MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 74)

greifende Reform der zur Debatte 
stehenden neuen Geschäftsordnung. 
Seine Reformvorschläge bezogen sich 
auf die Mitgliederaufnahme und Jury. 
er forderte die persönliche Stimmen- 
abgabe beim Tisch des Vorstandes. 
ferner Kollektionen. wobei auch Bilder 
enthalten sein durften. die bereits aus- 
gestellt waren. Falls Parteien im Künst- 
lerhaus bestünden, sollte die jeweilige 
Minorität das Recht besitzen, ein oder 
zwei Mitglieder in alle Ausschüsse und 
Komitees zu entsenden. Das Ergebnis 
blieb zwar hinter den Erwartungen 
zurück. aber die ,.Jungen" erhielten 
einen wesentlichen Einfluß auf das Aus- 
stellungsgeschehen. Der Versuch der 
..Jungen", für Hörmann eine Kleine 
Goldene Medaille durchzusetzen, miß- 
lang. Ende Mai kaufte der Teilnehmer- 
fond erstmalig ein Hörmannbild um 
400 Gulden, und am 'l.luli kam aus 
Graz die Nachricht vom Tod des 
Künstlers. Sofort begannen seine Freun- 
de den Kampf um eine würdige Ge- 
döchtnisausstellung. Sie wurde im De- 
zember mit 234 Hörmannbildern er- 
öffnet und war die erste große Revue 
der Wiener modernen Kunst. 
Das Jahr 1896 wurde unter dem bereits 
unsicher gewordenen Vorstand Dei- 
ninger das große Erfolgsjahr der 
Moderne im Künstlerhaus. Klimt, Ba- 
cher, Kraemer. O. Wagner. Bernatzik, 
Hellmer besetzten wichtige Posten in 
den Ausschüssen und in den Jurys. Nun 
wurde die Jury zur Jahresausstellung 
ein Schlachtfeld für das Mittelmaß. 
Staatspreise kassierten Strasser (Große 
Goldene) und Kurzweil. Stöhr und 
Tichy (Kleine Goldene). die Karl- 
Ludwigs-Medaille erhielten Moll und 
Kraemer. den Reichelpreis Strasser und 
von Berlin kam die Goldene Medaille 
für Pochwalski. die Kleine Goldene für 
Bcicher. Jetzt galt es noch, die Vor- 
standstelle mit den Stimmen der Majori- 
tät in der Generalversammlung zu er- 
ringen, und das Künstlerhaus war in 
der Hand der ..Jungen". Als Kandidat 
war E. Hellmer ausersehen. Der 
Aquarellistenklub stellte Felix und Goltz 
auf. Die ..Alte Welt" setzte ihre Mit- 
glieder unter Klubzwang und gab die 
Weisung, Felix als Vorstand und Goltz 
in den Ausschuß zu wühlen, um eine 
einseitige Parteiregierung zu verhin- 
dern. Nur der Architektenklub empfahl 
den Mitgliedern und Teilnehmern drin- 
gend Hellmer. Klimt fehlte bei der ent- 
scheidenden Abstimmung vom 30. No- 
vember 1896. Hellmer verlor mit 
99 Stimmen gegen Felix. der mit 115 
siegte. Rücktretend mahnte Deininger. 
das Gemeinsame des Hauses zu erhal- 
ten. Natürlich war Felix gewählt wor- 
den. um den ..Alten" das Künstlerhaus 
zurückzuerobern. Dabei war der Streit 
um Kunstanschuuungen noch immer 
sekundär, im Vordergrund standen per- 
sönliche und kommerzielle lnteressen. 
Der radikale Teil der ..Jungen" wollte 
sofort austreten und die schon seit 
längerer Zeit besprochene eigene Ver- 
einigung gründen. Die Gemäßigten 
rieten. auch nach der Gründung der 
neuen Vereinigung Mitglieder des 
Künstlerhauses zu bleiben. Zu ihnen 
zählten Klimt, O. Wagner und Hellmer. 
Nun wurden im wesentlichen Jury und 
Kommission mit eingeschworenen ..Al- 
ten" besetzt. Am 3. April 1897 schickte 
G. Klimt an den Leitenden Ausschuß 
und an die Presse die Mitteilung. daß 
sich am gleichen Tage die "Vereinigung 
bildender Künstler Österreichs" kon- 
stituiert habe. Die beigeschlossene Wie- 
genliste enthält 40 Mitgliedernamen. 
darunter 12 auswärtige, S vereinslose 
Künstler und 23 ordentliche Mitglieder 
des Künstlerhauses. Präsident war Gu- 
stav Klimt, Ehrenpräsident Rudolf Alt. 
