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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 70)

Pharaonen, die als höchste Vertreter der Menschheit dem Sonnengott 
Aton Opfer bringen, welcher seine Strahlen erhaltend und ernahrend 
als wohltätige Hände über die Erde ausstreckt, oder den arabischen 
Brauch des Ramadan, des Sonnenmonats, wo kein Moslem bei Tages- 
licht speisen und rauchen darf. ln diesem Monat soll sich der Sonnen- 
engel Gibrail, nicht unähnlich dem Starken Engel der Apokalypse, 
dessen Antlitz wie die Sonne strahlte, der Erde genähert haben, um 
die Allmacht des Kalifen zu predigen, die Monarchie zu stärken. Der 
Glaube an die Weltsendung ist immer mit dabei. Dies gilt auch während 
des ganzen Mittelalters. Wir haben den böhmischen Herrscher Primis- 
laus Ottokar ll., einen Sonnen- und Löwenkönig, bereits erwähnt. 
Neben dieser Bedeutung lebt die Erinnerung an die Sonne als Symbol 
der ursprünglichen, ersten gesellschaftlichen Gleichheit weiter fort: 
eine phantastische Rückkehr zu ihr stellen die wiederholten Expedi- 
tionen zu Sonneninseln in utopischen Romanen der Spatantike dar. 
Auch die neuzeitlichen Utopien haben das nicht ganz vergessen: so 
überrascht uns in Campanellas ßbnnerlaat keineswegs, daß ein demo- 
kratischer Regent, der Herrscher der Gemeinde, sich mit einem Kreis 
bezeichnet und Xul, Sonne, nennt. Während der Spätantike und des 
Mittelalters galt der Wahlspruch Quad ral in roelir, irl rex in lerrn. Dürer 
verwendet diese Devise später in nur Wenig verändertem Wortlaut 
für seinen Holzschnitt auf dem Triumphwagen Kaiser Maximilians. 
Wir verstehen sie jedoch schon in seiner Apokalypse zu deuten, auch 
im Zusammenhang mit dem Kult Maximilians als hoffnungsvollen, 
mächtigen und gerechten Herrschers. Denn der „Sol lustitiae" ist 
zugleich ein „Sol invictus". Die Tradition der niemals überwundenen, 
allmächtigen und allwissenden Sonne lebt auch in den Volksmärchen 
von den Drei goldenen Haaren des allwissenden Greises weiter oder 
in der Erzählung, wie der dumme, in Wirklichkeit aber sehr gescheite 
Bursche zur Sonne auszog, was Frobenius bereits in den Sagen der 
afrikanischen Neger im Zusammenhang mit dem Löwen- oder Panther- 
kult festgestellt hat. 
Mit dem oben Gesagten ist allerdings die Bedeutung des Blattes bei 
weitem nicht erledigt. Wir haben nur die moralpolitische Bedeutungs- 
schicht besprochen, nicht die kosmologische, naturphilosophische, 
welche die Darstellung zum graphischen Schema einer Weltanschauung 
im eigentlichen Wortsinne macht. Hierin verweise ich auf Franz 
Jurascheks Buch über Dürers Apokalypse und auf meine sich im 
Druck befindliche Monographie. Es sei mir noch am Ende gestattet, 
der Namen der drei großen Wiener Kunstforscher zu gedenken, 
welche die allgemeine Verständnislosigkeit gegenüber dem Ideengehalt 
und Ideenreichtum von Dürers Apokalypse durch ihre bahnbrechen- 
den Vorstöße zu deren Geheimnis zu verdrängen versucht haben: 
Moritz Thausing, Max DvoF-ak, Franz Juraschekll). 
ANMERKUNGEN UND LlTElkATUlll-IINWEISE: 
l) Franz juraschek, Dürer: Gom-sschau. Die Holzschnirnpakalypse und Nikolaus von cine, 
Wien 1955. 
1) Thzusing. I. C. S. 194. "h betuchte es als sehr bcweiskriftig. wenn Thausing diesen Kcpf 
' tig als le-lancholisc ' bezeichnet. Nach der Zeitmode der Humanisten war Kaiser Maxi- 
milian l. ein herunmrer "Melmlrholiker". Vgl. hiemir unsere weitere Auslegung. 
