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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 71)

sogar die Christophstatue des Artushofes aus dem Jahre 1542 zu- 
schrieb. Diese Hypothese wurde von Pinder ofhziell bestätigt, und so 
ist nun Meister Paul aus Leutschan in Thieme-Beckers Künstlerlexikon Z7) 
gleichzeitig als Schöpfer der Danziger Holzplastiken verewigt. 
Mit dem Anwachsen der Paul-Legende verlief auch ihr Abbau. Die 
positivistische Kunstgeschichtlergeneration griff die früheren idealisti- 
schen Ansichten an, um dadurch eigenen Konzeptionen den Weg zu 
bahnen. Sie begann meistens bei den historischen Quellen, die jedoch 
selten überprüft, dafür aber immer neu gewertet wurden; trotzdem 
zeigten sich manche Daten in neuem und oft richtigerern Zusammen- 
hange und verbesserten das Wissen über den Altar. Doch viel mehr 
Initiative und Mühe als den Quellen widmeten die Forscher der Frage 
der Zuschreibungen. 
Mit Dauns Behauptungen und Ansichten hat sich teilweise schon 
Lossnitzer auseinandergesetzt, während (I. T. Müller 13) Dauns Attria 
butionen bezüglich Pauls Tätigkeit in Siebenbürgen restlos widerlegte. 
Die Unhaltbarkeit von Abramowskis Ansichten hat Kampis klar be- 
wiesen. Er stellte sich auch gegen Divald, dessen Thesen Hugo 
Kenczler 1'?) schon seinerzeit einer besonders scharfen Kritik unterwarf. 
Um die prinzipielle Klärung der Frage bemühte sich am meisten Andras 
Peter; von all den Werken, die Meister Paul zugeschrieben wurden, aner- 
kannte er als eigenhändiges nur die Christi-Geburt-Szene im Leutschauer 
Csaky-Altar, die übrigen wies er seiner Schule zu. Doch nicht einmal diese 
Behauptung hielt lange stand: Kampis entdeckte in der Christi-Geburt- 
Szene die Schöpfung eines neuen, bisher unbekannten Meisters 39). 
Dagegen schrieb er Meister Paul eine kleine Madonnenngur im Museum 
zu South Kensington zu. 
So verwirrt war die Frage des Leutschauer Hauptaltars und seines 
Schöpfers zur Zeit des zweiten Weltkrieges, und zu ihrer Lösung trug 
auch die einheimische tschechoslowakische Forschung nichts Wesent- 
liches bei. Vladimir Wagner 31), der sich von slowakischer Seite aus 
mit dem Altar am meisten befaßte, ging lange nicht eigene XWege, 
sondern folgte Divalds Konzeption; erst kurz vor seinem Tode korri- 
gierte er seinen Standpunkt; seine neuen Ansichten und die Ergebnisse 
seiner Forschung konnte er jedoch nicht mehr veröffentlichen 31). 
Die großzügigen Restaurierungsarbeiten, die die tschechoslowakische 
Regierung mit einer Investition von mehreren Millionen Kronen in 
den Jahren 195271955 durchführen ließ und in deren Verlauf der 
Altar - zum erstenmal seit seiner Aufstellung w vollständig zerlegt 
wurde, gaben endlich die lwltiglichkeit, eine durchgreifende wissen- 
schaftliche Bearbeitung des Werkes und aller mit ihr zusammenhängen- 
den Fragen vorzunehmen. Mit der Aufgabe wurde eine Gruppe slowa- 
kischer Kunsthistoriker betraut, die Hand in Hand mit den Restaura- 
toren arbeiteten. Sie begannen mit der Überprüfung der historischen 
Quellen und mit dem Aufsuchen und der VUertung aller jener geschicht- 
lichen Angaben, die sich auf den Leutschauer Hauptaltar und au! 
seinen Schöpfer beziehen oder beziehen könnten. Darauf folgte ein: 
komplexe photographische Dokumentation aller Teile des Werkes 
ihre Abmessung und Beschreibung, schließlich eine wissenschaftlich: 
Konferenz, die die Resultate zusammenfaßte und auf Grund eine: 
reichen Vergleichsmaterials die künstlerische Wertung des Altar: 
vornahm. So entstand seine umfassende Monographie, die im Jahre 
1961 im Verlage Slovenske vydavatelstvo krasnej literatiiry in Bra 
tislava erschien. 
Durch die richtige Deutung und Verknüpfung aller bekannten histo- 
rischen Daten und durch die Entdeckung neuer wichtiger Stützpunkt: 
entstand eine logische Kette geschichtlicher Befunde, die es ermöglichte 
die Zeit des Altarbaus genau zu bestimmen. Es konnte sogar fest- 
gestellt xverden, daß der Altar in drei Perioden gebaut wurde. 
ln der ersten Periode, die mit dem Jahre 1508 endete, wurde die Altar 
konstruktion, das Retabulum 33), aufgestellt. Obgleich zu dieser Zei 
die plastische und malerische Ausstattung des Altars noch nicht voll- 
endet war, bedeutete dies ein wichtiges Ereignis im Leben der Stadi 
und wurde daher vom Chroniker verzeichnet. 
ln der zweiten Periode des Altarbaus verliefen die Bildhauer- unc 
Malerarbeiten. Man kann zwar nicht ausschließen, daß diese bereit: 
in der ersten Periode begonnen wurden, ihr Schwerpunkt fallt jedoct 
in die zweite Bauperiode, das heißt in die Zeit nach dem Jahre 1508 
denn der Schnitzer der Predellenszene benutzte die erst in demselber 
Jahre entstandene plastische Gruppe der Predelle des Altars vor 
Schwabach als Vorlage. Auch sind die Tafelbilder der hinteren Altar- 
fliigel, die jahrzehntelang der kunsthistorischen Forschung unzugänglicl 
waren und erst bei der Restaurierung des Altars wieder studiert werdet 
konnten, nach Cranachs Passion entstanden, die erst im Jahre 1505 
des Meisters XXlerkstatt in Wittenberg verließ und daher in Leutschat 
vorher nicht bekannt gewesen sein konnte 34). Diese zweite Bauperiode 
dauerte ungefähr bis zum Jahre 1515, zu welcher Zeit der Altar nocl 
in rohem Zustand, unvergoldet, war35). 

	        

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