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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 69)

Notizen aus dem Kunstleben und Kunsthandel 
FRITZ WOTRUBA IM MUSEUM DES 20. JAHRHUNDERTS 
Es ist selten, daß das Werk eines großen Künstlers eine solche einheitliche und konsequente Linie aufweist wie das hier der 
Fall ist. Schon der Jünglingstorso weist auf die starke Konsistenz der späteren Werke. Wir sehen auch sofort jenes Thema 
angeschlagen, dem Watruba sich allezeit widmet: der Mensch. Es sind Entwicklungen, Vorstöße zu immer neuen und wesent- 
Iicheren Schöpfungsvollzügen. Es ist eine Erfassung der verschiedensten Möglichkeiten des Daseins in diese Figuren ein- 
gegangen. Alles Beilüufige und Zufällige ist abgestreift. 
Die Ausstellung lüßt erkennen, wie der Künstler um Verinnerlichung und Klarheit gerungen hat, und wie sich das Werk 
schließlich, wie in einem Kristallisationsprozell, zu immer spröderen, aber auch geklürteren Formen verdichtet. Welch 
konzentrierte, wesenhafte Sammlung finden wir bereits in der .,Sitzenden Figur" von 1949! Das Kuberihafte gibt der Gestalt 
besonderes Gewicht, der doppelte Balken der Unterarme ist ein solides Fundament, auf dem sich der Oberkörper aufbaut. 
der die einfache Vertikale betont. Ähnlich wie bei frühen Dioritstatuen ägyptischer Könige ist in dem einzigartigen Zusammen- 
klang von blockhafter Form und aufrechter Haltung Kraft und Würde zugleich. Die „Große Liegende", eine weich hin- 
gelagerte, im Auf und Ab der Konturen bewegte Gestalt entwüchst der Erde. Sie ist eine melodiöse Landschaft unserer Heimat. 
Auch hier finden wir die Würde: in dem kräftigen, erhobenen Haupt. In dem hingestreckten Leib aber ist die sanfte Heiterkeit 
und der Rhythmus niederösterreichischen Hügellandes. Reliefs mit kontrapostisch angeordneten Gestalten vereinen einzelne 
Elemente zu Gruppen. Eine Partitur des menschlichen Seinsgrund wird hier zum Da-sein erweckt. 
In einer ganzen Reihe stelenförmiger Figuren und Torsen gestaltet Wotruba immer wieder von neuem das schon im Er- 
scheinungsbild absolut Wesenhafte des Menschen. Diese schreitenden und stehenden Figuren sind in ihrer Vertikalitüt, mit 
einigen sparsamen horizontalen Gliederungen bei den Gelenken, Zeugen der menschlichen Aufgerichtetheit. Eingespannt 
zwischen oben und unten ist unsere Existenz mit dem Baden meist durch eine breite Basis verbunden, oft als Torso nach oben 
offen geblieben. Hier ist ein Werk, frei jeder provinziellen Enge und Beschränkung, frei im Spiel und Widerspiel zwischen 
Himmel und Erde gestellt. Alois Vogel 
3D 
Elemente zu Gruppen. Eine Partitur des menschlichen Seinsgruna wira nier zum iJa-seiii CIWCLKI. 
In einer ganzen Reihe stelenförmiger Figuren und Torsen gestaltet Wotruba immer wieder von neuem das schon im Er- 
scheinungsblld absolut Wesenhafte des Menschen. Diese schreitenden und stehenden Figuren sind in ihrer Vertikalität. mit 
einigen sparsamen horizontalen Gliederungen bei den Gelenken, Zeugen der menschlichen Aufgerichtetheit. Eingespannt 
zwischen oben und unten ist unsere Existenz mit dem Baden meist durch eine breite Basis verbunden, oft als Torso nach oben 
offen geblieben. Hier ist ein Werk, frei jeder provinziellen Enge und Beschränkung, frei im Spiel und Widerspiel zwischen 
Himmel und Erde gestellt. Alois Vogel 
BENl FERENCZY 
Zu r Ausstellu ng im Kü nstlerhuus. Dieser Bildhauer, Aquarellist und Zeichner, 1890 als Sohn eines prominenten Malers 
geboren und eben von einer schweren Krankheit genesen, ist ein ähnlich beunruhigendes Phänomen wie der nur um weniges 
jüngere Gustinus Ambrosi: Ein ungeheures Ausmaß an Routine verbindet sich in einem überreichen Lebenswerk von gewaltiger 
Fruchtbarkeit mit einem niemals gefährdeten Sinn für Treffsicherheit, Wirkung und „gutes Ankommen" beim Publikum. 
