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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 75)

Daß er sie in Amorbach nicht von heute auf 
morgen erlernt, sondern schon längst prakti- 
ziert haben mußte, liegt auf der Hand. Sicher 
bot auch Münsterschwarzach die Gelegenheit 
dazu. Doch dieses Werk fiel der „Aufklärung" 
zum Opfer und genauere Nachrichten darüber 
gingen verloren. Vor Wilhering aber klafft 
eine Kenntnislücke im Zusammenwirken un- 
serer Meister, die bis 1736[37 reicht, als die 
Gebrüder Franz Xaver und Johann Michael 
Feichtmayr zusammen mit Ueblher die Stifts- 
kirche Dießen stuckierten. 
Einen bedeutenden Beitrag zu ihrer teilweisen 
Schließung lieferte schon Rudolf Guby  
Ihm verdankt die Forschung die aus der Ent- 
deckung der Wilheringer Vertragsabschriften 
resultierende Feststellung, daß als Schöpfer 
des Kemptener Thronsaales (Spiegelsaal) nur 
der im 2. Vertrag als Hofstuckator der Fürst- 
abtei Kempten benannte Johann Georg Uebl- 
her in Betracht kommen kann. Gubys falsche 
Datierung dieses Werkes ist durch Hugo 
Schnells Untersuchungen (VII) bereits überholt, 
wonach die Entstehung des Kemptener Thron- 
saales nur in den Jahren 1741[42 erfolgt sein 
kann. 
Stilgeschichtlich präsentiert dieses Dekorwerk 
sich schlechthin als Phänomen: wie über 
Nacht scheinbar Enden wir hier in einem 
genialen Prozeß jenen Rocaillestil entfaltet, 
mit dem die Dekorkunst des 18. Jahrhunderts 
durch wessobrunnisch-augsburgische Meister 
ihren absoluten und von keinem anderen 
Kunstzentrum erreichten Höhepunkt erklimmt. 
Daß nur mit dieser epochalen Leistung die 
mit einem Schlag einsetzende Überhäufung 
des Künstlerpaares Ueblher-Feichtmayr mit 
ehrenvollen Aufträgen erklärbar ist, unterliegt 
keinem Zweifel. Damit stellt sich aber auch 
die Frage: Warum sollte Feichtmayr nicht 
auch an diesem Werk schon maßgebend be- 
teiligt gewesen sein? 
Allein die Tatsache, daß nach der Trennung 
Feichtmayr und nicht Ueblher die meisten 
und bedeutendsten Aufträge zufielen: 1747ff. 
Zwiefalten, 1750-52 Käppele Würzburg, 1751 
St. Fridolin Säckingen, 1752-54 Anastasia- 
kapelle Benediktbeuern, 1751 H. Schloß Bruch- 
sal usw., während Ueblher in dieser Zeit nur 
die Langhausaltäre Wilherings 1748-51 und 
die Kuppelraumzier von Ettal1748-52 auf- 
zuweisen hat, berechtigt zu der Annahme, 
daß Feichtmayr schon längst als potenzierter 
Mitarbeiter Ueblhers gegolten haben muß. 
Demgegenüber erscheint die auf den um 9 Jahre 
älteren Ueblher beschränkte und zweifellos 
für den Thronsaal erfolgte Ehrung mit dem 
Titel eines fürstkemptischen Hofstuckators 
nicht als ausreichender Grund, Feichtmayrs 
Beteiligung anzuzweifeln. 
1m 1. Vertrag mit Wilhering von 1741 ist 
Feichtmayr bereits als Kompagnon Ueblhers 
nachgewiesen. Warum sollte er dann beim 
gleichzeitig entstandenen Thronsaal Kemptens 
nicht ebenfalls Teilhaber gewesen sein? 
Und schließlich: Wo sollte Johann Michael 
Feichtmayr um oder vor 1740 gearbeitet haben? 
Etwa bei seinem Bruder Franz Xaver? ln 
der Tat: Unter Franz Xaver Feichtmayrs 
Werken dieser Zeit gibt es eines, das dessen 
eigenen Stil weit überragt und noch dazu: 
welches alle zur Kemptener Thronsaal-Ro- 
caille führenden Evolutionsmerkmale enthält: 
die 1738 entstandene Stuckzier des Kuppel- 
raumes (Bild 9) der XWallfahrtskirche Herr- 
gottsruh in Friedberg bei Augsburg (VIII). 
Alles spricht dafür: diesen bedeutenden Vor- 
