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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 75)

WICHTIGE AUSLANDSAUSSTELLUNGEN ÖSTERREICHISCHER KÜNSTLER 
New York: Im März wurde von Mari- 
borough-Gerson Gallery lnc.. einem der 
vier Höuser der Marlborough-Kette. 
das Werk von Fritz Wotruba in wür- 
diger Form herausgebracht. Der vor- 
züglich ausgestattete. reich bebilderte 
Katalog zahlte 68 Werke, darunter 
38 Plastiken. eine Tapisserie (gewirkt 
von Fritz Riedl), ein Aquarell. sieben 
Federzeichnungen. acht Bleistiflzeich- 
nungen und drei Radierungen auf. Prak- 
tisch alle Exponate waren abgebildet. 
Die Katologeinleitung war von keinem 
Geringeren als Sir Herbert Read. dem 
führenden englischen Kunstkritiker, ver- 
fafJt worden. 
Im Schlußobsatz seiner Ausführungen 
charakterisierte er Wotrubas Schaffen 
mit folgenden Worten: ..Das Statua- 
rische. Statische. die Masse. das Gleich- 
gewicht. die Einheit - das sind nach 
Wotrubas eigenen Warten seine Ideale. 
Sie sind nicht notwendigerweise in- 
organische Elemente. doch hat Wotruba 
offensichtlich kein Empfinden für Flüssig- 
keit. Unentschiedenheit. für .volupte' 
im Wortsinne Matisses. Trotzdem ist 
sein Werk restlos human. gleichzeitig 
aber. ähnlich wie gotische Bildwerke. 
ist es transzendental. worunter ich 
verstehe. daß die menschlichen Ele- 
mente jenen Größenordnungen unter- 
lan gemacht sind. die von der Mensch- 
heit seit ältester Zeit als .göttlich' 
bezeichnet werden. Das ist kein frev- 
lerischer Anspruch. es ist die Voraus- 
setzung für Größe in der Kunst." 
Die Auswahl der Werke umfaßte sümt- 
liche Schaffensperioden Wotrubas. an- 
gefangen von dem noch mehr oder 
minder ..klassizistischen" Akt von 1930 
hinweg über die einsetzende Disinte- 
gration der Figur (KaL-Nr. 4. Stehende 
Gestalt. 1948) bis zu ihrer Neuformie- 
rung aus blockhaften Grundelementen 
(um 1950). Steinsetzungen und -schich- 
tungen und ihrer Reduktion auf fast 
kompromililose Pfeilerhaftigkeit (Ste- 
hende Figur. 1962. Kot-Nr. 39). 
Man hat das Gefühl, als müsse Wotrubos 
Weg in letzter Konsequenz zum Menhir. 
zur monumentalen. aber völlig un- 
differenzierten Steinsetzung führen; 
immer noch spielt gerade bei seinen 
"Stehenden" der Kontrapost, jene 
große, bisher unabdingbare Errungen- 
schaft der griechischen Klassik. eine 
entscheidende Rolle: sie setzt sich 
allerdings in unübersehbaren Wider- 
spruch zur ..Kubisierung" der Körper- 
elemente. wodurch der malhatte Cha- 
rakter so mancher Schöpfung empfind- 
lich gebrochen wird. Aber ob die 
Rückkehr zum Mal. zur aus dem Neo- 
lithikum stammenden Urformel echter 
Bildhauerei. nunmehr. am Ende des 
Jahrtausends. als das letzte Ziel der 
abendländischen Gesamtentwicklung 
anzusehen ist. bleibt eine ebenso be- 
drüngende wie total offene Frage. 
Hannover: Vom 25. Mdrz bis 3. Mai 
zeigte die Kestner-Gesellschaft einen 
riesigen Querschnitt durch das Gesamt- 
oeuvre von Hundertwasser. Der Kata- 
log alleine war etwas noch nie Da- 
gewesenes. brillierte er doch durch 
100 Farbreproduktionen. sozusagen je 
eine für die 100 Ausstellungen. auf die 
die Gesellschaft verweisen kann. Und 
daß ausgerechnet Hundertwasser der 
hundertste war. bedeutete eine weitere 
Apotheose des Hunderters . . . 
