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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 75)

beiten (Besitz: Akademie der bildenden Künste) 
zeigen sowohl aufgelöste, skizzenhafte Aqua- 
relle in großzügiger Malweise sowie solche 
mit feiner, kleinteiliger Ausführung. Bei 
letzteren zeigt sich eine für Ender typische 
Manier dieser Epoche: einem locker gemalten, 
malerisch pointillistischen Vordergrund mit 
starken Schattenpartien steht ein zeichnerisch 
aquarellierter Hintergrund gegenüber. Bäume, 
Pflanzen oder Figuren beleben den Vorder- 
grund. Die Schattenkulissen, zur Steigerung 
der Tiefenwirkung in barocker Auffassung, 
hat Ender immer wieder gerne verwendet, 
wenn auch später durch Änderung seines 
Stiles nicht mehr in so starkem Maße wie 
in den zwanziger Jahren. 
Charakteristische Beispiele der erwähnten Art 
bringen die Aquarelle von Enders Italien- 
reise; Ender war 1819 durch Metternich nach 
Rom gekommen. Aus der vierjährigen Stipen- 
dienzeit in Italien ist uns eine Reihe von 
besonders reizvollen, kleinen italienischen 
Ortsansichten erhalten. 
Einige ausgestellte Österreichische Veduten 
veranschaulichten in den nächsten Räumen 
Enders frühes Schaffen in der Heimat. Mehrere 
Ansichten von Wien, Kalksburg, ein Blick auf 
Gastein zeigten wieder das erwähnte Ender'sche 
Prinzip. Wie Raumschieber befinden sich 
Tannen und Felsen im beschatteten Vorder- 
grund des Gasteiner Blattes. 
Als die entscheidende Phase in Enders Stil- 
entwicklung ist die Wende 1828]?) anzu- 
sprechen. Es ist die Zeit der indirekten Be- 
eintlussung durch Matthäus Loder. Im Auf- 
trage Erzherzog Johanns, dessen Kammer- 
maler Endet wurde, vollendet er einige 
Aquarelle des früh verstorbenen Loder. Die 
Manier Loders, eine Hächig schichtenmäßige 
Behandlung des llochgebirges, der sich Ender 
im Zuge seiner Kooperation anzugleichen 
versucht, wird von bleibender Bedeutung für 
Enders Stil der Gebirgsmalerei. 
Einen Höhepunkt stellt für Ender 1837 die 
Berufung dar, Erzherzog Johann in die Krim, 
nach der Türkei und nach Griechenland als 
Reisemaler zu begleiten. Jahrzehnte trennen 
diese Epoche noch von der Erfindung der 
modernen Farbdias, doch Ender wußte seiner 
Aufgabe als Kiizutler bestens gerecht zu werden. 
Er schildert mit dem Pinsel, malt Land und 
Leute, die klassischen Bauwerke Griechen- 
lands, er fängt den sonnendurchfluteten Zau- 
ber des Orients ein. Die künstlerisch zu be- 
wältigende weite Reise beschleunigt seinen 
Pinsel. Die Malweise wird eine flottere, Ender 
wird in den Farben stärker, das tiefblaue 
Meer, die bunten Kostüme erwecken die 
malerische Phantasie seines Künstlertums. 
Unter dem gleißenden Licht des Orients 
werden die Aquarelle heller. 326 Stück bringt 
Ender von dieser Reise in die Heimat, von 
denen 58, hauptsächlich aus der Sammlung 
Erzherzog Johanns, in der Albertina zum ersten- 
mal ölfentlich zu sehen waren. 
