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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 71)

zähtige Situationen, in denen sein zu- 
rückgedrängter angeborener Gestal- 
tungswille durchbrach und in rein 
naturalistischen Schnitzwerken von sei- 
ner starken Begabung und großem 
handwerklichem Können sprach. Davon 
zeugt besonders ein Gekreuzigter. der 
kurz nach dem Krieg im väterlichen 
Hause entstanden ist und mit schön 
durchmodelliertem Körper, mit aus- 
gewogenen.richtigenonatomischenVer- 
hältnissen mehr als die gewöhnlichen 
Herrgottsschnitzerarbeiten präsentiert. 
Unterdessen hatte Schogerl eingesehen. 
daß es keinen Sinn hat. sich länger 
gegen ein auferlegtes Schicksal zu 
sträuben, daß ihm allein der Beruf 
eines Bildhauers die große Spannung 
geben kann, die für sein Leben nötig 
ist, um bestehen zu können. Somit 
blieb also auch ihm, trotz des Hinein- 
geborenseins in die väterliche Werkstatt, 
der individuelle Entschluß nicht er- 
spart. 
Als Kind seiner Zeit mußte er per- 
sönlich „ja" sagen. ,.ich will! ich will 
diesen Stein auf mich nehmen und 
immer wieder den Berg hinanwälzen". 
1946 kam Schagerl auf die Akademie 
der Bildenden Künste in Wien zu Pro- 
fessor Müllner. Von Natur eher kon- 
servativ. läßt er sich in jenen Jahren 
wenig. vielleicht noch am meisten von 
Henry Moore. beeinflussen, überwindet 
jedoch bald diese Strömung, stellt. 
durch moderne Malerei angeregt. Ver- 
suche mit kristallinen Formen an und 
geht zu mohnkapselähnlichen Ver- 
schachtelungen über. Man merkt bei 
diesen Arbeiten noch immer ein tasten- 
cles Versuchen. Eine Entscheidung in 
seinem Reifen brachte erst eine auf- 
rechtstehende Frauenfigur. Hier will er 
die Eroberung des Raumes durch die 
plastische Forrn demonstrieren. nicht 
durch die Bewegung eines Körpers. sei 
es durch ein Ausgreifen oder Schreiten. 
sondern durch die Form an sich. Diese 
in den Raum ragenden Brüste bzw. Ge- 
säßbacken kommen einer Besitznahme 
gleich. Versuchte Schagerl in den kri- 
stallinen und verkapselten Formen. noch 
unklar und ungenügend, das Beharrend- 
Erdhafte auszudrücken. so entwickelt 
er in letzter Zeit aus der menschlichen 
Gestalt, gleichsam wie Raketen. in den 
Raum schießende Gebilde voll dynami- 
scher Kraft. Diesen Dualismus finden 
wir in dem ganzen Werk des Künstlers: 
Die Erde e deren Symbol ihm häufig 
der Stein. im besonderen der Granit 
und hier wieder der Pflasterstein ist - 
ist das Schwere. Gebundene. Lastende: 
der Mensch und das vorn Menschen 
Geschaffene - meist in Metall ausge- 
drückt - ist hochstrebend. in den Raum 
greifend. bewegt. aber manchesmal 
auch die Materie verfremderid oder 
zersetzend. 
Die in Schalungsbeton kubenhaft um- 
gewandelte. freistehende Figur von 
240 cm, 1958l59 entstanden. ist vorerst 
allerdings noch eine formale Weiter- 
entwicklung des großen Frauenaktes. 
Noch scheint sich der Künstler nicht 
für dieses oder jenes Prinzip zu ent- 
schließen, noch glaubt er beide in einer 
Form bewältigen zu können. 
Aber schon die nächsten Hervorbrin- 
gungen zeigen eine klare Entscheidung. 