Ferenczy, ein unruhiger Geist, lernte in München und Paris (B0urdelle, Archipenko), lebte von 1921 bis 1932 in Wien, schuf 
hier unter anderem das Grabmal Egon Schieles auf dem St. Veiter Friedhof, verbrachte drei Jahre (bis 1935) in Moskau, 
weilte anschließend (bis 1938) wieder in Wien und ist erst seither in Budapest ansässig. Bei seinen Wanderungen und im Zeichen 
zahlloser Begegnungen mit Künstlerkollegen und allerlei interessanten Menschen wurde er zu einer Persönlichkeit, die man 
ab ihrer Sicherheit und der Fülle ihrer Einfälle ebenso bewundert wie man ihr wegen des unverkennbaren Eklektizismus 
und einer allzugrolien Anpassungsfähigkeit mit großen Vorbehalten gegenübersteht; alles am Werke Ferenczys kommt einem 
bekannt vor 4 die schlanken Knaben erinnern an Minne und Lehmbruck, die vollhüftigen, schwerbrüstigen Frauen lassen an 
Maillol denken, die Grazilität der Kinderdarstellungen weisen Verwandtschaft zum Schaffen von Georg Ehrlich auf, die kühle 
Klassizität der Porträts hat etwas vom Geiste Despiaus mitbekommen, in der Oberfldchenbehandlung finden sich ab und zu 
Spuren von Rodins Wirken. Ein eigenes, nicht sehr glückliches Kapitel sind die zahlreichen Medaillen, mit denen der Künstler 
lebende und tote Persönlichkeiten des kulturellen Lebens aus aller Welt zu ehren versuchte - el Greco genauso wie Fischer von 
Erlach, Julius von Schlosser und Belci Bartok. Sie sind in seinem sonst der Form nach so sauberen Schaffen von merkwürdig 
wuchernder Disziplinlosigkeit (Abb. 1, 2). 
Am Gesamtwerk des Künstlers scheint sich die Tatsache zu bestätigen, daß der figurative Weg der Bildhauerei (leider) praktisch 
zu Ende gegangen ist und in Konvention und Klitterung mündete. Und die einzig gangbare Lösung, nämlich das Suchen nach 
echter Expression (etwa in der Art des genialen Alfred Hrdlicka) hat Ferenczy nicht einmal andeutungsweise versucht. 
Koller 
NAIVE KUNST tN JUGOSLAWIEN 
Wien, Akademie der bildenden Künste. In ZagrebgibteseineGalerie der Primitiven Kunst, die EndeApril eine reizvolle 
Kollektion van Ölgemälden, Hinterglasbildern und Skulpturen der sogenannten „Schule von l-llebine" nach Wien entsandte. 
