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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 75)

OTFRIED KASTNER 
Klemens Brosch als Kriegszeichner 1914-1916 
wen: Brosch, Shzrm der 1er Schülzen. Galizien 
Innerhalb der drei bedeutendsten Graphiker Öster- 
reichs der Gegenwart steht Klemens Brosch seiner 
Geburt nach in der Mitte. Alfred Kubin wurde jedoch 
50 Jahre älter als er und Hans Fronius wird bald 
doppelt so alt als der junge Linzer, der schon 1926 
am Pöstlingberger Friedhof seinem Leben ein Ende 
setzte. An den Blättern. die wir hier vorstellen. wird 
sein Tod verständlich, zugleich aber wird auch sicht- 
bar, wie sich seine Einstellung zum Kriege änderte. 
Zusammen mit einem seiner Brüder ging er als Kriegs- 
freiwilliger im Oktober 1914 nach Galizien ins Feld 
und machte dort die Bewegungskämpfe in der vor- 
dersten Front der Linzer 2er Schützen mit, wie 
später die Stellungskämpfe in den winterlichen 
Karpathen. Die Federskizzen und Blätter. die er dort 
gewann, machten ihn anlüßlich einer Ausstellung im 
Jahre 1915 in Linz Über Nacht weithin berühmt. Der 
Eindruck dieser Blätter sollte die Besucher ihr ganzes 
Leben nicht mehr loslassen. Sein ungeschminkter und 
nach völlig ungewohnter Bericht (Barbusees ..Feuer" 
war noch nicht in deutscher Sprache erschienen) 
war dazu angetan, den allzu idealisierten Kriegs- 
vorstellungen einer langen Friedenszeit schonungslos 
eine neue harte Unerbittlichkeit entgegenzustellen. 
Als Brosch zwanzigjährig aus wahlgeordneten bür- 
gerlichen Verhältnissen mit seiner Marschkompanie 
in den Krieg hinein fuhr. sollte sich dem Überwachen 
eine völlig ungeahnte Welt eröffnen, der er sich ahne 
die leiseste Schonung seiner Person voll hingab. Sein 
Fleiß. seine rasche Auffassung, sein Gedächtnis läßt 
sein Fronterlebnis einem Filme gleich ablaufen. 
Passierten auch manche seiner Arbeiten nicht die 
Zensur, so fand man seine Feldpostkarten-Skizzen 
doch so treffend, daß sie bald im Druck erschienen. 
Der Direktor des O.ö. Landesmuseums. der die 
115 Nummern, die Brosch dem jungen „Mürz" zur 
Verfügung gestellt hatte. von allen Kritikern am 
begeistertslen begrüßt hatte, erwarb eine Anzahl 
dieser Mappen. so daß eben dieser Abschnitt im 
Schaffen desjungen Künstlers vorzüglich belegt ist. 
Einander begegnende Truppentransportzüge, frische 
Gräber neben den Geleisen, erste Feindberührungen 
mit Skizzen aus der Schwarmlinie - am Bauche 
liegend hingekritzelt - mit während des Sturm- 
angriffes tödlich Getroffenen im Zusammenstürzen 
und drohenden Schrapnellwölkchen vor der Linie. 
das waren Aufzeichnungen durch ein leidendes 
Medium. das kaum wußte. was vorging. fieberhaft 
hingeschriebene Impressionen. aufgenommen ohne 
auch nur eine Idee an eigene Schonung. Dies gilt 
auch noch für die 9 Szenen einer Erschießung von 
Spionen. die sich rasch, am Rande des großen Ge- 
schehens kaum bemerkt, vollzieht. Weitere Szenen wie 
Beschuß eines Fliegers, ein Ort nach einer Straßen- 
schlacht. Explosion einer Granate in einem Schupfen, 
Wache am Geschütz. in die Heimat schreibende 
Soldaten. Sturm auf ein Gehöft. Eroberung einer 
Brücke. nächtliche ldentiüzierung der Gefallenen 
sind einmalige Dokumente. aufgezeichnet von einer 
unermüdlichen Hand, sachlich, wahr. ungeschminkt 
und parteilos. Die.,Nächtliche Straße in Polen" fängt 
alles an Atmosphäre ein. was das Thema in sich trägt. 
