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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 68)

ganzen Bildes auch schwer feststellbar, dennoch ist nicht ausgeschlossen, 
daß hier nicht ein beliebiges Regentenpaar, sondern Kaiser Karl Vl. 
und seine jugendliche Tochter Maria Theresia, deren Nachfolge 1734 
schon feststand, dargestellt werden sollte. Es ist nun immerhin interes- 
sant zu bemerken, daß in einer Zeit, in der die Kaiserapotheose oder 
zumindest die Huldigung an das Kaiserpaar zu den festumrissenen 
Bildthemen der großen staatlichen und selbst kirchlichen Repräsen- 
tationsräume gehörte, im Festsaal des 'l"iroler Landhauses diese 
Huldigung nur in einer Nebengruppe angedeutet wird. Programm und 
Komposition des ganzen Deckenbildes lassen deutlich den Willen der 
Auftraggeber, also der Landstände, erkennen, sich selbst und das 
eigene XWalten im eigenen Land verherrlicht zu sehen. 
Der politische Hintergrund derartiger Themen wird noch deutlicher, 
wenn es sich um einen so offiziellen und von einem so geschulten 
Meister ausgeführten Auftrag handelt, wie es bei der Ausmalung des 
Riesensaales der Innsbrucker Hofburg durch Franz Anton Maulbertsch 
1775[76 der Fall wars). Das zentralistisch-absolutistische Denken war 
im Lauf des 18. Jahrhunderts immer weiter ausgebildet worden und 
hatte sich auch auf die verfassungsmäßige Stellung der Länder innerhalb 
des österreichischen Gesamtstaates ausgewirkt: die Entmachtung der 
Landstände und die Verschmelzung der Landesbehörden mit staat- 
lichen Verwaltungsorganen (in Tirol 1763 durchgeführt) sind Zeugen 
dieser Entwicklung. 
Für Tirol war die Situation besonders schwierig: heftiger Widerstand 
erhob sich gegen den Verlust der alten Selbständigkeit. Um so wichtiger 
war es, die seit jeher im Lande wurzelnde Anhänglichkeit an das Herr- 
scherhaus wachzuhalten und zu pflegen. Mitten in diese Probleme 
hinein scheint nun das Programm zu führen, das für die Ausmalung 
des neuerrichteten Reprasentationssaales der lnnsbrucker Hofburg 
zusammengestellt wurde. Wer als sein Urheber zu gelten hat, steht 
nicht mit Sicherheit fest. Der erhaltenen Korrespondenz zufolge war 
in maßgeblicher Weise der kaiserliche Akademiedirektor Josef von 
Spergs, ein gebürtiger Tiroler, daran beteiligt, auch die Kaiserin selbst 
nahm daran lebhaften Anteil. Ob freilich die Briefstellen, in denen sie 
die beiden Medaillons als ihre Erfindung bezeichnet, auf die beiden 
seitlichen Fresken zu beziehen sind und nicht nur auf die Rundbilder 
mit Szenen aus den Türkenkriegen, mag bezweifelt werden. 
lrn Mittelfresko war die „Triumphierende Verbindung der aller- 
durchlauchtigsten Häuser der Erzherzoglichen von Oesterreich und 
Herzoglichen von Lothringen" dargestellt, ein Thema von durchaus 
aktueller Bedeutung. 
Mit dem ganzen Schmelz und der Farbigkeit der genialen Kunst 
Maulbertsch' wurden den Tirolern der Glanz des Herrscherhauses, 
die Heldentaten und die Früchte des segensreichen Regimes und der 
Triumph universalen Kaisertums eindrücklich vor Augen gehalten. 
Die Vereinigung der beiden Häuser wurde nun aber nicht mit den 
Personen der Kaiserin Maria Theresia und ihres Gernahls Franz von 
Lothringen vorgestellt, sondern mit Herzog Karl Vl. von Lothringen 
und Eleonore Maria von Österreich, den Großeltern des Kaisers. 
Dies hatte seine besonderen Gründe: von 1679 bis 1690 hatte Karl 
von Lothringen in Tirol als Gubernator regiert und war zusammen 
mit seiner frommen und wohltätigen Gemahlin den Tirolern noch 
in guter Erinnerung. Mit dieser Darstellung wollte man also wohl 
den Tirolern entgegenkommen: zugleich ließ sich dadurch die Tatsache 
verschleiern, daß die österreichische und damit tirolische Dynastie 
seit Karl Vl. im Mannesstamrn erloschen war, und das neue Herrscher- 
haus Lothringen in einer an die Tradition anknüpfenden, unverbind- 
lichen Weise einführen (Abb. 4). 
Ohne hier auf Einzelheiten des Bildes einzugehen, sei auf die bezeich- 
nende Anderung hingewiesen, die sich gegenüber dem Fresko des 
Landtagsaales feststellen läßt: an Stelle des T riumphes der Landstande 
tritt hier die um vieles gewaltigere Verherrlichung des Fürstenhauses. 
Nur mehr eine sehr allgemeine Allegorie weist auf die Länderregierung, 
das „Gouvernement", hin: neben dem Triumphwagen schreitet eine 
weibliche Gestalt mit einem Liktorenbündel, und nur der kleine Putto 
mit dem Tiroler Adler ist das Zugeständnis an die tirolischen Ver- 
hältnisse (Abb. 5). 