Es sind dies einige große Granilpflaster- 
steine, die der Künstler einschlitzt und 
in die er Metallteile einläßt. So ent- 
steht eine vom Menschen zersägte Na- 
turform. Wird bei dem ersten Stein 
die Erde. hier der Pflasterstein. nur 
durch ausgewogen in Vertiefungen ein- 
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gelassene Platten geteilt, so zeigen die 
zwei nächsten Steine etliche in ver- 
schiedene Höhen ragende Metallstege 
beziehungsweise Metallstäbe. die in 
ihren Gruppierungen an Wolkenkratzer 
erinnern. Hier ist sehr deutlich der 
Eingriff des Menschen in das ursprüng- 
liche Gefüge des scheinbar unteilbaren 
Kernes ersichtlich. Wir können diese. 
wie viele moderne Werke. mehr- 
schichtig deuten. Wir haben im Granit 
den Atomkern, der erstmals gespalten 
wird. Wir haben in dem Pflasterstein 
aber auch unsere Erde. auf der wir 
gehen und leben (der Künstler selbst 
ist von dem Gedanken. daß auf diesen 
Stein schon tausende Menschen getre- 
ten. daß Pferdehufe daraufgeschlagcn 
und die eisenbereiften Räder der Wagen 
darübergepoltert haben. fasziniertl), 
und die wir. die Menschen, verändern, 
nicht nur zu ihrem Besten. sondern 
auch unter Umständen ihr im Raubbau 
tiefe Schrunden und Furchen zufiigend. 
die nicht mehr heilen werden. 
Ein aus derselben Zeit (1959) stammen- 
der Steinaufbau. "Familie" benannt. 
stellt ein Menschenpaar mit einem Kind 
dar und ist reliefartig aus verschieden 
großen bzw. gespaltenen Pflastersteinen 
gebildet. Dies scheint im ersten Augen- 
blick ein Widerspruch zu dem vorhin 
Gesagten oder eine Konzession des 
Künstlers an den Betrachter oder Auf- 
traggeber zu sein. Denn hier wird der 
Mensch aus dem Erdrnaterial. aus dem 
Urstoff geformt und ist mit dieser 
Ebene auf das engste verbunden. Was 
wird aber dargestellt? Diese mensch- 
liche Einheit ist wirklich die erdver- 
bundenste. Familie ist Urstoff! Also 
doch kein Widerspruch! Im gleichen 
lohr entsteht noch die Totenmauer. 
Hier ist der Mensch vereinzelt. eine 
spröde Linie Messing, in die Übermacht 
des schweren Steins gebettet. und dieser 
Linie hilft kein sich Dagegenstemmen. 
Fast nichts. wird sie in eine große Ein- 
heit zurückgenommen. 
Schon wenn wir uns einer der nächsten 
Arbeiten Schagerls zuwenden. merken 
wir jenen oben erwähnten dualisti- 
schen Zug. 1959160 entstand eine 
„Vierergruppe" aus Holz. Wieder ist 
die menschliche Struktur durch knappe 
Einschnitte angedeutet. Trotz der block- 
haften Monumentalität spüren wir in 
dem angeschmauchten Holz einen star- 
ken Zug in die Höhe, der durch die 
zum Teil rissige Maserung des ver- 
brauchten, alten Materials e das schon 
aus diesem Grunde ein natürliches 
Gruppierungsbedürfnis besitzt - unter- 
strichen wird. Die die senkrechten 
Zwischenräume von Figur zu Figur 
sowie die Schlitze in diesen selbst 
horizontal gliedernden Kerben und Ril- 
len geben der aufstrebenden Bewegung 
einen inneren Rhythmus. Dieses 190 cm 
hohe Werk. das etwa wunderbar als 
Denk-Mol. also als Mol. bei dem man 
denkt (eigentlich eine Seltenheit beim 
Anblick der üblichen Denkmäler). in 
den Hof eines Gebäudes der Eisenbahn- 
verwaltung oder, noch besser. der 
Eisenbahnergewerkschoft passen würde, 
eröffnet eine ganze Reihe von Arbeiten, 
die, alle in verschiedenen Metallen 
ausgeführt, monumentalen Charakter 
haben. Arbeiten, die selbst dann. wenn 
sie nur 54 cm hoch sind. unglaublich 
faszinieren und den Wunsch beim Be- 
trachter wach werden lassen, ein solches 
Gebilde in einem Ausmaß von 5 oder 
6 Metern auf einem Flugplatz. oder 
wo immer sonst der Pulsschlag unserer 
Zeit zu spüren ist. zu sehen. 
im Grunde ist es ein Variieren desselben 
Themas. der jeweiligen materiellen 
Substanz des Geschaffenen entsprechend. 