Aber der Katalog war nicht riur schön 12 
und wirtschaftswunderlich luxuriös 
(hatt' mers net. so tdf mers net), er 
ist wohl für alle Zukunft die Basis für 
die unzweifelhaft zu erwartende Hun- 
dertwasser-Forschung. ist doch in ihm 
der vom Künstler selbst angelegte 
komplette Oeuvre-Katalog mit allen 
Feinheiten publiziert. Hei. wie sich da 
die Forscher freuen werden. dem 
Künstler Ungenauigkeiten. Fehlreihun- 
gen und -datierungen und Willkür- 
cikte nachzuweisen. es besser zu wissen 
als er (Egon Friedell. schau obal), 
man hört sie im Geiste schon ihre kriti- 
schen Federn spitzen und die Messer 
unbestechlicher Objektivität wetzen! 
Über die Ausstellung sich jetzt schon 
auszulassen. wäre verfrüht. denn im 
September-Oktober dieses Jahres soll 
sie ohnehin in Wien im Museum des 
20. Jahrhunderts gezeigt werden. 
Aber eine sehr wesentliche Stimme der 
deutschen Kritik soll im Zusammen- 
hang mit dem Hannoveraner Ereignis 
zitiert werden 7 die Meinung von Will 
Grohmann. kundgetan in der "Frankfur- 
terAllgemeinen Zeitung" vom13. April: 
..Man sagt. er komme aus dem Wiener 
Jugendstil, von Klimt und Schiele. 
aber Kokoschka kam auch von Klimt 
und ist ganz anders. Oder man legt 
ihn auf Paul Klee fest. aber wie viele 
kommen von Klee und haben nichts 
mit Hundertwasser zu tun. Immerhin. 
er ist im Zeichen des Schützen geboren. 
wie Klee. Kandinsky, Woty Werner. 
wem das etwas besagt, und es gibt 
einige echte verwandtschaftliche Züge 
mit ihnen. im Porapsychologischen. im 
geistigen Transzendieren. das hat mit 
Alter und Schule natürlich nichts zu 
tun . .. Die Spirale 7 sie ist die Basis 
seines Philosophieren: und Malens. 
 
denn sie kommt zu keinem A 
und will es nicht. Schließlich si 
seine Bilder zusammen Element 
Weltall-Spiralnebels. ohne Anfa 
Ende. und von einem unwohl 
lichen Leben erfüllt. das Zuföllii 
Notwendiges umschließt . .  (A 
Paris: Die Galerie Welz hat es 
riommen. im lnsl.tut Autrichien l 
das Spütwerk von Wilhelm Tl 
würdiger Form herauszubringe 
Ausstellung war vom 16.Juni bis 
geöffnet und umfaßte etwa 40 A 
Diese durch die Raurnverhültnii 
erlegte Beschränkung der Zahl 
zu einer besonderen Konzentrat 
Auswahl. Welz löste das Prob 
daß er auf das Frühwerk Thön 
gehend verzichtete. dafür ab 
l-lauptakzent auf die Pariser ur 
Yorker Perioden des Künstlers l: 
Der Nachlaß Thönys wird sei 
Jahren von der Witwe des K 
und von der Galerie Welz gen 
betreut. Bei den Obiekten d: 
stellung handelt es sich jedoch 
falls nur um Material aus den 
laß. auch die Albertina. die 
Galerie in Graz und die Neue 
(Wolfgang-Gurtitt-Museum) Linx 
ten wichtige Leihgoben bei. 
INTERESSANTES AUS DER KUNSTWELT 
Byzaniinilche Kunsl 7 Europäische Kunsl. 
9. Euraparals-Ausslellung, Afhen, Zappeion. 
Der Tilel der am 1. April eröffnelen Aus- 
slellung isl pragrammalisch gemeinl. es ging 
um die Darstellung der wechselseiligen Durch- 
dringung von Wesl und Osl. wobei von der 
Talsache Ausgang genommen wurde, dafl 
die bvzanlinische Kunst als Wahrerin des 
allgriechlschen Erbes bis an die Grenzen 
der Neuzeil die Tradilion der Anlike lebendig 
weilerführle und gerade hinsichlllch der 
Kunsl des Weslens eine nichl zu unfer- 
schüizende Vermilileraufgabe zu erfüllen 
halle. 
