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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 67)

Daß wir nicht nur in der Kunst, sondern ebenso im Kunsthandwerk im offenen Umbruch der Auffassungen 
stehen, beweisen uns Formkünstler, Graphiker, Bühnenbildner und Kunsthandwerker jeder Art. Gestaltung 
und Farbgebung, Formen und Gehalte sind in einem Maße verändert, dciß wir Mühe haben, den Überblick 
über die verschiedenen Vorstöße in Neuland nicht zu verlieren. Hier wie dort sind die Dinge in Fluß und halten 
sich bereit für ein Publikum. welches nur zögernd gewillt ist mitzugehen. Es zeugt für die Echtheit vieler Ge- 
stalter, dolt sie den Mut haben. nicht auf Gefälligkeit zu warten. Es geht ihnen um die Lösung von inneren Pro- 
blemen, die sie bedrängen. derer sie sich bemächtigen möchten. denen Zeit geschenkt werden muß und Kraft, 
um zur Sichtbarkeit heranzureifen. Eine farbformliche Einheit schwebt ihnen vor, welche das Material übere 
Windel und zur geistsinnlichen Gestalt emporwächst. Nur diese ernsten Belange zahlen; von der anderen Seite. 
die das immer schon Sichere weiter emphehlt und den Geschmack des Tages auf mühelose Weise zu treffen 
vermag, wollen wir schweigen. 
Unzweifelhaft gehört ein Kunslhondwerker wie Sepp Schmölzer (geb. l919) zu dem weitaus kleinen Kreis von 
Menschen, die sich mit viel Talent und großem Fleiß um neue Formen mühen. Wenn er trotz mancher Ehrungen 
und Ausstellungen bisher ein sehr bescheidener Mensch geblieben ist, dann wohl, weil ihm die sich zeigende 
Aufgabe unentwegt wichtiger war und ist als die Nutzung des guten Namens, Schmölzer kümmert sich um sein 
Handwerk und überläßt es anderen, seine kleinen Schöpfungen zu loben. zu begutachten, zu erwerben. Während 
sich die meisten Goldschmiede der glatten, schmiegsamen Eormenwelt der Symmetrie bedienen, geht Schmölzer 
eigene Wege und gelangt dabei zu Kompositionen. die zunächst überraschen, Alle seine Arbeiten sind unschwer 
als aus einer Werkstatt kommend zu erkennen und bleiben doch je unverwechselbares Einzelstück. Vielleicht 
muß man sich an das Aussehen der Schmuckstücke gewöhnen, so einfach und eindeutig sie auch sind. Es könnte 
an ihrer Originalität liegen. die so nirgendwo begegnet, an dem herben Gepräge auch. welches die befremdenden 
Stücke sicherlich bekunden. Aber die Simplifizierung der Schmuckteiie ist bewußt gesetzt! Sie steht der indu- 
striellen Produktion konträr entgegen. 
Der seit langem experimentierende Goldschmied hat sich in folgerichtiger Entwicklung mit seinen Schöpfungen 
ganz in die Nähe der abstrakten Kunst begeben. Sein Schmuck könnte als Materieplastik in Zustandsmalen von 
Silber und Gold bezeichnet werden. Die Dinge werden nur mehr in der Grundkonzeption vom Gestalter überlegt 
und geformt. Ein Großteil der endgültigen Form bleibt dem Prozeß der Verfertigung überlassen. Was den 
Schmuckgegenständen dann ihre Wirkung verschafft, ist diese seltsame und reizvolle Mischung zwischen Zufall 
und Arrangement. Man möchte meinen: Form und Struktur lägen je im Wettstreit miteinander. Sie erscheinen 
jedoch da versöhnt, wo beide gestaltgewordene Einheit geworden sind. Dies geschieht bei Sepp Schmölzer in 
überzeugend origineller Weise. Er bildet, zum Teil von organischen Anregungen herkommend, halb gegen- 
ständliche Figurationen, zum Teil auch geometrisierende Reihen. Die Formelemente werden jedoch nie geglättet, 
gestanzt oder perfektioniert, sondern sollen einzig und allein durch die Eigenheit der belassenen Materie wirken, 
"zeitlos" naturol, wie aus der Erde ausgegraben. 
Eine merkwürdige Wandlung der Auffassung hat sich vollzogen. Materie wird hier nicht mehr als tote Stofflich- 
keit verstanden, die zur Gestaltschönheit Hemporzutreiben" ist, sondern als inseitig wirkende Energie. Das 