Vom Künstlerhaus kamen Jetlel. Stras- 
ser, Hellmer, Bernatzik, Myrbach. 
Ottenfeld, Engelhart. Moll, Pochwalski. 
J. Mayreder. Kraemer. Bacher, A. 
Nowak, Olbrich, Sigmundt. Tichy. 
Lenz. Kurzweil. Colo Moser und Stöhr. 
Felix hatte indessen bei der Beschickung 
der Dresdener Ausstellung mit einer zu 
späten Einladung an die Opposition 
operiert. Als die ..Jungen" dann den- 
noch einsandten. wurden sie abgelehnt. 
Das gleiche unfaire Manöver erlaubte 
sich Felix bei der Einladung zur öster- 
reichischen Abteilung der großen Mün- 
chener Genossenschaftsausstellung. Dies- 
mal reagierten die „lungen" gar nicht, 
sondern sie beschickten direkt die 
gleichzeitig in München stattfindende 
Sezessions-Ausstellung. Dieses Vorgehen 
widersprach der Verpflichtung, bei 
Auslandsausstellungen nur korporativ 
und über die Künstlerhaus-Jury einzu- 
senden. Nun besaß Felix eine gute 
formale Handhabe. Er veranlaßte die 
Abfassung einer Resolution. in der den 
Abtrünnigen in aller Form die Miß- 
billigung ausgesprochen wurde. Diese 
Mißbilligung sollte in der kommenden 
Generalversammlung durch Stimmen- 
mehrheit zum Beschluß erhoben wer- 
den. Bei der am 22. Mai abgehaltenen 
Versammlung. vor der Ottenfeld aus 
dem Leitenden Ausschuß ausgetreten 
war. offenbar. um seiner Schweige- 
pflicht entbunden zu sein. bezeichnete 
Kraemer den Inhalt der Resolution als 
Verleumdung. Als Ottenfeld Felix bloß- 
stellte, indem er den vertraulichen Aus- 
spruch des Vorstandes in bezog auf die 
Dresdener Einladung zitierte, man müsse 
neben die Toten ausgraben" (Müller. 
Pettenkofen und Schindler). so könne 
man die ..Jungen" fernhalten. entstand 
ein Riesentumult. den Felix mit der 
Annahme des Mißbilligungsantrages 
überbrücken wollte. Als von feindlicher 
Einstellung der Opposition gesprochen 
wurde, verließ G. Klimt aus Protest 
schweigend den Saal. gefolgt von 
8 Getreuent von Tichy. A. Nowak. 
Kraemer, Stöhr. Ottenfeld. Olbrich, 
Moser und Moll. Weyr wollte alle Weg- 
gegangenen sofort ausschließen. Man 
stimmte mit 4 Gegenstimmen für den 
Mißbilligungsantrag und beschloß. in 
der nächsten a.o. Generalversammlung 
Kraemer strafweise auszuschließen. Am 
24. Mai trafwieder ein Schreiben Klimts 
beim Ausschuß ein. in welchem er 
wegen der ..Mil1billigung" seinen Aus- 
tritt aussprach und gleichzeitig den 
Austritt folgender Modernen kundtat: 
Moll, Bacher, Stöhr, Kraemer. Olbrich, 
Ottenfeld. Tichy. A. Nowak, J. Mayr- 
eder. Hellmer, Moser und Myrbach. 
Engelhart. Jettel und Bernatzik gaben 
aus Paris telegraphisch den Austritt 
bekannt. Alt schrieb einen eigenen Aus- 
trittsbrief. Josef Hoffmann trat am 
Z5. Mai aus. Ihm folgten Pachwalski. 
Sigmundt, Kurzweil. Lenz und List. 
Kraemer wurde am 28. Mai tatsächlich 
ausgeschlossen. Otto Wagner verblieb 
in der Genossenschaft. obwohl es nun 
auch in Wien zu einem lauten, öffent- 
lichen Streit zwischen der alten und der 
neuen Kunstrichtung gekommen war. 
Er hoffte noch immer auf eine Besin- 
nung in den Reihen der Künstler- 
schaft. zumal auch damals noch in der 
Genossenschaft eine aufgeschlossene 
Minorität bestand. Als sich die Fronten 
aussichtslos versteiften, trat Otto Wagner 
mit Bedauern als letzter der Opposition 
am 11. Oktober 1899 aus dem Künstler- 
haus aus. Für das Künstlerhaus von 
heute sind die geschilderten Ereignisse 
Geschichte und bewältigte Vergangen- 
heit. Reifes Kunstverstündnis und künst- 
lerische Toleranz gewähren wieder 
jeder Kunstrichtung Raum. die ehrlicher 
Ausdruck ernsten Strebens ist. 
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