Die beiden Seitenbilder stellen die Regalien des Landes Tirol vor, 
die, wie es in der Erklärung heißt, „bey diesem Triumph-Fest zum 
Opfer dargebracht werden". Auch hier also deutlich die Absicht, das 
Land mit all seinen Reichtümern in den allgemeinen Ruhm einzubeziehen 
und zum großen Triumph des Reiches beitragen zu lassen. I 
stellung der Landesgüter ist nun aber von einer solchen 
Ursprünglichkeit und Geschlossenheit, daß daraus zugleich 
überzeugender Lobgesang Tirols wurde, der auch die föderal 
Zeitgenossen versöhnt haben muß (Abb. 6-8). 
Das Bild des von der Natur reich gesegneten Landes und seiner 
Bewohnerschaft entrollt sich in einfachen, leicht verständlicher 
vor dem Hintergrund einer friedlichen Alpenlandschaft u1 
heiteren Himmels. Allegorien sind sehr sparsam verwendet, 
vielen bereitet sich das Bauernbild des 19. Jahrhunderts vt 
bestimmte inhaltliche Trennung der beiden Fresken ist nit 
zustellen und wird auch in der Beschreibung nicht erwähnt. H1 
wird man sagen können, daß auf dem südseitigen Deckenspie; 
die Schätze der Natur und Erträgnisse des Bodens und ihr ' 
landesfürstliche Regalien vorgezeigt werden, auf der Südseitc 1 
auf die Früchte der menschlichen Betätigung, auf Handel ur 
schaft hingewiesen wird. Die meisten der uns schon bekannt 
stellungen finden sich, wenn auch in weit ausführlicherer Form, 
die schon den merkantilistischen Geist des neuen Zeitalter 
läßt. Aus der Gegenüberstellung ließe sich beinahe eine kleit 
schaftsgeschichte Tirols ablesen. Auffallt etwa die geringe Bei 
die das Bergwerkswesen gegenüber früher Endet, auch das Mü 
wird gleichwertig neben anderen Einkünften, etwa denen a1 
Wirtschaft und Obsthandel, erwähnt. Auf Handel und Verkehr h 
wird in mehreren Gruppen hingewiesen, die aber immer ni 
eine bescheidene Vorahnung späterer Zeiten anmuten; Ja 
GeHügel und Fischerei haben ihren gewohnten Platz, der An 
Maises und die Verwertung der XVolle ist nicht vergessen; 2 
Nutzbarkeit des Wassers ist wieder erwähnt. Es sind aber auff: 
weise lnn und Sill, nicht mehr lnn und Etsch, die die Tirole 
in der Person eines Wassermanns und einer Nixe vorstellen. Zu 
werden sie in der Beschreibung unter diesen Namen geführ 
licherweise paßte das Bild der Sill besser in die Schilderung de 
reichtums und der Flößerei, die in ihren Gewässern dargestellt 
Wie sich das 19. Jahrhundert die Verteilung der Landesgüter v0 
hat, läßt sich auf einer sehr originellen Darstellung9) verfolgen, 
der großen Erbhuldigungsfeier des Jahres 1838 in Zusamn 
steht. Wenn auch die rechtliche Bedeutung dieser Erbhuldig 
der Annahme des neuen Herrschers durch das Land damals g 
mehr zur Debatte stand, wurde die Anwesenheit des Kaisers 
dennoch mit allem verfügbaren Pomp gefeiert. Der Maler 
Gurk (1801-1841) hat die entscheidenden Szenen in einer F0 
80 höchst amüsanten Aquarellbildern festgehalten. Zwei davo1 
laut Titel die „Überreichung der Tiroler Natur- und Kunstp 
durch Individuen in der herkömmlichen Landestracht der w 
denen Täler" vor und beziehen sich also auf einen Punkt d 
programms, der wiederum eine Zurschaustellung der eigenen 
mit einer Huldigung an den neuen Landesfürsten verband. 
Die Vertreter folgender Orte und Täler werden genannt: l 
Pfafflar (Lechtal), Ötztal, Bürgitz (: Birgitz bei Innsbruck), 
Dux (: Tux), Zillertal, Kufstein, Pustertal, Geiss (I Gais bei B1 
Kastelrurh, St. Leonhard in Passeier, Taufers, Cavalese, A1 
Trento (: Trient), Rovereto, Torbolli (: Torbole am Ga 
Pievetesino. 
Verglichen mit dem bunten Gemisch von Allegorien und lt 
Bildern, das die früheren Darstellungen brachten, scheint die 1 
Aneinanderreihung von Trachtenfiguren, die der Reihe na- 
Gaben vorlegten, etwas lehrhaft und trocken. Auf den Aqi 
sind aber durch das Geschick des Malers der große farbige Reiz 
heitere Wärme festgehalten worden, die eine solche Versar 
der tirolischen Talschaften für den Beschauer gehabt haben mui 
An Stelle solcher bildlicher Zusammenfassungen sind später Ges- 
wissenschaft, Volks- und Landeskunde getreten, um auf ihre 
den Reichtum des Landes darzustellen. 
ANMERKUNGEN: 
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s) Privatbcsirz Südtirol. Maße durchschuittlic büwäücm.
	        

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