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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 74)

KRISTIAN SOTRIFFER 
Unzen! van Gogb und mein Einfluß in W722i 
Am 17. Januar 1903 wurde von der Wiener 
Secession eine außerordentlich umfangreiche, 
260 Nummern umfassende lmprcssinnisten- 
Ausstellung eröffnet. Ursprünge und schließ- 
liches Einmünden in eine einerseits verfestigt- 
klare, klassische (Cezanne), anderseits ex- 
pressionistische Form (Van Gogh) wurden 
von ihr auf mustergültige Weise belegt. 
Julins Meier-Graefe, einer der wichtigsten 
Mit-Initiatoren dieser Ausstellung, hatte da- 
mals in Wien einen Vortrag gehalten, in dem 
er Vincent van Gogh und Toulouse-Lautrec, 
wie Ludwig Hevesi berichtet, „künstlerisch 
ungemein hoch" stellte. „Mit Recht allerdings", 
fügte Hevesi hinzu, „aber schwerlich unter 
Zustimmung des allgemeinen Wieners". He- 
vesi selbst aber konnte die Bedeutung Van 
Goghs und Cezannes gewiß noch ebensowenig 
erkennen wie das Publikum, für das diese 
Ausstellung immerhin ein miterlebtes Er- 
eignis blieb. S0 schrieb Hevesi über Cezanne, 
„den hier kaum gekannten", daß er mit seinem 
„rücksichtslosen Farbensehen" schockiere. In 
zwei Berichten (vom 30.1. und 12.2.1903) 
stützte er sich hauptsächlich auf „Edouard 
Manet und seine Leute" sowie die Nach- 
impressionisten. Über Van Gogh vermerkte 
er, daß von ihm fünf Landschaften zu sehen 
seien, in denen alles Hieße. Im übrigen seien 
dessen Bilder „natürlich ausgelacht" worden. 
„Er ist ein genialer Farbenseher, in dessen 
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Schläfen aber das Blut so Heberisch hämmert, 
daß alles Gesehene Svogt, wallt, flackert... 
kranke Bilder . . .". 
Eine jener damals ausgestellten fünf Land- 
schaften ist heute im hochgeschätzten Besitz 
der Modernen Galerie des Kunsthistnrischen 
Museums - das einzige in Österreich auf- 
bewahrte Ölbild Van Goghs: „Die Ebene von 
Auvers-sur-Oise". Das Bild wurde von der 
Secession erworben und noch im selben Jahr 
1903 der Staatlichen Modernen Galerie, die 
gerade im Unteren Belvedere gegründet wor- 
den war, gewidmet. Hevesi, der im Mai über 
diese lang geplante und endlich realisierte 
Galerie geschrieben hatte, erwähnt diese zen- 
trale Erwerbung mit keinem Wort und geht 
auch noch 1906, als die Galerie Miethke eine 
große Van-Gogh-Ausstellung mit 45 Nummern 
zeigte, mit dem großen Maler nicht gerade 
glimpflich um. Dabei verkörperte gerade 
Hevesi die fortschrittliche öffentliche Meinung 
in Dingen der Kunst - ohne allerdings seine 
Wiener Mentalität je zu leugnen. Er führt 
den ganzen Van Gogh, dem er eine gewisse 
Hochachtung nicht versagte, dessen (iriöße er 
aber verkannte, auf eine seelische Erkrankung 
zurück, er sieht in ihm einen tragischen, ver- 
zweifelten Verrückten. Völlig anders hatte 
Hugo von Hofmannsthal reagiert, der bereits 
im Jahr 1901 im Brief an einen Freund in 
Berlin aus Paris von seiner Begegnung mit 
Bildern Van Goghs berichtete, von dessen 
Existenz er bis dahin nichts gewußt hatte: 
„Aber was sind Farben, wofern nicht das 
innerste Leben der Gegenstände in ihnen 
hervorbrichtl . .. Hier gab eine unbekannte 
Seele von unfaßbarer Stärke mir Antwort, 
mit einer Welt mir Antwort . . ." 
Die Ebene von Auvers-sur-Oise ist jene Land- 
schaft, die Van Gogh in den XWhchen vor 
seinem Tod am 29. Juli 1890 in zahlreichen 
Bildern festgehalten hat. Die im Juni 1890 
entstandene Wiener Landschaft ist unter den 
übrigen, meist später, im Juli, entstandenen 
Bildern eine der ausdrucksstärksten und 
schönsten. „Es scheinen Kraftströme bloß- 
gelegt, die die Wellen des Ackerlandes in den 
Tiefenzug seiner Raumbewegung formen" 
(Novotny). Van Gogh malte es nach seinem 
letzten Besuch in Paris. ln drei Briefen an 
seinen Bruder Theo ist es erwähnt, in zweien 
davon skizziert. Wenige Tage vor seinem Tod 
malte Van Gngh vom Wiener Bild noch eine 
Variante. Am 30. Juni schrieb er an Theo, 
dem er von seinen neuen Bildern erzählt: 
„Dann die längliche Landschaft mit den Fel- 
dern, wic die in iNIichel, ihre Farben sind 
zartgrün und gelb und blaugrün"; und im 
Juli 1890: „Nach der Rückkehr stürzte ich 
mich in die Arbeit, aber der Pinsel liel mir 
fast aus den Händen. Da ich wußte, was ich 
wollte, malte ich trotzdem drei große Bilder.
	        

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