1) Waetzoldt. l. e. s. 61: "Der Regenbogen krdnt ein apollinisches Haupt." e wnerzdldn wnhr. 
nehmung isr nn dieser Stelle vdlurdnunen riehrig. Der apollinische Typ dieses "Starken Engels" 
kann u. n. auch darin begründet sein. daß die Apokalypse an anderer Stelle (IX. il 1:) von 
einern Konig. dem Engel des Abgrund: spricht, der hebräisch Abaddon. griechisch Apnllyon 
heißt. Apollon kann deshalb der Engel des Abgrund: sein, weil er in der griechischen Sage den 
Drachen Python besicglc und in den Abgrund warf. Vgl. unsere weitere Erklärung dieser (ins-kalt. 
4) Thausing. 1. c. S. 205 R. _ 
5) Alexander von Bremen, Exfaositio in Apocalypsim. Munumenta Germznnc Histarica. 1955. 
S. 1597162. ß S. 173: "Sa omo statuiz duas (olumnas in porricu rempll" cm; es sind dies 
die zwei Säulen vom Portikils des salamonischen Tempels. Als besonders bedeutsam betrachte 
ich den Umstand, dzß der Tradition zufolge auch die ersten zwei Säulen im Würzburger Ünm 
]2(hin und Boaz benannt sind! 
v) Ruth Kestcnbcrg CIadstein. A jozlchimite Prophecy cuncerning ßuhernin. Slavonic Review 
1956. - Die WCllL - wichtige Literatur hiczu: D. Cantirnori, Italienische Häretikcr der Spflt- 
renziuznre, Basel 1949. z Grauert. Die deutsche Kaisersage. Historisches jnhrburh 1892. 
Baethgcn. Der Engelspapst. -e Fr. Kampcrs, Die deutsrhe Kziseridee in Prophetie und Sage. 
Menrlk, Ccskä pmrodvl (Böhmisch: Prophezeiungen). - Mosheim, Versuch einer unpar- 
teiischen Ketzcrgeschichte. 1784. 
1) Dürer führte später Maximilian die Hauptmotive der Apokalypse wieder vor Augen. in den 
Randzeichnungrn zum Gcbethuch Maximilians aus dem Jahr 1513. 
5) Hans Scdlmayr, Epothcn und Werke ll, München 1960, S. 2491i". 
7) Erwin Panofsky. Thl: Lift and Art nf Albrecht Dürer, Princeton 1945. S. 78 d. Die Zitation habe 
iCh beglaubigen können a ' Dictiunarium, seu Repertorimn morale Petri Berrhorii Picnvicnsis 
ordinis Bencdicti. Vencti . ipud Hiwredeln Hieronymi Scoti, MDLXXlll. 
l") Für eine Spielerei hält Panofsky diesen Kupfcrslich Dürers, indem er meint (an der oben zitierten 
srelle). einzig Dürcrs "irnngirlativn strzvzganle" sei rlnliir verantwortlich. daß hier Beziehungen 
zwisehen humanistischcr und xpukalyptischcr Symbolik vorliegen. Dics ist ein lrrrurn von Grund 
auS. die humanistische Kulturund die Apokalypse. besonders in ihrer monarchistischcn Ausdeutung. 
haben VOn Anfang an bis zur Zwei! um d. J. 1500 die enpten weehseleeirigen aeziehuniäeln. die 
es nur gehen kann. Die Apokalypse ist riir das Mittelalter ein im Grunde hurnnnirrieeher ythus 
der Wclzgewhichle. 
H) Vgl. Moritz Thzusing. Albrecht Dhrer. Geschichte seines Lebens und seiner Kunst, Lcip 'g 
1x76; MQX Dvoriiks Vorlesung über Dürers Apokalypse in: Kunstgeschichte zlr Grislcsge 
schichte. red. von K. M. Swubtidzl. München 1924; Rudolf Chadnba. lknnnlo 1' Dürernv 
Apokalypsy, i r Shomlk vyrnlee sknly pedagngicke v Olornouci, Historie lV. 195 . l-rnlin 1057; 
Rudolf Chadrabi, Durcrs Apokalypse. im Druck für das ]ihr 1963 beim Verlag der Tscllccl o- 
slowakischr-n Akademie der Wissenschaften. Pragl eine teilweise Zusammenfassung davon in: 
R. Ch., nlitische Sinngehalte in Dürcrs Apokalypse, Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt- 
Univers 't zu Berlin, (lvscllschilfts- und sprachwissenschaftliche Reihe 1963, Heft 2. 
1h 
    
  
 
 

	        

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