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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 67)

Notizen aus dem Kunstleben und Kunsthandel 
DIE WELT EINES ZAUBERERS 
Max Ernst ist Rheinländer. auch wenn 
er vor 40 Jahren Köln verlassen hat. 
So feiert ihn das WaIlraf-Richartz- 
Museum Köln in seiner großen und 
doch knapp gefaßten, 223 Werke zei- 
genden Ausstellung mit besonderer 
Beziehung und Berechtigung. Von Köln 
ging um 1920 der „dadamax ernst" 
aus. mit seinen Collagen die Welt zu 
verwandeln und zu verzaubern. Was 
eben noch technische Zeichnung, Hut- 
prospekt. Tapete war, wird durch 
Montage, durch Farben und einige 
Linien neu gesehen und damit in einen 
neuen Zusammenhang gebracht, in 
Kunst verwandelt. 
Das gleiche gilt auch van den Frottagen. 
Durchreibungen von erhabenen Struk- 
turen. die 1925 entstanden. Sie be- 
zeichnen einen Neubeginn. durch dessen 
ALFRED KUBIN 
UND WIENER SCHULE IN ROM 
Die Ausstellung ..Alfred Kubin und die 
phantastischen Realisten Wiens". welche 
unter den Auspizien des Österreichi- 
schen Kulturinstitutes in der Galleria 
,.ll Bilico" in Rom gezeigt wird. darf 
für sich das Recht in Anspruch nehmen, 
zu den meistbeachteten künstlerischen 
Ereignissen dieser Saison in der italie- 
nischen Hauptstadt gezählt zu werden. 
Diese Manifestation zog das lebhafte 
Interesse eines sachkundigen Publikums 
auf sich, wie der Besuch maßgeblicher 
Kreise des römischen Kunstlebens: 
Museumsdirektoren, Galeriebesitzerund 
bedeutende Maler. u.a. Giorgio De 
Chirico, Fabrizia Clerici und Antonio 
Mararco. sowie umfangreiche Artikel 
in der Presse (vor allem jene von 
Claudia Refice in der angesehenen 
kulturellen Wochenschrift .,La Fiera 
Letteraria" und Valerio Mariani im 
,.Gi0rnale d'Italia") ebenso beweisen 
wie der Ankauf von Werken aus dieser 
Ausstellung durch römische Kunstsamm- 
ler. 
Gustav Rene Hocke bezeichnet diese 
erste Ausstellung der „Wiener Schule 
der phantastischen Realisten" in Rom 
in seinem Essay ..Zwischen Traum und 
Hoffnung", der im Katalog in italienisch 
und deutsch an Stelle einer Einführung 
publiziert wurde, als ein auch in histori- 
EIN INTERESSANTES 
GRAZER PROJEKT 
Ende November ging eine interessante 
Meldung durch die österreichische 
Tagespresse: In Anwesenheit von Unter- 
richtsminister Dr. Drimmel, Landes- 
hauptmann Krainer, Landesrat Univ.- 
Prof. Dr. Koren und des Grazer Bürger- 
meisters lng. Scherbaum erfolgte im 
Weißen Saal der Grazer Burg die 
Konstituierung des Kuratoriums für die 
Errichtung eines österreichischen Frei- 
lichtmuseums. ln fünf bis sechs Jahren 
soll es so weit sein, und der Besucher 
wird dann Gelegenheit erhalten. sich 
mit allen Besiedlungsformen Öster- 
reichs vertraut zu machen. Univ.-Praf. 
Dr. Koren konnte nachweisen, daß 
Freilichtmuseen in aller Welt als wert- 
volle Bildungseinrichtungen anerkannt 
sind, Minister Dr. Drimmel wies auf 
die durch Regierungsbeschluß gewahr- 
leistete Unterstützung des Projektes 
50 
Früchte Max Ernst zum bedeutendsten 
Maler der Bewegung wurde, die sich 
