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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 70)

RUDOLF CHADRABA 
Wer irt der Starke Jiugel in Diirrrx 
Apakalypye? 
Von dem ganzen Zyklus von Illustrationen, ganzseitigen Hulzschnitten, 
die der siebenundzwanzigjährige Albrecht Dürer zur neutestament- 
lichen Offenbarung johannis in den Jahren 1495-1498 schuf, wirkt 
das Blatt VIII (nach der Numerierung Franz Jurascheks) 1) am eigen- 
tümlichsten. Es stellt zwei am Strand stehende brennende Säulen und 
den vor ihnen knienden, das Buch verschlingenden Propheten dar, und 
es gibt da des Geheimnisvollen mehr. Die Kunstgeschichte stand bis 
jetzt völlig ratlos vor diesem Bild. Sie konnte deshalb nur die befangenen 
Worte des alten Thausing wiederholen: „Die Darstellung ringt ver- 
geblich mit dem widerspenstigen StoiT. Von dem Starken Engel, 
welcher johannes ein Buch, kein Büchlein reicht, damit er es verschlinge, 
sehen wir nur einen melancholischen Kopf und Hände. Alles andere 
verschmilzt in einer Wolke, welche ihn bekleiden soll. Die Beine, die 
feurigen Säulen, hat Dürer wirklich als zwei feurige Stümmel, welche 
oben in zwei Flammen münden, dargestellt. Die Engelchen am Himmel, 
sowie der Delphin, die Schwäne und die Schiffe sind unwesentliche 
Zutaten"1). Nur ein klein wenig weiter hat es Wactzold gebracht, 
indem er vom „apollinischen" Kopf-i), von iiberirdischer Erscheinung 
spricht, weiter nichts. Wir (liirfen uns aber mit diesen spärlichen An- 
deutungen nicht zufrieden geben. Denn es ist durchaus möglich, 
Thausings Aussprüche über das „vergebliche Ringen mit dem wider- 
spenstigen Stoff" und die „unwesentlichen Zutaten" im Vorhinein zu 
widerlegen. Nach seinen Attributen, dem Schwan, dem Delphin und 
den Sonnenstrahlen um den Kopf können wir Apollo verläßlich er- 
kennen. Der Schwan ist in der antiken Mythologie ein wahrsagender 
Vogel, der dem Apollo als Gott der Weissagung geweiht war. Der 
Tradition zufolge spricht der Schwan nur einmal im Leben, und zwar 
prophetisch vor seinem Tod. Auch in dem deutschen Sprichwort 
prophezeit der Schwan, wie es die auf die Nachwelt überkommenen 
Redewendungen mir Jfbllülllf, mir lwzrbren Srlnranenjliigel beweisen. Der 
Delphin ist sodann die übliche Bezeichnung für Apollo. Seinen Namen 
umschrieben die Griechen mit dem Wort Delphiniox. Der Sage nach 
erschien Apollo den kretischen Schiffern in der Gestalt eines Delphins, 
um sie bis zu der auserwählten Stelle in Delphi zu führen, wo er ihnen 
einen Tempel zu bauen befahl. Dort befand sich seitdem das bekannte 
Apollinische Orakel. 
Albrcchz D: 
2 Alb: 
1. 101mm: verschlingt das Buch. um Vlll de: Apokzl 
h! Durer, Kuhluzuichnung zum Bildnis Maximilians L, I, I8 
3
	        

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