Einmal werden verhältnismäßig dünne 
längliche Aluminiumplotten so zusam- 
mengebündell. daß gleichmäßige Ab- 
stände zwischen den einzelnen Senk- 
rechten entstehen. Die Platten werden, 
ähnlich wie das bei der „Vierergruppe" 
der Fall war. horizontal durch Unter- 
brechungen oder auch nur leichte Ein- 
kerbungen akzentuiert. Bei einem Werk 
in Chromnickelstahl geschieht ähnliches. 
nur in kräftigerer Dosierung und gewiß 
auch stärkerer Spannung. Bei anderen. 
in Messing durchgeführten Figuren ver- 
wendet der Künstler meist viereckige 
Rohre und Röhrchen. die er sehr sauber 
und fest mit Silber zusammenlätet. Auch 
diese Lötstellen werden noch in die 
Komposition des Oberflächenrhythmus 
einbezogen. wie wir ja überhaupt bei 
allen Arbeiten Schagerls sehen können. 
daß auch das scheinbar allein Funktio- 
nelle mit wesentlichen Tönen zur Ge- 
samtsinfonie beiträgt. 
Diese Obelisken. nicht mehr wie jene 
des alten Ägyptens aus schwerem 
Granit und fest in der Erde verankert. 
haben sich fast vom Boden gelöst. 
Noch bleibt der aus der menschlichen 
Figur kommende Rhythmus. bleibt not- 
wendig. denn er ist es mit. der diese 
Gebilde in Bewegung setzt. Nur noch 
an vier Punkten haftet das eine, an zwei 
schmalen Stegen ein anderes. Ikarus 
erhebt sich vorn Boden! 
Schon bei Schagerls erster Belontigur 
aus dem Jahre l958l59 sehen wir eine 
starke architektonische Gestaltung. Wir 
werden dieses Element seiner Aus- 
drucksweise fast in allen seinen Werken 
wiederfinden. Am augenscheinlichsten 
wird es bei einem großen Brunnen 
(1961). der, aus verschiedenen Kuben 
zusammengefügt. ein ausgewogen har- 
monisches Bauwerk ergibt. wo das 
Wasser von Stufe zu Stufe. von Kubus 
zu Kubus plätschert. 
Noch ist diese Arbeit eine rein künst- 
lerische und doch begeben wir uns mit 
ihr auf ein Arbeitsgebiet des Bildhauers. 
das sehr viele seiner Kräfte bindet: 
die Arbeit an Gebrouchsobjekten. Das 
sind: Kinderrutschen. Krabbelgruppen 
und -liere. aber auch Grabmale und 
Gedenksteine. Schagerl hat eine ganze 
Menge solcherArbeiten durchgeführt. Er 
ist. und hier scheint noch am stärksten 
das väterlich handwerkliche Erbedurch- 
spürbar, der Meinung. daß man an 
diesen Werkstücken viel. besonders in 
der praktischen Fertigkeit und der Ma- 
teriolvertrautheit. lernen kann. So sehen 
wir bei Schagerls ..Gebrauchsplastiken" 
eine besonders sorgfältige Bearbeitung 
und Konstruktion. aber auch oftmals 
ein Formproblem, wie es nur dort zu 
finden ist, wo der Schöpfer solcher 
Dinge sich auch zuinnerst mit ihnen 
beschäftigt und den Auftrag nicht ein- 
fach als Routineangelegenheit. um mög- 
lichst schnell zu Geld zu kommen. ab- 
tut. 
Wir erkennen, betrachten wir also 
Schagerls breites Schaffen - viele seiner 
Arbeiten stehen in Wiener Parkanlagen 
und verschiedene Kleinplastiken sind 
im Besitz des Bundesministeriums für 
Unterricht w. jene sich langsam heraus- 
kristallisierende, vom Künstler sich 
selbst gestellte Aufgabe: das immer 
Gleiche, Bleibende. die Urmassc. den 
Ur-Kern. und das immer Bewegte, Trei- 
bende, mit dem Menschen aufs engste 
verbundene Besitznehmen (von Raum. 
von der Materie) zu dokumentieren.
	        

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