Klagenfurt aufwuchs, nicht ohne langanhaltende 
Bindungen an die lokalen Kärntner Gegebenheiten zu denken. 
Wucherer hatte zu Beginn des Krieges sein Studium an der Wiener Akademie (bei Larwin und Fahringer) abgeschlossen. Von seiner Tätigkeit als 
Kriegsmaler in Frankreich. Griechenland und Rußland heimgekehrt, sah er 1945 seine akademischen Errungenschaften mit den für den heimatlichen 
Bereich neuen, erregenden Problemen der Kunst konfrontiert. Angeborene Skepsis. ein Unbehagen vor kritikloser Nachäffung. hieß ihn das Neuland 
mit großer Vorsicht und oft quälenden Zweifeln betreten. mehr rnit der Bedachtsamkeit des Forschers als mit dem Enthusiasmus des Eroberers. und 
streckenweise auch abgelenkt durch Aufträge (Porträt, Wandgestaltung). 
Zunächst ein Wort über frühe Kontakte. Fördernde Gespräche verbanden ihn mit einem Künstler der älteren Generation. der innerhalb der Kärntner 
Landschaftsmalerei einsam dasteht: Ernst Riederer (1868-1950); mit einer an der Münchner Schule sezessionistischer Prägung geschulten Auffassung 
stehen seine tapisseriehaften Waldkulissen mit ihrem bis zum Verlöschen abgestumpften Grün in herbem Gegensatz zur rauschhaften Farbigkeit der 
Kärntner Malerei der Zeit. Anderseits bedeutete die Freundschaft mit Willi Zunk (1900-1952) gemeinsam erörterte Konzeption des Kubismus. In 
geradezu hektischer Ungeduld hatte sich Zunk - der Cezanne so gut verstand! in seinem Spütwerk zu nicht mehr ausgereiften Gestaltungen im 
Sinne der kubistischen Hochblüte (Picasso) hinreißen lassen. Wucherer blieb Zeit, diese Impulse eigenem lnnenbild anzupassen. Unter diesen Aspekten 
malte Wucherer in den fünfziger Jahren Ölbilder von ausgesprochen persönlicher Eigenart vor allem im Stimmungsgehalt. In der Graphik 7 bis 
vor wenigen Jahren pflegte er fast nur die Zeichnung i befreite sich seine Bildwelt in zunehmendem Maße von Reminiszenzen. Sie mündete nach der 
kubistischen Phase in der strukturellen Abstraktion. 
Beispielhaft das Ölbild "Formen einer Gebirgslandschaf", 1959 (Moderne Galerie, Laibach): In schweren Brocken setzt sich Kantiges und Abgeschlif- 
fenes farbig voneinander ab, mit Blau, Violett, mildem Rot und schärferem Grü Innerhalb der einzelnen Flächenbegrenzung formen sich neue 
Landschaftszellen (Bild im Bild) mit vegetativen Anspielungen oder Bewegungsvorgängen, vergleichbar der Arbeit des Wassers, des Eises, der Wurzeln 
im Geschiebe. 
Hier nimmt der Holzschnitt seinen Ausgang. Die Gestaltung erfolgt im Neben- und Übereinander unterschiedlicher Arbeitsweisen: Was die Stöcke 
selbst hergeben, sei es engfaseriges hartes oder splitterndes weiches Holz e Birne, Linde, Kiefer und das samtige Okume 7 wird einer mehr oder 
minder eingreifenden Bearbeitung durch das Messer unterzogen. Die Konsistenz der l-lolzgattung setzt dem Künstler Grenzen. die Verwendung mehe 
rerer Stöcke verschiedenen Holzes - was der Verwendung mehrerer Farben entgegenkommt A hebt diese wieder auf. Aus dem Wechselspiel er- 
geben sich zwiegestaltige Serien: „Holz und Stein". ein reizvolles ineinander von Strukturen belebter und unbelebter Materie, die sich gegenseitig 
optisch aktivieren. Dann wieder reiht Wucherer seine vegetativen und geologischen Formen scheinbar zusammenhanglos. indem er Pausen setzt (wie 
die Reihenmusik). Es kann aber auch ein einfacher Blattumriß Gefäß einer Imagination werden: .,Das große Blatt" (Zehnfarbenholzschnitt) umfängt 
mit seinen Rippen und Adern eine Landschaft, gleichsam „in nuce", mit Gestrüpp, aufgewühlten Gründen und Tiefensicht. "Giraffe" e objettrouve - 
eine sich tierhaft reckende Wurzel erscheint als Fossil vom "Wesen" Holz umhüllt. Da und dort beginnen sich phantastische Realitäten anzumelden. 
Im Dreifarbenholzschnitt „Wald" surrealistische Anklänge: Senkrecht durchschnittene Jahresschichten sind zum Skelett schlanker Wipfel geworden. zu 
Zäunen beschnitten, zu Dschungel verfilzt; durch raffinierte Aushöhlung entsteht der weiße BaumeTorso. Der Schritt zur kosmischen Vorstellung ge- 
schieht wie von selbst. 
Grüblerisch bis zu nekromanen Anwandlungen 7 frühes Lieblingsmotiv: tote Vögel 7 äußert sich das Lebensgefühl des Künstlers in den Farben 
Schwarz, in den Skalen von Grau, absterbendem Grün, melancholischem Blau und glosendem Rot; wie zum Trotz da und dort ein satter Ton, doch 
nie im Zusammenhang mit den dumpfen Valeurs; für sich. isoliert. Wucherer drängt es zur Kunst aus Wissensdrang um die Geheimnisse des Materials 
und aus Freude am Spiel, nie, um sich selbst auszuspielen. Ein Anti-Expressionist. Die kühle Zurückhaltung jeglichen spontanen Gefühls bringt mit 
sich, daß er sich auch dem etwaigen Vorwurf des Akademischen nicht zu entziehen anstrengt, 
Innerhalb des Kärntner Bereiches stellt seine letzte Entwicklungsphase ein Novum dar. Mit Suitbert Lobisser und Werner Berg steht nunmehr Wucherer 
an einem der drei weltweit voneinander entfernten Eckposten. in denen der Holzschnitt innerhalb der Kunst in Kärnten seit vier Jahrzehnten material- 
gerecht bewältigt wurde. 
 
 
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