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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 70)

späteren Lebensweg ist nichts bekannt. Anton Thaddäus Härtl arbeitete 
als selbständiger Stukkateur für clie Fürstbischöfe von Konstanz, Straß- 
burg und Basel. Von ihm stammt die Nachricht, daß sein Vater Johann 
Georg zwei Öfen nach Nymphcnburg, ferner Stücke ins Stuttgarter 
Schloß des Herzogs von Württemberg, für den Hof von Hessen-Kassel 
und für den nach Lüttich geliefert habe. Von hervorragender Wichtig- 
keit ist für uns die auf ihn zurückgehende Nachricht, daß sein Vater 
Zieröfen von besonderer Qualität nach dem Lustschloß Augustusburg 
für den Kurfürsten von Köln Clemens August geliefert habe. Er 
bezeichnete sie als „extrafein" und erwähnt dabei ausdrücklich, daß 
er sie als Gehilfe seines Vaters mit ihm zusammen dort aufgesetzt habe. 
Es steht außer jedem Zweifel, daß mit diesen urkundlich erwähnten 
Werken die drei dort noch heute erhaltenen „bairiuberW Fqyenreöjfen in 
Brühl gemeint sind. Sie befinden sich im ersten und zweiten Antichambre 
des Sommerappartements im Erdgeschoß (Raum 7 und 8) sowie im 
Audienzzimmer des grünen Appartements im zweiten Obergesclioß des 
Südflügels W). Wie die meisten in dieser Epoche hergestellten Zieröfen 
sind auch sie von rückwärts zu beheizen. 
Im Gegensatz zu der Münchener Residenz sind die Brühler Fayence- 
Öfen nun nicht mehr in eine Nische eingebunden und dadurch von der 
übrigen Raumeinrichtung isoliert, sondern sie sind übereinstimmend 
jeweils in einer Ecke des Zimmers wie ein Möbel diagonal aufgestellt. 
Mit unnachahmlicher Souveränität wurden sie so zum künstlerischen 
Hauptakzent des Raumes erhoben. Bunt bemalte holländische Kacheln 
in ihrer in Nahsicht betrachteten kleinteiligen Formgebung, aber doch 
im ganzen gesehen von einer überzeugenden Homogenität, bilden 
den adäquaten Hintergrund für diese in vornehmem Weiß und Gold 
gehaltenen bayrischen Öfen. Die Kacheln bestehen aus jeweils ganz 
verschiedenartig angeordneten blau und weiß gemusterten Stücken 
oder sie sind mit kleinen, nach einem bestimmten Schema sich wieder- 
holenden Landschaftsmotiven bemalt. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, 
daß hier allein ästhetische Gründe dazu geführt hätten, diese Kacheldeko- 
ration in der herkömmlichen Farbe blau auf weiß gemustertem Grund 
(oder umgekehrt) in Holland für Schloß Brühl zu bestellen. Es sind 
a priori im heraldischen Sinne die wittelsbachischen Hausfarben 
Clemens Augusts von Bayern, die in vielfacher Variation in seinen 
Schlössern Augustusburg und in Falkenlust anzutreffen sindll). Nach 
den erhaltenen Bauakten wurden GÜO dieser blau-weißen holländischen 
Plättchen von Michel Leveilly, einem Schüler Blondels und seit 1721 
„Suprema Architecta Serenissimi", für das Südappartement des Schlosses 
in Rotterdam im Jahre 1741 gekauft, so daß sich hieraus ein Terminus 
post für die Aufstellung dieser bayrischen Fayenceöfen ergibtll). 
Es heißt den einzigartigen Charakter dieser von Hofkünstlern ge- 
schaiTenen bayrischen Öfen völlig verkennen, wenn man in jüngster 
Zeit irrtümlich von ihnen behauptet hat, daß „sich im ganzen süd- 
deutschen Raum keine Manufaktur finden" ließe, „die als Hersteller 
in Frage käme"l3). Ganz abgesehen davon, daß wir uns von einer 
solchen die wirklichen Zusammenhänge gar nicht erfaßt habenden 
Behauptung distanzieren, sind die Brühler Fayenceofen in einem so 
exorbitanten Sinne Hofkunst, die es nicht zulassen, daß man sie als 
gleichsam serienmäßig hergestellte Manufakturerzeugnisse betrachtet. 
