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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 68)

Die Auferstehung (Ch 
Girolamo Francesco Maria Mazzola, genannt il Parmigianino, gilt mit 
Recht als der „Vater der italienischen Radierung". Wenn auch die 
Radierung schon vorher in Deutschland verwendet wurde und in 
Italien bei Marcanton bei kleinen Blättern in Nachahmung der Stich- 
technik oder zur Erleichterung bei großen Werken Anwendung fand, 
so hat doch er für die italienischen Künstler das eigentliche Wiesen 
und die Vorteile dieser neuen Technik erschlossen. Damit eröffnete 
er den Malern, denen die Schulung zur Handhabung des Gtabstichels 
fehlte, die Möglichkeit, sich unmittelbar graphisch zu äußern, ohne 
die Vermittlung eines ausgebildeten Kupferstechers oder Holzschneiders 
in Anspruch zu nehmen. Er hat der großen Ausbreitung der Technik, 
die zunächst in seinem Bannkreis erfolgte, dann aber allgemein um sich 
griff, die Wege gebahnt. Trotzdem hat man sich nur relativ wenig 
mit Parmigianinos radiertem Werk beschäftigt, das noch voll von 
Problemen ist und zu dem hier auch nur einige Bemerkungen gemacht 
werden können. 
Die fünfzehn Blätter, die Bartsch Parmigianino zuschrieb 1) und denen 
Le Blancl) und neuerdings Wieder Servolinil) wohl zu Unrecht die 
FP signierten, grob radierten Werke eines Anonymus zufügten, den 
Bartsch getrennt behandelt hatte, haben in der Kritik ein wechselvolles 
Schicksal erfahren. Nur zwölf hielten dem kritischen Blick Johannes 
Wildes stand4), auf sechs reduzierte sie Lili FröhIich-BumS), neun 
scheinen im Oeuvreverzeichnis Quintavalles auf 6), während Copettini 7) 
wie Wilde ebenfalls zwölf Radierungen anerkannte, aber andere als 
dieser ausschied. 
Versucht man heute, nachdem unsere Kenntnisse von Parmigianino 
durch neuere Publikationen gewachsen sind ß), sich wieder dem Problem 
zu nähern, und zwar auf Grund der hervorragenden Sammlung der 
Albertina, so ergibt sich, daß wahrscheinlich Wilde der Wahrheit 
am nächsten gekommen ist, wenn sich auch noch einiges ergänzen 
läßr. 
Die Schwierigkeit der Beurteilung liegt nicht nur im Wechsel der 
verwendeten Techniken und Formate, die zu weit auseinanderliegenden 
Datierungen der einzelnen Blätter geführt haben, sondern auch darin, 
daß eine außerordentlich große Anzahl von Kopien nach Parmigianinos 
Blättern existiert, die seine Hochschätzung beweisen und sicherlich 
schon auf das sechzehnte oder siebzehnte Jahrhundert zurückgehen. 
Sie ahmen die Originale in wohl bewußt täuschender Manier so genau 
nach, daß selbst so große Kenner wie Jean Pierre Mariette, der die 
Sammlung des Prinzen Eugen, die über die ehemalige Hofbibliothek 
in die Albertina gelangte, bearbeitete, und aufihm fußend Adam Bartsch, 
der in Wien nur wenige der originalen Blätter vorfand, der Täuschung 
erlegen sind. Kein Wunder, daß in dem einzigen Werk, in dem alle 
Radierungen Parmigianinos abgebildet und besprochen sind, dem 
Werk Giovanni Copertinis, ebenfalls die Kopien reichlich vertreten 
sind. 
Mit zu den reizvollsten Werken Parmigianinos auf dem Gebiet der 
Radierung gehört das Blatt mit der Darstellung der Auferstehung 
Christi9) (Abb. l). Der lockeren Komposition und den weich und 
rhythmisch bewegten Körpern und Umrissen nach zu schließen läßt 
es sich wahrscheinlich noch in die späte römische oder in den Anfang 
der bolognesischen Periode datieren, also kurz vor oder nach 1527, 
und gehört damit zu den frühesten Werken des Meisters in der neuen 
Technik I0). Wohl als erster in Italien, wie Wilde feststellte, verwendet 
hier Parmigianino nach Abschluß der Ätzung in den Hauptpartien 
die kalte Nadel vor allem in den zart anschwellenden Linien des Hinter- 
grundes, aber auch in Einzelheiten der Modellierung der Körper, 
um den Duft der in Licht und Schatten weich um die Figuren spielenden 
Atmosphäre zu erzeugen, die den l-lauptreiz des Blattes ausmacht. 
Der Strich ist in hohem Maße stichmäßig in lange durchgezogenen, 
geschwungenen Linien und Schralfenlagen geführt, was ebenfalls die 
frühe Datierung unterstützt, denn Ausgangspunkt und Anregung 
mußten für den Meister die Stiche sein, wie auch seine exakte Kopie 
nach einem toten Kind im Kindermordstich Marcantons beweist, 
das er zu einem kleinen schlafenden Amor umbildete und das vielleicht 
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