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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 71)

Solche Aufzüge, nicht zuletzt mit 
den Bergleuten als Musiker und 
Sänger, haben dann ganz orga- 
nisch auch die Krippen dieser 
Bergorte bereichert. Die Krippe 
des Hallstätter Salinenarbeiters jo- 
hann Georg Kieninger (1829 bis 
1899) besteht vor allem aus dem 
steilen Krippenberg, der an den 
verschiedensten Stellen „Mund- 
löcher", Stolleneingänge usw. auf- 
weist, aus denen einstmals, als 
die Krippe noch beweglich war, 
die Bergmannszüge ausmarschie- 
ren konnten5). Auch in die le- 
bcnsvollen, als Puppenspiele be- 
triebenen „Krippenspiele" Alt- 
österreichs ist der Zug übernom- 
men worden, am deutlichsten 
sicherlich in der alten Eisenstadt 
Steyr. Dort Findet nach der flir- 
tenszene der „Bergknappen-Ein- 
zug" statt. Rechts unten vor dem 
„Bergwerk", wo man in einen 
Stollen hineinsieht, ziehen Berg- 
leute in ihrer Bergmannstracht, 
mit Grubenlichtern in der Hand, 
auf und fahren in die Grube ein. 
Dabei singen sie das alte Berg- 
mannslied: „Frisch auf, frisch, der 
Bergmann kommt!" Erst dann 
folgen die für das Steyrer Krip- 
penspiel so bekannten und be- 
zeichnenden Handwerkerszenenß). 
Unter solchen Voraussetzungen 
nimmt es nicht wunder, daß auch 
altere, in vieler Hinsicht volks- 
künstlerisch weit höherstehende 
Krippen derartige bergmännische 
Elemente enthalten. Das schönste 
Beispiel bietet xvuhl die unter dem 
Namen der „Rinner Krippe" be- 
kannte große Krippe im Öster- 
reichischen Museum für Volks- 
kunde7). Diese überaus Figuren- 
reiche Krippe stammt eigentlich 
aus Thaur bei Hall in Tirol und 
ist ein Werk der Krippenschnitzer- 
familie Gienerä). Sowohl der ältere 
wie der jüngere johann Giener 
(also vor und nach 1800) haben 
an den Figuren Anteil, der Auf- 
bau des mächtigen Krippenberges 
ist besonders markanter Altbe- 
stand, um den sich die verschie- 
denen Zusatzgruppen angeordnet 
haben müssen, die man dem 
weihnachtlichen Kalender ent- 
sprechend wechselnd aufgestellt 
hat. Auf dem Krippenberg mit 
 
 
 
 
 
Vier Bcrgmusikanlen der Krippe aus Rinn 1 
in Tirol (vor 
links n; 
seinen Hirten- und Handwerker- 
gruppen zeigen sich schon berg- 
männische Zuge. Die Karren- 
zieher, die man auf einem der 
ansteigenden Wege entdeckt, ge- 
hören hierher, vielleicht auch der 
Schmied, der aber mit der Pas- 
sionstradition der Rinner Krippe 
in Verbindung zu bringen sein 
mag. Die Gruppen und Figuren 
dieser Krippe sind nämlich über- 
raschend vieldeutig, sie lassen 
sich meistens nicht nur ihrem 
optisch gegebenen Alltagssinn, 
sondern auch einem mystischen 
Geheimsinn nach „lesen", da die 
ganze Krippe nicht nur eine 
Darstellung der Geburt Christi, 
sondern des ganzen Erlösungs- 
rnysteriums sein will. Dieser Drang 
zur Darbietung eines Geheim- 
sinnes erweist sich besonders deut- 
lich in der Darstellung der Ge- 
burtsgrotte: Sie ist als Stall vor 
der Höhle gebildet, also die bei- 
den Traditionen über den Ge- 
burtsort Christi klug verbindend. 
Das Grottenmäßige daran ist in 
dem Felsenaufbau hinter der 
schmalen Stallhiitte betont, und 
zwar bemerkenswerterxveise durch 
die Einfassung mit Malachitplätt- 
chen. Das Aufscheinen der grünen 
Steine ist hier nur aus dem Ge- 
heimsinn der Einzelzüge dieser 
Krippe zu erklären: Der Malachit 
als Monatsstein des Steinbock- 
Tierkreiszeichens ist gemeint, da 
Christus eben im Zeichen des 
Steinbockes geboren wurde; aber 
man hat gleichzeitig wohl auch 
an den Malachit als Geburts- 
amulett gedacht, um darzustellen, 
daß der Jungfrauensohn schmerz- 
los geboren wurdeq). 
Das bekundet ein Wissen um die 
Minerale, wie es auch vor allem 
im bergmännischen Bereich ge- 
LITERATUR 
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