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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 71)

iLEOPOLD SCHMIDT 
Dia „Bergmmik" der Rinner Krippe 
Neuerwerbung de: 
Örterreithiuberl Mureumrfür Valkrklznzle 
Die Entfaltung des Krippenwesens 
in den Alpenländern ist verhält- 
nismäßig eng mit dem Bergbau 
verbunden. Wenn auch die Krippe 
im Laienbesitz im wesentlichen 
als ein Erbe der volkstümlichen 
Kirchenkunst anzusprechen ist, 
so ist diese Übernahme, eine aus- 
gesprochene Bereicherung unserer 
Volkskunst aus den tiefen Grün- 
den der weihnachtlichen Andacht 
heraus, nicht allenthalben auf 
gleiche Art erfolgt. ln (legenden 
mit der Veranlagung zum Haus- 
gewerbe, zum ländlichen Kunst- 
gewerbe, konnten die Kirchen- 
krippen intensiver zu Hauskrippen 
um- und weitergestaltet werden. 
Begabte Tonformer, Stafi-ierer und 
Schnitzer sowie Faßmaler waren 
überall die Voraussetzung zur 
Weiterführung der barocken Tra- 
dition des Krippenbaues und zu 
den Umformungen jeweils im 
Geist der betreffenden weiteren 
Epochen. 
lnnerhalb dieses Bereiches der 
Auswirkung der zahllosen ano- 
nymen Begabungen nun haben 
Bergleute sich ganz offensichtlich 
sehr wirkungsvoll bemerkbar ge- 
macht. Viele Bergbaugebiete kann- 
ten schon seit längerem den Zug 
zur figuralen Kleinkunst. Die 
bergmännischen „Handsteine" des 
16. Jahrhunderts sind wichtige 
Zeugnisse dafür, diese Erz- und 
Gesteinsproben, auf die und in die 
kleine, mitunter winzige Dar- 
stellungen aus dem Bergmanns- 
leben, aber auch Weihnachts- und 
Osterszenen gestellt wurden, so 
daß man Weihnachts- und Fasten- 
szenen vor sich zu haben glaubt. 
Es handelt sich aber um Vor- 
formen, und die wirklichen Krip- 
pen sind jünger als die Hand- 
steine. Doch die bergmännische 
Veranlagung war nun einmal in 
diese Richtung gelenkt, und so 
finden wir den Anteil bergmänni- 
scher Kunstfertigkeit im Krippen- 
bereich späterhin immer wieder. 
Selbst wenn sich ein besonders 
kunstfertiger Bergmann an an- 
deren ähnlichen kleinfigurigen 
Spielereien betätigte, verglich man 
dann gern sein Tun mit dem 
Krippenbau. Das erweist sich sehr 
deutlich beim „Automatischen 
Theater" im Park des Schlosses 
l-lellbrunn bei Salzburg. Dieses 
köstliche kleine Spielwerk, in 
seiner Art ein „Theatrum mundi", 
ein kleines Welttheater, ist nam- 
lich ein Werk des Diirrnberger 
Bergmannes Lorenz Rosenegger. 
Und man beschrieb es zeitge- 
nössisch mit den Worten: „Ein 
Werk wie ein Krippe], wo sehr 
viel hölzerne Mandel allerhandt 
Handwerk treiben, und werden 
diese von Wasser getrieben"l). 
„Ein Werk wie ein Krippel", das 
war 1752 der Eindruck eines der- 
artigen kleinen Figurentheaters, 
das ein heimischer Bergmann 
geschaEen hatte. In dieser Zeit 
waren längst Bergleute eben tat- 
sächlich als Krippenbauer und 
Krippenschnitzer tätig, im ober- 
österreichischen Salzkammergut 
ebenso wie in Salzburg, in Berch- 
tesgaden und in Tirol. Der Auf- 
bau der „Krippenberge" verrät 
häuHg ihre Hand: Glimmerschie- 
ferschimmernde steile Aufbauten 
mit Karrenwcgen und St0llenein- 
gängen bezeichnen heute noch 
die ursprünglich bergmännische 
Anlage, auch wenn vielfach bäuer- 
liche Figürchen das heilige Ge- 
schehen umgeben und man mei- 
nen könnte, es wäre das alles 
reines Bauern- und Hirtenwerk. 
Der Eindruck trügt wie so oft 
bei einer ungeschichtlichen Be- 
trachtung unserer Volkskunst. Der 
Anteil der Bergleute an der Krip- 
pengestaltung sowohl in den Al- 
pen- wie auch in den Sudeten- 
ländern war bedeutend größer, als 
allgemein bekannt erscheint 2). 
Erst bei sehr genauer Betrachtung 
des sehr verschiedenartigen und 
verschiedenwertigen Materials läßt 
sich feststellen, daß es dafür doch 
einigermaßen sichere Anhalts- 
punkte gibt. Den sichersten haben 
die Bergleute in ihrem starken 
Drang zur Selbstdarstellung hin- 
terlassen: ln gar nicht wenigen 
Krippen finden sich nicht nur die 
bergmännisch erbauten Krippen- 
berge, sondern auch Bergmanns- 
figuren, mitunter auch ganze kleine 
Bergmannsaufzüge. Die geschlos- 
senen, fast militärisch geformten 
Organisationen des monopol- 
mäßig betriebenen Bergbaues ha- 
ben solche festliche Aufzüge auch 
in der Wirklichkeit geschätzt und 
gepflegt, ihre Spiegelungen in der 
Kunst, vor allem in der Graphik, 
sind zahlreichß). Diese Darstel- 
lungen sind offenbar schon früh 
auch wieder Hgural umgeformt 
worden, kleinere und größere 
Aufzugsgruppen haben bergmän- 
nische Schnitzer für ihre Vorge- 
setzten und wohl auch für den 
eigenen Hausbesitz geschaffen. 
Späterhin ist sogar ein Gegen- 
stand der Hausindustrie daraus 
geworden. In der Berchtesgadener 
Hausindustrie beispielsweise ist 
der „Bergmannsaufzug" mit seinen 
vielen Figuren, den Hauern, den 
Steigern und der Bergkapelle das 
stehende Abbild des traditionell 
alljährlich stattfindenden „Berg- 
festes" geworden 4). 
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