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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 74)

ERNST KÖLLER 
Wege und Irrwege der Phantasie? 
Es kommt in Österreich nur selten vor, 
dal} ein Künstler von seinen Kollegen 
und einem beträchtlichen Teil der Kritik 
verlemt und verurteilt wird; Leherb 
gehört zu den wenigen, über die hier- 
zulande manche meinen, den Stab 
brechen zu müssen. Das Interessante 
hiebei ist, daß er im Ausland. vor allem 
in den Ländern Westeuropas, vor- 
züglich Hankommt", da!) seine Aus- 
stellungen in Belgien und Frankreich 
sich zumeist zu Bombenerfolgen aus- 
wachsen und er hinsichtlich der Dis- 
ponibilität seiner Produktion auf Jahre 
hinaus ausgebucht ist. 
Woher kommt das, was schätzt man an 
Leherb in der Außenwelt, was hält man 
ihm im Bereich zwischen Boden- und 
Neusiedler See vor? 
Nun, Leherb versteht es wie kein 
zweiter, sich in Szene zu setzen. Er ist 
in Kunst und Leben ein kompromiß- 
loser Exzentriker, dessen Aktionen rein 
auftrittsmäßig auf Aggression, Provo- 
kation und Skandal aufgebaut sind. Wir 
zitieren in der Folge aus der deutsch- 
sprachigen Urschrift zu einer Mani- 
festation, die im Februar dieses Jahres 
onläßlich der Ausstellung seiner "De- 
struagen" in der Galerie de Marignan 
in Paris unter dem Titel „Optique du 
1 Menschliches 
destruage" erschien: ..Da ich es ver- 
absäumt habe. ein Anliegen an die 
Menschheit aus der Pubertät herüber 
und über die Erdrosselung der Liebes- 
fähigkeit hinaus zu retten, lSl die Aktion 
der einzige Berührungspunkt . . . zu ir- 
gendeiner Umwelt. Da die Konsuma- 
tion auf diese Weise auf die Seite 
irgendeiner Umwelt gelangt ist. sind 
in der lntimsphäre Exzesse notwendig 
geworden, die das Striptease der Aktion 
bereichern sollen . . . ich ertinde aus 
der Zerstörung der schöpferischen 
Arbeit des Leherb. sie allein erbringt 
den notwendigen Stoff, neue, aggressi- 
vierte Ausdrucksformen . . .eben De- 
struagen. Diese haben viel mit der 
Leichenwäsche eines geliebten Körpers, 
nichts aber mit dem Puzzlespiel der 
Collage, einer Art von Witwenpension 
für heitere Künstler, zu tun. Die De- 
struage erbringt somit die schmerzlich 
bösartige Manifestation, die Zerstörung 
der Bildwelt des Leherb durch seine 
sichtbar gemachte wütende Phantasie." 
Das ist selbstverständlich Zynismus. 
dessen Konsequenz zwangsläufig zur 
Selbstzerstörung führen müßte. Das 
greift in Sphären über, die - zumindest 
bei uns 7 mit einem Tabu belegt sind, 
obwohl sie seit Freud und seinen Ge- 
folgsleuten, also zumindest seit einem 
halben Jahrhundert, im Mittelpunkt der 
Diskussion stehen i aber eben nicht 
bei uns. 
Der Fall Leherb ist ein Beweis dafür, 
daß in Österreich ein Künstler nicht 
so ohne weiteres aus dem elfenbeiner- 
nen Turm idealistischer Unwirklich- 
keit und Unwirksamkeit ausbrechen 
darf. in den er vor nunmehr schon 
anderthalb Jahrhunderten von der 
werdenden, idealltötshungrigen bürger- 
lichen Gesellschaft gesetzt wurde. 
Ohne Zweifel ist Leherb eine Personali- 
tät, die ..weh" tut. wo sie kann. dessen 
1 Helmul Leherb, Monslranz des gönnm 
lrrsinns (21.35 h). Zeilzersiörer, 
120 x 100 x 25 cm 
z Helmul Leherb. Jean-Jacob es! nrri 
OIILwd. 100x75 cm. 1902163. In beh 
Scham Privmbesilz 
3 Helmul Leherb, Der Künsiler mit sein 
Frau Lolle Prohhs 
 

	        

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