läufer der Thronsaal-Rocaille Kemptens konnte 
nur Johann Michael Feichtmayr vollbracht 
haben. Ob mit oder ohne Ueblher, wird 
schwerlich noch zu entscheiden sein. Was 
Franz Xaver aus diesem Vorbild für seinen 
Stil zu gewinnen wußte, sehen wir am Sakristei- 
stuck Dießens, der um 1740 etwa entstanden 
sein mochte. 
Damit haben wir ausgeleuchtet und zu deuten 
versucht, was aus den Gegebenheiten ableitbar 
erschiemWie schonJohann Michael Feichtmayrs 
führende Stellung in Amorbach vermuten 
ließ, hat sich eine Reihe von Indizien gefunden, 
die ihn auch im Schatten seines Bruders Franz 
Xaver und Ueblhers sehr bald als maßgebenden 
Ornamentiker wahrscheinlich machen. Und 
es ließen sich Anhaltspunkte finden, die den 
Brückenschlag ermöglichen über ein bisher 
leeres Feld kunsthistorischen Wissens: die das 
Weiterbestehen der Dießener Dreiergemein- 
Schaft Feichtmayr-Ueblher auch in Friedberg 
als vermutbat und die bisher nur von Wlilhering 
ab bekannte Zweiergemeinschaft Johann 
Michael Feichtmayrs mit Ueblher nun auchbeim 
Thronsaaldekor Kemptens als ziemlich evident 
erscheinen lassen. 
Und als Zeichen gebliebener Anhänglichkeit 
Johann Michael Feichtmayrs an den gealterten 
einstigen Kompagnon scheint folgendes noch 
zu sprechen: 
Die Altäre der Stiftskirche Engelszell a. d. 
Donau, die 1759-62 von Ueblher zu liefern 
waren, sprechen mit gewissen Anzeichen: 
ihrer kapriziöscn Rocaille-Ornamentik, dem 
Kapitellstern des Hochaltars und dessen Ge- 
simsengeln samt den sie umgebenden Puttcn 
und schließlich auch auf Grund einer Chroni- 
stenangabe, wonach dort Augsburger Künstler 
am Werk gewesen sein sollen - dafür, daß 
hier bereits Johann Michael Feichtmayr dem 
alten und wohl schon kranken Ueblher wieder 
seinen Beistand gewährte  
Die gleiche Gesinnung bewog ihn dann auch, 
als er seinen besten Mann, den Stuckatorpalier 
Thomas Sporer, zur Verfügung stellte, als 
es galt, Ueblhers letztes Werk zu vollenden: 
die Wallfahrtskirche Maria-Steinbach bei Mem- 
mingen, nachdem dort der Tod den einstigen 
Gefährten ereilt hatte (X). 
LITERATUR: 
(l) Fiiediic Wolf: Der Slurkalnr Johann Michael Feichtmayr 
als Figuren ildncr. Mßkf. 19m ß) - (u) Jean Louis s onscl: 
Die Abteikirchc zu Alnorhatll. Dresden 1x96 i (m) udolf 
Huber: Di: bildhaucriscli: Tätigkeit von julnnn Iosrph Christian 
und johann Michael Fcichnnayr in Zwizfalten und Otroheuzen. 
Inaug-Diss" Tübingen 1947 i (IV) Rudolf Guby: Di: Stift- 
kirchen zu Wilhcring und Engulszell, Dculschöst. Suaudenkmal- 
um, Jahxb. d. kunsthisl. Instituts. Bd. XII, 1918, S. 76H. - 
(V) Friedrich Wolf: Die Gi skünsller der Wallfahrtskirche 
Vicnehnheiligen, Mskr. l961' - (VI) Rudolf Guby: Johann 
28 
 
Georg Üblhßff, des Hochsliftes Krmpltx! Hofsrukkudürßr. 
Münfh. jahrb. d. him. Kunst, Miinfhtll 1921, 13a. XI, Huf! 314 i 
(vn) Hugo SCIHIC m fiinläblhc Rc um: zu Kempten und 
ihre Prlllikfilllllß, M nahen 1947. s (in i (VIII) Friedrich Wolf: 
Der Sturkntur Fmiz Xuvcr Fcichlmayr d. Ä. und sein bedclxrriidcr 
MllJfbCiICK Jakob iuiiai. Niäk 1961-) i (1x) Fricdnch Wolf: 
Bfllthnxilr Mudlcr .. . ÜSKbIlifiSCiN ( "nznlaxken, P3552111 1961, 
S. 104-107 - (X) Nach N. Lieb im Kirchcnführer Maria-Stein- 
bach von Hugo Schnell. s. 4. v 
") Hintcrlcgt im Archiv ungcdr. wissenschaftlicher Schriften bei 
der Dcutschen Bibliothek in Frankfurt (Main), Zeppelin- 
alle: 8. 
  
    
 
 
	        

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