in seinem Werk und in der Sicht von 
heute immer mehr als eine romantische 
erweist: des Surrealismus. Nicht als 
Schöpfer, sondern als Gestalter des 
inneren Gesichts malte Ernst um 1927 
seine großen Bildzyklen: Horden, Wäl- 
der, Vageldenkmöler - die bleibenden 
Leistungen des Surrealismus. 
Das Furchtbare, Absurde, das Wuchern 
der Natur („Flugzeugfressender Gar- 
ten", 1935) bestimmen sein Schaffen bis 
in die amerikanische Zeit. bis zu 
„Surrealismus und Malerei" (1943). 
Heiterer und gelassener sieht der alte 
Künstler die Welt. die Bilder scheinen 
oft gegenstandsfrei; doch mit un- 
gebrochener Kraft verwandelt er die 
abstrakten Strukturen in Gebilde vall 
Leben, die sich scheinbar zu Gestalten. 
zaubrischen Lebewesen wandeln und 
schem Sinne legitimes Auftreten und 
weist vor allem auch auf die Distanz 
zum programmatischen Surrealismus 
wie zur dekorativen Ornamentik der 
ebenso kommerziellen nicht-figürlichen 
Epigonen der „Abstrakten" hin. 
Auch die Zusammensetzung der Aus- 
stellung (zwanzig Zeichnungen Alfred 
Kubins aus der Zeit von 1900 bis 1948, 
durchwegs Leihgaben der graphischen 
Sammlung „Albertina". und zwanzig 
Tempera- und Ölgemälde von Erich 
Brauer. Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, 
Anton Krejcar, Anton Lehmden, Kurt 
Regschek und Elsa Olivia Urbach) 
gewinnt durch Hockes Deutung des 
gentigen Phänomens der .,Wiener 
Schule". deren Entstehen und Ent- 
wicklung er als „eine der größten 
Überraschungen im heutigen geistigen 
Europa" bezeichnet. an Gewicht. 
Der Name Kubin rückte in die Titel- 
zeilen der Kulturseiten der großen 
Tageszeitungen. so daß diese dem Um- 
fang nach zwar bescheidene. aber der 
Auswahl nach hervorragende Schau 
seiner Zeichnungen zum Präludium 
einer umfassenden Kubin-Ausstellung 
für die großen Städte Italiens oder bei 
der XXXII. Biennale von Venedig 
werden könnte. 
Gleichermaßen haben auch die zwanzig 
Gemälde der „Wiener Schule" Gel- 
tung als Vorhut für eine umfassendere 
Unternehmung. 
durch höchste österreichische Stellen 
und gleichzeitig auf die Besinnung auf 
eine Idee hin, die in Gegensatz zum 
.,Mammonismus" unserer Zeit stünde, 
Als Standort des Freilichtmuseums ist 
der Enzenbachgraben bei Graz vor- 
gesehen. Im Rahmen des Museums soll 
auch die rapide dahinschwindende 
Kunst alter Töpferei und Weberei 
sowie des Schmiedens und Vermahlens 
gepflegt werden. Die Idee als solche 
geht in Österreich auf Univ.-Prof. 
Dr. Geramb. einen der Nestoren 
unserer Volkskunde, zurück. Als Vor- 
bilder können ähnliche, vor allem in 
Skandinavien beheimatete Institutionen 
dienen. 
NOCHMALS: 
HENTARTETE KUNST" 
Einer Sendung des NWDR entnehmen 
wir folgende interessante Fakten: 
In der DDR soll sich ein sechsbändiges 
Verzeichnis der beschlagnahmten ver- 
doch angreifbar bleiben, Mit sentenz- 
hafter Prägnanz nennt er ein 1959 
entstandenes Bild .,Mundus est fabula": 
Titel wie Bild wirken wie eine Zu- 
sammenfassung der künstlerischenWelt- 
sicht des Surrealisten Max Ernst. 
Zu den Gemälden, Collagen und 