Wenn man sie mit den acht Jahre früher entstandenen als Pendants 
aufeinander abgestimmten HärtPschen Öfen in der Münchener Residenz 
vergleicht, dann ist auffallend, daß jedes dieser drei verschieden großen 
Stücke abweichend voneinander gestaltet ist. Während bei den Mün- 
chener Öfen die Sockelzone bis auf den Fußboden herunterreicht und 
durch die massiven Sphingen 1 also durch ein iigurales Motiv 4 
beherrscht wird, entsteht bei den Brühler Zieröfen durch den unter 
dem Feuerkörper entstehenden Hohlraum unverkennbar die Asso- 
ziation an ein aus Holz hergestelltes transpottables Möbel im Sinne 
einer Kommode oder eines geschnitzten Konsoltisches. Diese Vor- 
stellung wird durch die ganz holzmäßig gedachten, konkav geschweiften 
oder nach unten stark verjüngten Ofenbeine noch unterstrichen. Diese 
in der Tat sehr bemerkenswerten Unterschiede zwischen den Münchener 
und Brühler Öfen können nicht allein auf Grund eines weitgehenden 
stilistischen Wandels im Werk des Hofbossierers Johann Georg Härtl 
zwischen 1733 und 1741 erklärt werden, sondern es stehen hier 
zwei diametral entgegengesetzte künstlerische Auffassungen des Ge- 
samtentwurfes einander gegenüber. 
Die durch ihre außerordentliche Qualität sich auszeichnenden bayri- 
schen Kachelöfen in Brühl sind das letzte sichere Zeugnis der Tätigkeit 
von Franfai: (Ümrilliä: d. Äi. für das Schloß des Kurfürsten Clemens 
August. Seit 1728 hatte Cuvillies, der öfters mit seinem vollen Titel 
als „Premier Architecte des leurs A. S. E. de Baviere et de Cologne" 
bezeichnet wird, die Leitung des rheinischen l-lofbauwesens inne. 
Bis zum Tode des Kurfürsten (1761) bezog er von ihm ein festes Jahres- 
gehalt von 400 Gulden. Als „gentil-homme de bouche" wurde er 
von diesem geistlichen Fürsten in den Adelsstand erhoben. Das gelbe 
Appartement im Nordflügel des Brühler Schlosses entstand unter 
Cuvillies zwischen 172871732, wobei häunge lnspektionsreisen des 
Münchener Hofarchitekten dorthin auch noch in späterer Zeit bezeugt 
sind. Die für die Öfen bestimmten Entwürfe und Modelle können 
freilich auch in München entstanden sein, was um so wahrscheinlicher 
ist, weil sowohl der Hofbossierer Johann Georg Härtl wie auch der 
daran beteiligte llofbildhauer, auf den noch zurückzukommen sein 
wird, beide ihre Werkstatt in München hatten und anderseits der 
Auftraggeber Clemens August häulig zum Verwandtenbesuch an den 
kurfürstlichen Hof kam. So steht es außer Zweifel, daß die Brühler 
Öfen in München geschaffen wurden. Mit der übrigen ornamentalen 
Erfindung Franqois Cuvillies' d. Ä. gehen die Brühler Fayenceöfen 
stilistisch aufs engste zusammen. Man sehe sich daraufhin nur einmal 
in der ihnen zeitlich unmittelbar vorausgehenden Amalienburg 
(1734-1739) in dem dortigen Jagdzimmer die von Johann Baptist 
Zimmermann stuckierte Wanddekoration an. Auf paillefarbenem 
Grund ist über dem Kamin eine Wanduhr aus Japanporzellan mit 
Meißener Blumen von einer versilberten symmetrischen Stuckrosette 
umgeben. Dieses hier erscheinende gefiederte etwas krautige Blatt- 
werk mit den feinen an der Spitze sich umbiegenden Verästelungen 
ist den fächerartigen Formen im ornamentierten Mittelfeld des Brühler 
Chronosofens morphologisch ungewöhnlich nahestehend, woraus man 
schließen kann, daß  B. Zimmermann wie auch  G. Härtl sich 
beide sehr gewissenhaft an die ihnen vorliegenden Cuvillies-Entwürfe 
in der Ausführung ihrer VCerke gehalten haben. Abgesehen von der 
reichen plastischen Ausschmückung, die jeder dieser drei bayrischen 
Kachelöfen in Brühl aufzuweisen hat und mit der wir uns noch be- 
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