MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 67)

Zu den auf dem Gebiet der bayerischen Rokoko- 
plastik heute kaum mehr für möglich gehaltenen 
wirklich großen Funden gehört eine aus altem 
Münchener Privatbesitz erst vor kurzem überraschen- 
derweise zum Vorschein gekommene Madonnen- 
statuette 1). Sie stellt eine auf der Weltkugel stehende 
Madonna dar, deren Attribute: ein kleiner Lilien- 
zweig in der erhobenen Linken (der jetzt ergänzt ist) 
und ein Reif mit dem Zwölfsternenkranz, nicht 
erhalten geblieben sind. Die aus einem Stück an- 
gefertigte und aus Lindenholz geschnitzte Figur ist 
in Kasein-Tempera-Technik farbig gefaßt (H. 80 cm). 
Sie steht auf einem angeschraubten und ursprünglich 
zugehörigen Volutensockel aus Fichtenholz, dessen 
Vorderseite mit geschnitzten-i und vergoldetem 
Rocaillewerk geschmückt ist. Die Rückseite der 
Statuette ist flach, woraus man schließen kann, daß 
sie einst im geschnitzten Gehäuse eines gefaßten 
Baldachinschreines stand. Mit Berechtigung kann 
man hier wirklich von einer wandbezngenen Plastik 
sprechen, die man in dieser Hinsicht erst dann in 
vollem Umfang würdigt, wenn man bei ihr die 
auffallende Betonung des die Figur umrahmcnden 
Mantelkonturs zusammen sieht mit der dadurch 
verbundenen bewußten Verzichtleistung auf Seiten- 
ansichten. Aus einem genau in der Mitte rückseitig 
angebrachten originalen Befestigungsdübel geht 
hervor, daß sie wie bei der lmmakulata aus Attel, 
von der noch zu sprechen sein wird, ursprünglich 
von einem großen, wohl vergoldeten Strahlenkranz 
als Rücklage hinterfangen war. Analog der ursprüng- 
lichen (iemt nicht mehr gegebenen) Aufstellung der 
Atteler lmmakulata kann man aus naheliegenden 
formalen und inhaltlichen Gründen vermuten, daß 
diese bisher unbekannte Madonna einst ebenfalls 
von zwei kleinen, eine Stufe tiefer als die Hauptfigur 
auf Volutensockeln knienden Engeln umrahmt war, 
so daß sich hieraus eine vollkommen „bildmäßiif 
konzipierte Gesamtkomposition ergab, die wie in 
Attel sicher vom Bildhauer selbst entworfen und 
auch von seiner Hand ausgeführt wurde. Nach dieser 
Rekonstruktion hätten die einander zugewendeten 
anbetenden Engel die beiden unteren Ecken eines 
gleichschenkligen Dreiecks ausgefüllt, dessen Spitze 
der Kopf der Statuette gebildet hätte. Wer war nun 
der Erfinder eines so vollkommen „bildmäßig" 
erdachten und doch nach strengen geometrischen 
Gesetzen komponierten Tabernakels und damit der 
Schöpfer dieser bezaubernden Madonnenl-igur? 
Die Antwort darauf kann nur lauten: Es ist ein 
außerordentlich qualitätsvolles, ausdrucksstarkes und 
völlig eigenhändig geschnitztes XVerk des größten 
deutschen Rokokubildhauers Franz [glmg Günther 
(17Z5-v1775). Es ist mit Sicherheit ein Werk der rei- 
fen Scbaffensjahre des Münchener Meisters und gegen 
1770 entstanden, also nach Vollendung des Starn- 
berger und Mallersdorfer Hochaltares (176671768 
bzw. 17685)?) Schaut man sich im Werk lgnaz 
Günthers nach analogen Skulpturen um, dann trifft 
man zuerst auf die schon erwähnte, um 1762 zu 
datierende berühmte lmmakulata in Attel (H. 82 cm), 
die unserer Statuette mit Ausnahme des sie um- 
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