Frottagen kommen die illustrierten 
Bücher und die Plastiken. Holzstich- 
montagen werden zu absurden Bild- 
folgen zusammengestellt, Pseudoramane 
ohne Worte. wie das Buch mit dem 
akustisch zweideutigen Titel ,.l_a femme 
100 tätes -- Die hundert-kopflose 
Frau". in denen der Schrecken einer 
gemütvollen Bürgerwelt ins Bild ge- 
bannt wird. Die Plastik beschäftigt 
Ernst zwar von früh an. nimmt aber 
erst seit 1941i breiteren Raum in seinem 
Schaffen ein. Durch die Übernahme 
vorgeformter Elemente haben sie einen 
oft geräthaften Charakter, ohne daß 
das magische Element verlorengehl 
(Abb. 1. 2), Helmut R. Leppien 
Hausners groß angelegtes Werk „Zwei 
Kontinente" beherrscht in seiner un- 
nachahmlichen Technik und klaren 
Konzeption den Raum. Während er 
sich ll'l seiner kritischen Stellungnahme 
eine Art heiteren Sarkasmus bewahrt. 
wird diese bei Fuchs (Psalm 69) zur 
dröhnenden Anklage. Hinter Lehmdens 
bukolischer Heiterkeit in seinen Land- 
schaften verbirgt sich eine akute Bedro- 
hung. Brauer, dessen Werke gleicher- 
maßen bei Bruegel als bei persischen 
Miniaturen ihren Ursprung haben, 
bleibt isoliert. Krejcar ist auch durch 
die Anwendung der sonst nur in der 
abstrakten Kunst üblichen Material- 
malerei ein Außenseiter. Regschek 
besteht in seinem kleinen organischen 
Bild „Der andere Phönix", übernimmt 
sich aber sichtlich in Format und 
Konzept beim .,Letzten König". Eisa 
Olivia Urbachs „Nymphe" ist in ihrer 
michelangelesken Interpretation ein 
überzeugendes Bild. Die Landschafts- 
formationen im Hintergrund weisen 
auf Leonardo. Vor allem die beiden 
Namen Regschek und Urbach stehen 
in Rom für jene zweite Welle der 
..Wiener Schule" ein, d. h. für Couden- 
hove, Doxat. Ferra, Kies. Korab, 
Matauschek, Mikula und Pilcz. deren 
Werke hoffentlich bei nächster Ge- 
legenheit in Rom gezeigt werden 
können (Abb, 3, 4). 
Walter Zeitl 
femten Kunstwerke befinden, dessen 
derzeitiger Standort jedoch nicht ge- 
nannt werden konnte. 
Ein nach dem Krieg verstorbener 
Museumsbeamter der Bremer Kunst- 
halle gab gegen eine dem C. D, Fried- 3 
rich nahestehende Landschaft folgende 
Werke .,Entarteter" ab: 7 Feininger, 
2 Schmidt-Rottluff, 2 Marcks, 1 Moder- 
sohn-Becker, 199 (I) Aquarelle van 
Paul Klee. Kandinsky u. a. m. Der 
gleiche Musealbeamte hatte kurz vorher 
eine Monographie über die Modersohn 
veröffentlicht . . . Von den insgesamt 
16550 Gemälden etc., die aus öffent- 
lichem Kunstbesitz beschlagnahmt wor- 
den waren, wurden nur 125 auf der 
Auktion in Luzern ausgeboten. 
Viele Werke, von denen angenommen 
wurde, sie seien dem Aulodafe zum 
Opfer gefallen, dürften nicht vernichtet 
worden sein, da immer wieder Arbeiten 
auftauchen, die als verbrannt galten. 
Mayer-Grasse 4 
 
 
1 Max Ernst. Der große Wald. ' 
1927. Kunstmuseum Basel 
2 Max Ernst, Nlundus est fabula,1 
1959, The Museum of modern A 
 
3 Ernst Fuchs. Psalm 69, ÖlwTc 
75 x 53 cm, 1948 bis 1960 _ 
4 Elsa Olivia Urbach. Nymphe, C 
64 x 90 cm. 1962 
in?" ' 

	        

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