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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 67)

ln uns tief drinnen liegt der Kern unseres Menschseins, meist verkopselt und durch konventionellen Zwang verdrückt, 
immer aber zum Lichte drängend. wie eine iunge Pflanze, die von den auf den Samen liegenden Steinen verkrümmt 
und verbogen wird und die doch aus dem Dunkel der Erde hervorbricht. Sie ist in ihrer Anlage ein Wunderwerk. 
gut. heil und ebenmäßig. Stein für Stein müssen wir darum von ienem auf der Oberfläche liegenden Schutt wegnehmen. 
auf daß sich auch unser von Natur aus heiles Sein reicher und freier entwickeln kann. Denn im Grunde ist alles Seiende 
ein Strömen in einem großen Strom. eine Bewegung, eine Entfaltung aus einem gemeinsamen Urstoff. Die einzelnen 
Erscheinungen dieser Emanation sind aber unbegreiflich und formgeschlossen, ebenso wie etwa die Erosionsformen 
eines Wildbaches, die Schneeverwehungen auf einem Gebirgsgrat oder das zarte Gespinst der Eisblumen auf den 
Glasscheiben eines Fensters. 
An diese Formen versucht nun der Bildhauer Hermann Walenta mit seinen Arbeiten anzuknüpfen, 
Es ist natürlich kein zufälliges und der Laune eines verschrobenen Menschen entsprungenes Anknüpfen, wie vielleicht 
der Laie oder der abseits stehende Beobachter glauben könnte, sondern eine von einem Monopsychismus beseelte 
Geisteshaltung, die der Künstler mit manchem Mystiker des Mittelalters, etwa mit dem Meister Eckhart, aber vor allem 
mit den Denkern des Fernen Ostens gemeinsam hat. Dieser Glaube an eine äußerliche Abwandlung einer einzigen 
großen Seelensubstonz macht es uns verständlich. daß Walenta alle Möglichkeiten, die in dem .,Urstoff" enthalten sind, 
in der Hyle, wie sie Aristoteles verstand. aufzuspüren und zu gestalten bemüht ist, 
In seinem Ordnungsgefüge sind daher auch Pflanze und Stein, Tier und Mensch eng verwandt. und aus diesem Emp- 
finden des Künstlers entstehen Gebilde, die Elemente verschiedenster Seinseinheiten in Anklängen aufzuweisen haben. 
Vorwiegend zeichnen sich pflanzliche Proiektionen ab. 
Wie es im geistig-seelischen Bereich durch dieses die verschiedenen Erscheinungen nebeneinander Auf-eine-Stufe- 
Stellen keine Wertung gibt, so gibt es auch in Walentas Kunst keine Wertung. sondern nur ein Aufzeigen. Aus dieser 
geistigen Haltung heraus ist es verständlich, wenn der Künstler sagt: ,.lch will nichts! Das Selbst will alles!" Da man, 
wie Walenta meint, vom Denken her nur zur Oberfläche der Dinge dringen kann. ihre wahre Natur aber in ihrer 
Körperlichkeit liegt i wie verständlich ist dieser Gedankengang bei einem an der körperhaften Materie arbeitenden 
Künstler! -. dürfen wir auch nicht mit dem Verstand. dem lntellekt, an diese Plastiken herangehen, sondern müssen sie 
mit dem Gefühl zu erfassen versuchen, 
Die entscheidende Wendung in dem Schaffen des Bildhauers brachten die Jahre nach 1948, die der 1923 in Drosendort 
in Niederösterreich geborene Künstler, der ursprünglich, ebenso wie sein Vater, für den Lehrerberuf bestimmt war. 
in Alpbach in Tirol verbrachte. Hier in der Abgeschiedenheitvon der Welt und im Gegenüber mit den täglichen Wundern 
der Natur entwickelte sich seine schöpferische Substanz zu einem eigenen Gestaltungswillen. 
Zeigten seine Arbeiten bis dahin noch gewisse Beeinflussungen durch die auf der Wiener Akademie bei Professor 
Müllner und später bei Professor Wotruba erworbenen Kenntnisse, so begann Hermann Walenta langsam immer mehr 
und mehr zu seiner eigenen Aussage zu finden. Seine frühen Arbeiten erinnern stark an die starren. einfach bewegten 
Körper von Hermann Blumental. Auch in ihnen spürt man das Bemühen über eine strenge Formabstraktion des archai- 
schen Menschenbildes zu einer neuen Gestaltung zu kommen. Dabei werden die verschiedenen Formen, sehr unterschied- 
lich von der Arbeitsweise seines Lehrers Wotruba, weich und schmiegsam gehandhabt. Noch finden wir aber das Abbild 
des Menschen durchaus gewahrt. Später erst. etwa ab 1951, werden die Formen immer freier, vom konkreten Gegen- 
stand losgelöster. Wohl kann man noch immer in diesen Schöpfungen die Struktur eines sitzenden Menschen ahnen, 
wenn auch der Kopf zu einem verdickten. stengelartigen Ding zusammengeschrumpft ist, der über Arme und Beine 
ragt. die glattpoliert, polypenortig verschränkte und verschlungene Gebilde sind, die aber im ganzen betrachtet ein 
ausgewogenes Kräftespiel bieten, 
Eine andere Plastik aus diesen Jahren, sie befindet sich heute in einer kleinen Grünanlage in der Billrothstraße im 
19. Wiener Gemeindebezirk. erweckt die Vorstellung eines breithingelagerten Beckens, über das sich ein zusammen- 
geschrumpfter Oberkörper verneigt. Doch verlieren sich diese Anklänge an die menschliche Körperhaftigkeit immer 
mehr und mehr. Ein freies Auswiegen der verschiedenen Werte. ein Auswiegen von Masse und Durchbrechung, Zug- 
und Schubkräften. Lasten und Schweben. ließ eine Anzahl Werke entstehen, die in ihrem keimhaften Emporsprießen 
mit pflanzlichen Eigenschaften. aber durchaus nicht mit pflanzlichen Erscheinungen. sondern eher mit dem sich im 
Frühling beim Aperwerden ergebenden Auflösungsformen des Schnees korrespondieren. Ein solches die Erde befruch- 
tendes. an Schneereste gemahnendes Gebilde hat der Künstler in einem seiner Werke fein ausgewogen und durch- 
geformt einem schenkelartig geöffneten Teil senkrecht aufgesetzt, so von der ewig sich erneuernden Befruchtung und 
dem aus dem Boden sprießenden Wachstum zeugend. Die Durchbrechungen im größeren senkrechten Teil lassen den 
Betrachter die Landschaft, die Natur, in der das Obiekt aufzustellen gedacht ist, sehen und beziehen solcherart das 
Symbol rückbindend in jene Substanz ein, aus der alles geworden ist. 