doch der blutjunge sensible Mensch berichtet auch 
jetzt noch schweigend. Erst beim ..Patrouillenerlebnis" 
und bei dem Blatt „Gefallene im Stacheldraht" wird 
eine Wendung von der Impression zur Aussage deut- 
lich, sie scheinen zu sagen: So verbluten unsere 
Regimenter im Sande Galiziens. und die Zartheit der 
Birken und des hellen Morgenlichtes scheint nun 
bewußt kontrastiert zu dem Dunkel des Blutes und 
der aufgewühlten Erde. Immer wieder bringt er 
Erschieflungsszenen hinter der Front, sie scheinen ihn 
geradezu anzuziehen: in der Festung. auf offenem 
Feld, vor der Mauer. die Feder sträubt sich. die Seele 
empört sich w, Brosch zeichnet. wer kann erahnen. 
was er gelitten hat und welcher Schmerz zuriickblieb. 
legte er die Feder nach Vollendung dieser Blätter 
weg. Brosch reicht in dem Blatt ,.Siesta der Henker". 
das erst1916entstand i ohne ihn zu kennen 7 Fackel- 
Kraus die Hand. Seine Blätter werden nun Anklagen: 
Unverzagt zeichnet er weiter: verhungerte Flücht- 
linge im Straßengraben. vom Kot des vorbeifahrenden 
Autos überspritzt. das offene Massengrab. in dem sich 
das Regenwasser zwischen den Leichen sammelt, 
..Vater unser" bezeichnet ähnlich ironisch wie die 
Feldpostkarte .,Weihnachtsfriede". die eine Granate 
zwischen Soldaten zerberstend zeigt. Im ,.Letzten 
Augenblick". da er die Gewehre auf den Beschauer 
gerichtet zeigt. geht er selbst über Goya hinaus. 
Otto Dix hat Schützengrabenbilder gemalt, Brosch 
hat in dem Blatt „Illustration zum Text eines deutschen 
Heeresberichtes" begonnen. frei aus der Phantasie 
Kriegsgeschehen zu gestalten. Auch ein Winterbild 
aus den Karpathen wird später zu einem „Einsiedler" 
umgebaut. (Der zerspellte Baum weist deutlich auf 
die Herkunft des Vorwurfes.) Die übersteigerle Vision 
des Granateneinschlags in die unschuldigen Zivilisten 
hat Brosch wohl unter Morphiumeinwirkung gearbei- 
tet. Während Georg Trakl am Kriege zerbricht. 
wird nun Brosch von Olmiitz nach Trient und von 
dort nach Innsbruck geschleppt. bis er endlich vor 
einer Kommission zusammenbricht. man dem "Simu- 
Ianten" glaubt und ihn entläßt. Doch auch er hat den 
Tadesschuß erhalten. 
Für diese Zeit spricht der ..Blick durch die Glas- 
türe". in der er sich selbst spiegelt. Sein linkes Auge 
wird von einer Fleischfliege verdeckt. Diese Zeich- 
nung hat etwas von der Peinlichkeit der Durch- 
zeichnung. wie sie die ..Neue Sachlichkeit" verwendet 
hat. doch sie wird in ahnender Weise hier surrealislisch 
eingesetzt. Die Kunst des jungen Linzers wird mehr- 
bödig. Nicht nur die Überspitzung des Technischen 
peinigt. mehr die Unheimlichkeit der Spaltung, die 
nun sichtbar wird. Verläßt er nun den sozialen 
Realismus? Noch im November 1915 zeichnet er für 
den gefallenen Radierer Franz Hafer ein Gedenkblatt. 
daneben jene 48 Blätter eines Schuhpaares 4 in 
einer Mappe unter dem Titel ..Der InvaIiden-Dank" 
vereinigt -. ihr gibt er den älteren "Nörrischen 
Schuster", der auf einem Berg von Schuhen thront, 
bei. Er schuf täglich zwischen zwei und sieben bis 
acht Blätter zehn Tage lang. Reinster Naturalismus 
wie es scheint. doch ist diese neue Aussage zum Krieg 
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