Es sind völlig unverfälschte, im besten Sinn des Wortes „erdnahe" gebliebene Bauern, Landarbeiter und Handwerker, die 
sich, gruppiert um den Hauptmeister Ivan Generalic, mit der Darstellung der heimatlichen Umwelt befassen, Ein einzelner 
Meister. Emerik Fejes, malt Bilder berühmter Bauwerke nach Postkarten, einer der Bildhauer, Lavoslav Torti, macht Porträt- 
köpfe. in denen ganz unmittelbar der Geist der altslawischen Plastik wieder auflebt. Denkt man an die im Herbst des Vor- 
jahres in Wien gewesene Ausstellung von Werken der Grandma Moses zurück, wird einem der Unterschied zwischen echter 
und geheuchelter Primitivkunst sofort klar. Vielleicht gelingt es uns, in ein paar Worten das Wesen echter elementarer künst- 
lerischer Schöpfung zu charakterisieren. Jeder Primitivkünstler hat zunächst die unbedingte Absicht, das ihn interessierende 
Motiv so ähnlich wie nur irgend möglich abzukonterfeien. Wenn wir das abstrahierende. irrealistische Moment in der 
Primitivkunst so schatzen und lieben. so dürfen wir nie in den Fehler verfallen, zu glauben, daf! dies beabsichtigt und gewollt 
sei: der Primitivkünstler will die Natur mit allen Mitteln nachahmen und sonst nichts. 
Eine der Grundlagen seines Schaffens ist also im Nichtbewältigenkönnen vori Motiv, aber auch von Malfläche und Farbe 
(beide im Gegensatz zur freiräumlicheunbegrenzten, immateriellen „lllusion" der optischen Erscheinung) zu suchen, Die 
andere Grundlage ist diejeweils auf der Gegebenheit dieses Scheiterns erarbeitete subjektive Formel zur Lösung der Probleme 
von Wiedergabe und Gestaltung. Elementare Unterwerfung unter die unbewußt erlittene Diktatur von Fläche, Begrenztheit 
und Farbstofflichkeit auf der einen Seite, Erarbeitung eines sehr persönlichen Schlüssels zur Öffnung der versiegelten Tür der 
Illusion auf der anderen Seite V das sind die wesentlichen lngredienzien des Primitivstils. In ihm offenbart sich ferner die Tat- 
sache, daß gerade der elementare Künstler viel weniger mit den Augen, als mit dem Intellekt, dem ardnenden Verstand sieht 
und gestaltet: das ist der Grund. weswegen sich in primitiven Malereien treffliche Einzelbeobachtungen und hieroglvphen- 
artige Formelhaftigkeit so innig verbinden. 
Entdeckt aber der Primitivkünstler, daß seine Art zu sehen und zu gestalten als reizvoll, als „Stil" empfunden wird. hört er 
auf, echt und elementar zu schaffen, weil er ja sein ursprüngliches Arbeitsziel aufgibt, Deswegen ist internationaler Erfolg 
der Tod der Volkskunst: in unserer eigenen wie auch in der Kunst der exotischen Völker hat er sich schon längst vollzogen. 
Köller 
DIE AUSSTELLUNG FRANZ ROGLERS WÄHREND DER KAPFENBERGER KULTURTAGE1963 
Bei den Kapfenberger Kulturtagen, die in zweijährigem Turnus stattfinden, wird jedesmal ein österreichischer Künstler aus? 
gestellt. Diesmal war die bildende Kunst durch eine Kollektive des Grazer Malers Franz Rogler vertreten, die im Kapfenberger 
Volksheim gezeigt wurde. Zu den Arbeiten Roglers. die den Zeitraum von 1945 bis 1963 umspannen, verfaßte Ulrich Baum? 
gartner einen Katalog mit zahlreichen Abbildungen. Dem Vorwort stelllc er einen Gedanken Ncvolis voran, der für das Schaffen 
Roglers typisch ist. „Welch unerschöpfliche Menge von Matertalien zu neuen individuellen Kompositionen liegt nicht umher!" 
Gerade die letzten Arbeiten Reglers liegen in dieser Richtung. Er folgt damit nicht nur Novalis, sondern auch Max Ernst. Sein 
Surrealismus unterscheidet ich jedoch wesentlich von dem der Wiener Schule. Der Materie zugewandt und sie verwandelnd. 
lebt in seinen Schöpfungen der Ernst und die Vitalität des Werktätigen, eines Homa faber (Abb. 5, 6). Mrazek 
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