Mit diesem Werk, und schon mit gewissen Anklängen auch in einigen früheren Plastiken, scheint ein wesentliches 
Merkmal dieser Schaffensperiode Walentas geprägt: das große optimistische Vertrauen zu den zeugenden und ge- 
bärenden Kräften und damit zum Leben selbst. Diese auf das Unterbewußtsein basierende Haltung finden wir über- 
haupt bei vielen zeitgenössischen Bildhauern, etwa bei Jean Arp. mit dem Walenta auch die Weichheit und Glätte der 
Formen gemeinsam hat und von dem er vielleicht zum Teil beeinflußt wurde. Seine Aussageformen sind jedoch weitaus 
gefächerter, graziler, perforierter als jene des großen Züricher Meisters. 
Diesen zeugenden und gebärenden Kräften verleiht also Walenta in verschiedenen Variationen Ausdruck und Gestalt. 
Nicht bei jeder Plastik kommt das so offensichtlich wie bei iener kurz skizzierten zum Durchbruch, ist aber fast überall 
keimhaft vorhanden. So sehen wir es etwa in ienem geschlossenen, muschelähnlichen Gebilde. das sich nach einer Seite 
zu öffnet. in der Mitte noch durch ein an ein Kerngehäuse erinnerndes Astwerk zusammengehalten wird. während auf 
der Muschelrückwund einige runde Löcher sind, die das Licht in die t-löhlung fallen lassen, oder bei jener Plastik. die 
im Litllpark in Hernals zur Aufstellung kam und die der Künstler „Flora mystika" nannte. Hier streben laschenförmige 
Arme in einer Gebärde des Öffnens. des Wachsens und Ausspreizens von einem Punkt auseinander, immer neue, mit 
weichen, am Ende abgerundeten Formen. Man wird an mit Zeitraffern gezeigte Filmaufnahmen von erblühenden 
Blumen erinnert, Ein anderes großes Werkstück, 1956 entstanden, weist eine Anordnung tropfsteinartiger Gebilde auf. 
Sie sind oben verdickt und rund und weiter unten durch Stege, die von eiförmigen Löchern unterteilt sind, zu einer 
einheitlichen Gruppe zusammengefügt. Diese Plastik ist eine einmalige Erscheinung in Walentas Schaffen und macht 
einen entschieden männlicheren Eindruck als seine sonstigen Schöpfungen. Hier klingen phallische Motive an und 
werden mit elementaren Naturformen verschmolzen. 
Meistens bildet der Künstler diese Figuren aus Kunststein, dessen Oberfläche er immer sehr sauber poliert. lm Grunde 
ist das aber eine Notlösung. Zur richtigen Aussage kämen alle diese Formungen erst, wenn sie. wofür sie von Walenta 
meistens gedacht sind. in Metall gegossen wären und so mit ihren spiegelglatten Flächen eine ganz neuartige Wirkung 
erzielten. Die hohen Herstellungskosten und Mciterialpreise machen aber dem Bildhauer eine solche Durchführung 
leider noch nicht möglich. obwohl seine Arbeiten auf internationalen Ausstellungen bei den Biennalen von Venedig 
und Tokio, auf einer Schau im Middelheimpark in Antwerpen, in München, Rom und Paris Anerkennung fanden und 
ihm vor kurzem bei dem internationalen Wettbewerb von Monte Carlo der Preis von San Remo 1962 zuerkannt 
wurde. 
Eine ausgesprochene Steinarbeit ist Walenta vor einiger Zeit bei dem Symposion von St. Margarethen gelungen. Es 
ist ein mächtiges, aus der Eiform entwickeltes. mit seinen verschiedenen Durchbrechungen und Stegen äußerst aus- 
gewogenes, feinpoliertes Gebilde, das in seiner Geschlossenheit gleichzeitig an Geborgenheit und Urkeim, aber auch 
an Ausdehnung und Einbeziehung erinnert und eine ungeheure magische Ausstrahlung hat. Im Besitz des Künstlers 
sind auch eine Menge Gipsmodelle zu Arbeiten, in denen Walenta Metallstäbe in tyraförmiger Folge in einen räumlich 
gut durchkomponierten Steinteil eingesetzt hat. Diese Gegenstände scheinen sehr labil, als wollten sie sich in die Luft 
erheben. In die Gruppe gehört sicher auch noch der Entwurf des Künstlers. den er.,Schreitende Organismen" genannt 1 
ALOIS VOGEL 
Der Bildhauer Hermann Walenta 
Vor kurzem wurde dem Künstler Hermann Walenta 
bei dem internat. Wettbewerb von Monte Carlo 
der Preis von San Remis 1962 zuerkannt.
	        

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