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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 71)

Div {zwi Xeiten de: Roknko 
Wenn man die Kunst des Rokoko 
für sich betrachtet, wenn man sie 
aus dem Leben der Zeit heraus- 
nimmt, bekommt man nur die 
eine Hälfte dieser Welt zu sehen. 
Diese eleganten und anspruchs- 
vollen Herren mit ihren kleinen 
xveißgepuderten Perücken, den 
bizarren Dreispitzen, den seidenen 
Kniehosen und Strümpfen, den 
Schuhschnallen und Stöckeln, wo- 
möglich noch mit Schönheits- 
pfiästerchen im Gesicht, sind nicht 
nur in Frankreich die Erbauer 
der besten Schiffe, Häfen, Straßen, 
die man vielleicht seit der Römer- 
zeit gesehen hat. Sie sind die 
ersten modernen Städtebauer, Bei 
gründet großer Kulunialreiche und 
Handelssysteme. Es sind uner- 
bittliche kritische Denker, die eine 
alte Welt rücksichtslos zum Ein- 
sturz bringen, um eine neue zu 
erbauen. Noch im Namen der 
„fürchterlichen Bewegung", die 
sie auslösen, klingt die Beziehung 
zum Licht an: „AufklärungT 
Der Werkstoff des POtZellanS 
scheint auch diesen merkwürdigen 
Zug der Gesamtwelt des Rokoko 
symbolisch Widerzuspiegeln: der 
Stoß, der außen so weich und ge- 
schmeidig erscheint wie Milch, ist 
innen so hart wie der härteste Stein. 
Miinchc 
10 Franz Anton 
n. Bayerisches National: 
Nymphcnburger Mal 
llustclli, Kruzifix. Modell: AugustjDcul-nbcr 1755. 
nuscum. größere Sdüldmarkc der Neudeckcr bzw. 
nufaktur, Preßmarke  u. 35,5 cm (Ohnc Kreuz) 
Helerorrlarphie 
So weit scheint die „mitver- 
wandte" Welt des Rokoko sich 
in der Mikrowelt der Figuren 
Bustellis vollendet auszuspre- 
chen. 
Doch gibt es in der Kunst Bu- 
stellis Bestandteile, die in dieser 
Gleichung mit dem allgemeinen 
Rokoko noch nicht erfaßt sind. 
Wenn sie auch nur als leichter 
Einschlag der Legierung seiner 
Kunst beigemengt sind, geben sie 
doch dem ganzen Werk einen 
unverkennbar eigenen Klang. 
Diese Elemente zu bestimmen, 
gehört zum Schwersten. Es ist 
nicht meine Aufgabe. Man sieht 
sie vielleicht am deutlichsten, 
wenn man seine Aufmerksamkeit 
darauf richtet, daß es unter den 
Themen Bustellis, wie der Por- 
zellankunst überhaupt, solche gibt, 
die nicht zum typischen Reper- 
toire des eigentlichen Rokoko 
gehören. Da sind auf der einen 
Seite die „Tierhatzen", in denen 
ein barock-hochdramatisches Ele- 
ment weiterlebt, das dem franzö- 
sischen Rokoko im allgemeinen 
fremd ist und das - bei ganz 
anderer Thematik f auch in 
Frankreich erst auf einer posthu- 
men Stufe des Rokoko stark 
durchschlägt, bei Fragonard. 
Dann aber - auf der anderen 
Seite Ä die unvergleichliche 
Gruppe der Kreuzigung in deren 
religiöser Ekstatik die ganz andere 
Sphäre jenes „Sonderrokoko" der 
süddeutschen Kirchenbauten und 
ihrer weißen Grußplastik zu ahnen 
ist, in Welchem das säkulare R0- 
koko in die Kirche „heimgeholW 
wurde. 
In stilistischer Hinsicht aber schei- 
nen dem Rokoko Bustellis sowohl 
Elemente eines letzten Spätbarock, 
wie Spuren jener „noble simpli- 
- n: 
cite beigemengt, die in diesen 
sechziger Jahren zum theoreti- 
schen Programm erhoben wird. 
Bei seinen Altersgenossen, bei 
Ignaz Günther und - mutatis 
mutandis - bei Maulpertsch 
kann man ähnliches finden. 
Bustellis Kunst blüht in einer 
Zeit, in der in Frankreich der 
„style rocaille" schon überholt ist. 
Die frühen sechziger Jahre sind 
in Frankreich längst nicht mehr 
die Zeit des Palais Soubise, son- 
dern die des Petit Trianon. Das 
Petit Trianon von Versailles zeigt 
die europäische Baukunst noch 
einmal auf einem Gipfel, der 
griechischen für einen Augen- 
blick innerlich nahe, bevor man 
diese äußerlich kopieren wird. 
Mit der edlen Feinheit der Bau- 
körper harmoniert die der plasti- 
schen Porträts dieser Stufe (Hou- 
don), die Frische eines zarten 
Ornaments und eine tief farbige 
Malerei, die sich von dem Weiß 
der Innenräume schon abgelöst 
hat und zu den Zonen des Feu- 
rigen und des Luftigcn auf- 
steigt. 
Diese letzten, posthumen M0- 
mente des Rokoko haben etwas 
Erlesenes, Ergreifendes: der Aus- 
klang Tiepolos, Maulpertsch, 
Günther. Sie gehen in ihrer Fein- 
heit und Tiefe über die Möglich- 
keiten des Stils so hinaus wie 
auf den älteren Stufen nur Wat- 
teau oder Chardin. Zu diesen 
wenigen Jahren gehört die Kunst 
Bustellis und zumal seine letzte 
Serie der Comedie italienne. 
Das Kunstgewerbe wird zur hohen 
Kunst. 
„Alles in seiner Art Vollkommene 
geht über seine Art hinaus." 
(Gaelbe) 
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