führt einerseits zur Aufhebung der Schwerkraft, zu leichten schwingenden Gebilden. anderseits zu schweren 
Strukturen oder abstrakten Formen. die im Wechselspiel ihrer gegenseitigen Kräfte Genugtuung finden. Die 
verschiedenen Erscheinungsformen aber. sind im Grunde nur Verwandlungen ein und derselben dynamischen 
Kraft. Dies unterscheidet Schmölzer von den meisten anderen Kunsthandwerkern. die nach wie vor deutlich 
die gestaiterische Absicht betonen, Der Klogenfurter Goldschmied mißt der Wirkkraft des Stoffes selbst die größere 
Bedeutung zu. Wenn auch die organische Formenwelt vorerst ihre Vorherrschaft behält, so werden die An- 
schauungsgewichte doch schrittweise nach innen, in den Kern der tätigen Natur verlagert. Natur intensiviert 
sich im Wortverstande! Sie drängt selbst zur Gestaltung, wobei dem schöpferischen Menschen nur mehr forme 
richtende Tätigkeit zufoilt. Drücken wir es anders aus: der Gestalter erkennt sich nicht mehr als einzigen Be- 
stimmer an. Er gönnt der Materie Entfaltung gemäß der ihr innewohnenden Kräfte, wobei er weiß, daß jeder 
unnötige Zwang zur Häßlichkeit, jedes Schaffen „wie die Natur" zur künstlerisch-organischen Form führen 
kann. 
Und nun betrachte man die hier gewählten Beispiele aus Schmölzers Schmuckwerkstatl! Da ist ein Goldring 
mit einer Perle, die in einer kraterähnlichen Mulde lagert; da sind 2 Anhänger aus Formen, die wie Eangarme 
wirken und mit einem unheimlichen Auge (im einen Falle mit einem Turmoiin. im anderen mit einer Koralle) 
ausgestattet werden. Neben dem roten Punkt blitzen mit Goidlot überschmolzene Flecken auf. während die 
Eormwucherungen kantrast-oxydiertes Silber blieben. Natürlich spielen neben den Formen die Farben eine 
gleichberechtigte Rolle. Da ist eine Brosche aus Gold halb geformt und halb belassen in Struktur. an irgendein 
Wesen erinnernd, das wir nie sahen und es nun doch zu kennen glauben. Da entstehen Platten mit unieserlichen 
Hieroglyphen ein Halsschmuck aus winzigen Edelmetallteilen geformt, ja selbst wenn dieser Kunsthandwerker 
ein Kreuz formt wird daraus ein neuer Gegenstand. im Schnittpunkt beider Mciterieschenkel trägt das vergoldete 
und oxydierte Silber einen fleischfarbenen Stein. Es gelingen ihm zarte Ketten und SPlElEFISCh-lOlCltlE Glieder. 
aber auch Anhänger, die mit der ganzen Wucht der irdischen Materie auf ihre unverwechselbare Schichtung 
und Verknüpfung aufmerksam machen, 
Das ist nicht mehr Schmuck im Sinne gefälliger Form. nicht mehr Formwett des bloßen Gefallens. Schmuckstück 
als ästhetisches Attribut, sondern ein Versuch, den gestalteten Dingen grundsätzlich ihre Magie wiederzugeben, 
die sie einmal besaßen, wenn auch in anderer Form und zu anfänglicher Zeit, Schmölzer gelingt dies in manchen 
Fällen durch die in vielen Versuchen erprobte Technik des „Mitgeschehenlassens", im Grunde natürlich durch 
seine veränderte Auffassung von Materie und Materialien. Die ursprünglichen Vorstöße und Erfahrungen dieser 
Art 7 dies muß mit Deutlichkeit hervorgehoben werden i ereigneten sich in der bildenden Kunst. Bei der 
Übernahme dieses Gestaltungsprinzips in das Kunsthandwerk, hier in die Gold- und Silberschmiedekunst, ist 
allein entscheidend, wie originell und überzeugend die Übertragung in den zweckbestimmten Gegenstand gelingt. 
Gerade darin aber sind die Verdienste Sepp Schmölzers lobens- und anerkennenswert. Er zeigt als Gestalter 
von Schmuck, als Erhnder von Broschen. Anhängern und Ringen Schmuckstücke, die eine neue Magie be- 
inhalten. Solche Schöpfungen sollten uns angehen in einer Welt der Perfektion. 
14 Sepp Schmölzer, silberner Atthcmger" (Oxydlüfl) mit Koralle, 
vom Zenlriirn noch außen verlaufende Golctspuren 
Ar: 
 
(Abstraktionen in Gold und Silber)
	        

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