Im Ausstellungsraum der „Alten Albertina" 
war die stattliche Anzahl von 133 Endefschen 
Aquarellen der Epoche um 1830 bis in die 
Spätzeit präsentiert worden, hauptsächlich 
österreichische Gebirgsgegenden von Salz- 
burg, Steiermark und Tirol, die Ender im 
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Auftrage von Erzherzog Johann, für den er 
bis 1848 tätig war, zur „Bestandaufnahme der 
Natur" gemalt hatte, aber auch Ansichten aus 
Italien, der Schweiz und Ungarn. An der 
Spitze dieser Kollektion findet sich ein Blatt, 
das eigens erwähnt werden möge. Mit dem 
Aquarell „Englisches Kaffeehaus in Bad- 
Gastein" um 1830 (Kat. Nr. 185 abg.) zeigt 
sich Ender auch noch von einer anderen 
Seite. Wohl erkennen wir ihn deutlich in der 
Manier des Hintergrundes, aber wie Ender 
uns hier in ganz freier, malerischer Auf- 
fassung mit einer Biedermeieridylle in hellen 
Grüntönen, mit der sonnendurchi-luteten Atmo- 
sphäre eines Waldmüller entgegentritt, ist für 
ihn ganz ungewöhnlich. Hier als reiner Maler, 
ohne Zweifel von einem Auftrag frei, ent- 
wickelt Ender in einer Stimmungslandschaft 
eine malerische Freiheit der Gesamterschei- 
nung, die abweichend von Enders Charakteri- 
stik an ähnliche Schöpfungen Joseph Högers 
oder Franz Barbarinis erinnert, die Schüler 
Enders waren und diese Art weiterentwickelt 
hatten. 
Die zahlreichen Aquarelle Enders aus der 
österreichischen Gebirgswelt führten den 
Künstler in seiner typischen Vollendung vor. 
Die kleinteilige Manier der Frühzeit ist 
einer großzügigeren Malweise gewichen. Der 
Vordergrund wurde großformatiger, der Be- 
schauer wird unmittelbarer in den Mittel- 
und Hintergrund geführt. Die Gebirgsforma- 
tionen werden partiell in Schichten detailliert 
dargestellt. Das Kolorit entspricht der geo- 
graphischen Eigenart. So erleben wir das 
tiefe Grün der steirischen Landschaft, das 
kristallene Blau und Weiß der Bergseen und 
Gletscherwelt Tirols und über allem die reine 
Atmosphäre dünner Gebirgslufr. Die aus- 
geglichene künstlerische Harmonie Enders in 
Verbindung mit der Klarheit seines maleri- 
schen Realismus strahlen eine beruhigende 
Wirkung auf den Betrachter aus. 
Ein Aquarell wie die Wettertanne (Kat. Nr. 
301) um 1860, in seiner lockeren, gelösten 
Malweise, läßt an Rudolf v. Alts Nadelbaum- 
studien denken; auch die anderen, impressio- 
nistisch gemalten Blätter der Spatzeit mit 
großartig gestalteten, frei gewählten Natur- 
motiven erinnern an das späte Alterswerk 
dieses großen Meisters. 
Wir stehen am Ende eines reichen Lebens- 
werkes und es drängt sich die Frage auf: 
Ist Ender der Reisemaler gewesen, der mit 
Präzision und emsigem Fleiß die Vorlagen 
für die Lithographie lieferte, seine Aufgabe 
darin sah, dies und nichts anderes zu er- 
füllen? Nein. Dies hieße Enders Kiinstlertum 
vollkommen mißachten. Enders Größe zeigt 
sich nicht allein in der vortrefflich gelungenen 
realistischen Naturwiedergabe seiner Dar- 
stellung, sondern offenbart sich in der Ge- 
staltung des Details. Wie er mit wenigen 
Bleistiftstrichen, mit sparsamsten Andeutun- 
gen die Illusion eines Objektes, ja einer ganzen 
Stadtsilhouette gibt, wie auf einem Aquarell- 
gruncl von nur wenigen Quadratzentimetern 
in impressionistischer Manier ein Vollendetes 
Detail der Wirklichkeit ersteht, erhebt Ender 
über sein außerordentliches Virtuosentum 
hinaus zu einem echten, großen Künstler.
	        

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