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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 70)

„zweiten" Seidenhauses am Anger wurde nach den Überschlägen einer 
Reihe von Hofhandwerksmeistern eine Gesamtsumme von über 
1789 Gulden festgesetzt. Nach dem Gutachten des Hof bauamts entschloß 
sich der Kurfürst Karl Albert, aus einem außerordentlichen Etat ins- 
gesamt 1600 Gulden an Härtl zu bezahlen, wobei das Hofbauamt 
angewiesen wurde, ihm monatlich 400 Gulden zu verabfolgen. Nach 
den „wohlgenossenen Passauer Diensten" übersiedelte Härtl mit 
Familie, Hausrat und Werkstatteinrichtung nach München, wobei er 
bis Wasserburg mit dem Schilf innaufwärts gefahren kam und von 
dort aus die Reise mit dem Wagen nach München fortsetzte. In dem 
im Jahre 1670 errichteten und im zweiten Weltkrieg zerstörten Seiden- 
haus am Oberanger, dem früheren Heumarkt, mußte Härtl zahlreiche 
Anderungen und Umbauten vornehmen lassen. Für große Brennöfen, 
Laboratorien, einen Abtreib- und Windschmelzofen verbaute er im 
Laufe der Zeit 300 Gulden. Als er wohl einundsiebzigjährig am 
21. Juli 1754 in München starb, durften die wertvollen Einrichtungen 
laut allerhöchstem Befehl dort einstweilen in einem „vacanten" Zimmer 
bleiben. Sein Sohn Johannes Paul Rupert, getauft 14. Mai 1716 in 
Passau und am 31. Dezember 1792 in Traunstein gestorben, Münz- 
und Bergrat sowie „Churfürstlicher Hofkammerrat und Salzmeier- 
kastner" in Traunstein (mit dem Adelsprädikat „von Hartenstein"), 
beklagte sich im Jahre 1766 bei seinem Landesherrn, dem Kurfürsten 
Max III. Joseph, daß in diesem Seidenhaus am Oberanger „alle Kost- 
barkeiten zugrunde gerichtct wurden, auch die künstlichen Modelle, 
die zierlichen Figuren, Basreliefs, sehr viele Materialien zum Porzellain- 
machen, Boussier- und Schrnölzarbeiten seien der größten Gefahr 
unterworfen". Aus einer solchen Aufstellung nachgelassener Gerät- 
schaften geht nicht nur die technische, sondern auch die künstlerische 
Vielseitigkeit des kurfürstlichen Hofbossierers Härtl hervor, der 
unstreitig der bedeutendste bayrische Erdbossierer des 18. Jahrhunderts 
war. Johann Paul Rupert wurde am 24. September 1754 in Nachfolge 
seines Vaters zum Hofbossierer ernannt, nachdem er kurz vorher 
Verwalter der Neudccker (später Nymphenburger) Porzellanfabrik 
geworden war, deren technischer Leiter er bis 1761 blieb. Mit guten 
Gründen ist man heute der Ansicht, daß nach langjährigen erfolglosen 
Versuchen es erst dem Wiener Arkanisten, Ofenspezialisten und Por- 
zellanma'er Joseph Jakob Ringler (1730-1804) und durch die Beihilfe 
des Münchener „Chymikus"  P. R. Härtl die fabrikmäßige Erzeugung 
von echtem Porzellan in der Nymphenbutger Manufaktur imJahre 1754 
gelang, in die F. A. Bustelli am 3. November 1754 als Figurist eintrat. 
Von ihr sagte man in einem Vorschlag aus dem Jahre 1767 zur Sanierung 
der bayerischen Münze mit Recht: „Die fabrique hat es in wenig Jahren 
mit Darstellung des ächten Porcellain soweith gebracht, dass sie nach 
dem Urteill aller Kennern vor all anderen Fabriquen sowohl in 
Deutschland, als Frankreich, Engelland und Holland, dem Meisner 
Porcellain in Weisse yals Zirdt und Daurhaiftigkeit noch am nächsten 
beykommt" 9"). Aus einer Bittschrift, die ein anderer Sohn l-lärtls, Anton 
Thaddäus (getauft 11. Juni 1720 in Passau), im Jahre 1754 an Kurfürst 
Max lll. Joseph richtete, erfahren wir eine sehr aufschlußreiche biogra- 
phische Einzelheit aus dem Leben seines Vaters, aus der hervorgeht, daß 
dieser als llofbossierer mit 1000 Gulden jährlichem Gehalt nebst freier 
Wohnung im Jahre 1736 an den königlichen dänischen Hof nach Kopen- 
hagen berufen werden sollte. Härtl lehnte dieses für ihn äußerst günstige 
Angebot ab mit der Begründung, daß er als Katholik nicht in einem 
„uncatholisch länd" leben wolle. Aus den gleichen Gründen unter- 
sagte er es auch seinem Sohn Anton Thaddäus, diese Berufung nach 
Dänemark anzunehmen. Der dänische König, so führte Anton Thaddäus 
I-lartl in dieser Bittschrift aus, hatte damals einen Ingenieur-Kapitän 
mit Namen Nicola Eigwedt auf Reisen geschickt, der „allerlei Re- 
marquables an Residenzen, Burgen und Palästen in Augenschein zu 
nehmen beauftragt" war. In München belobte er „Ew. Churfürstl. 
Paradezimmer sehr", zeichnete „alle hiesigen Schönheiten mit vielen 
Unkästcn aufs fleißigste" und überbrachte die Nachricht von den 
Härtlschen Öfen in der Münchener Residenz „samt Rissen und Model" 
seinem Könige, „als die er nirgends also an Schönheit und Accuration 
angetroffen, wie dann außer nur wenig oder gar kein Künstler von 
hier dahin seind verlanget worden". Dieser Anton Thaddäus Härtl 
war offensichtlich ein tüchtiger Mitarbeiter seines Vaters. Er bewarb 
sich am 13. November 1753 um die Stelle eines Hofbossierers und 
wurde zunächst abgewiesen. Schließlich wurde er am 1. Juli 1754, 
also kurz vor dem Tode seines Vaters, Bossierer und Reparierer an 
der Neudecker Porzellanfabrik, „für die er allerhand Figuren" ver- 
fertigt hat. Wegen Streitigkeiten mit seinem Bruder Johann Paul 
Rupert verließ er sie jedoch wieder im folgenden Jahre. Über seinen 
8 Mittelfeld vom Chrouoxrxfeu Q1741). Briihl, Schloß Auguslusburg 
9 Kornmorle, nach einem Entwurf von Fr. Cuvillie. d. A. ausgcfdhrr von Joachim Dietrich. 
New York, The Metropolitan Museum of Art (Fletcher Found) 
10 Seitenansicht der Kommode (Abb. 9), nach einen! Entwurf von Fr. Cuvillies d. A. 
ausgeführt von Joachim Dietrich. New York, Tlic Metropolitaxi Museum of Ar! (Fletcher Found) 
Q3127}? 
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