Die Masse der Exparlale enfsiammf der Zeil 
vom 9. bis zum 16. Jahrhunderl. die Gliede- 
rung erfolgle nach drei Gesichlspuriklen: 
Malerei (Miniafuren. Ikonen. Fresken). Bild- 
hauerei (Werke aus Slein, Holz und Elfen- 
bein) und Kunslgewerbe (Schmuck, Email, 
Goldschmiedearbeiien. Keramik, Sioffe. Mün- 
zen. Siegel). Teilnehmer waren die Milglied- 
slaalen des Europaraies. der Vatikan, und. 
saweii aus den Presseaussendungen hervor- 
ging. auch die USA, die UdSSR und Jugosla- 
wien. Dle palilischen Spannungen zwischen 
Griechenland und der Türkei wirklen sich 
durch sa manche Zurückziehung zugesicher- 
ien Aussfellungsgules aus. 
Zu den Haupfexpanalen " llen: Manu- 
skriple der Bibliofheque Nalianale in Paris. 
Emaile aus der Biblialeca Marciana in 
Venedig. Ikonen und Fresken aus Süd- 
ilalien. Elfenbeine aus Berlin und München. 
dem Vicioria Bi Alberl Museum und dem 
Brllish Museum. Elwa 600 Obiekle konnlen 
versammelt werden. 
Ein Werk von Michelangelo wiederenldeckl! 
Nachrichlen vorn Aufiauchen bisher un- 
bekannler Meisierwerke großer Kün ler 
gehören zum Alllagsfulier des geprüflen 
Zeifungsiesers. sie verschwinden zumeisl 
ebenso rasch in jenem Nichis. aus dem sie 
aufgelauchl sind. Die aus Leningrad Mille 
April gekommene lnformalian. in der Ere- 
milage sei eine bis dahin als Kopie nach 
Michelangelo geführle Holzslaiuellc eines 
gefessellen Sklaven als oflgihcl erkannf 
worden. kling! insaferne seriös, als es sich 
eben nichl um eine "Enldeckung" im Sinne 
eines Fundes. sondern um eine mil wissen- 
sChalllich-krilischen Melhaden durchgeführle 
Neubeslimmung handell. Ihre Aularin isf 
Prof. Dr. Malsulewilschi sie verglich das 
kleine Halzbildwerk mil den Sklaven des 
Louvre. die ja bekannllich zum Skulplurerl- 
schmuck des nie vollendelen und nur in 
hachsl rudimeniürer Farm abgeschlossenen 
52 
 
Julius-Grabmals gehörlen, Selbslverslandlich 
wurde in den Vergleich das gesamie auf das 
Grabmal bezügliche Malerial einbezogen. 
Nach Malsulewiisch isl der Leningrader 
Sklave vor den Pariser Sklaven enislanden 
und zöhll zu einem Komplex von spaler 
verworfenen Varianlerl. 
Shakespeare in der bildenden Kund. Vier- 
huriderl Jahre sind seil der Geburl Shake- 
speares vergangen und in aller weil gab 
es aus diesem Anlaf! Bühnen- und Lileralur- 
veranslallungen sonder zahl. Kein wunder. 
daß Shakespeare auch auf dem Gebiel der 
bildenden Kunsl als Slimulalor wirkle, kein 
Wunder. daß man sich dieses Aspekles 
seines Weiierlebens gerade in England mif 
besonderer Liebe und Gewissenhafligkeii 
annahm. Die vom Arls Council zusammen- 
geslellle Ausslellung beansprucht ahne Zwei- 
fel besondere Aufmerksamkeit Sie umfaßl 
im wesenllichen Werke englis her Maler von 
Hogarih (dessen zweihunde iahriger Todes- 
lag heuer begangen wird) über Blake und 
die Prüraffaelllen hinweg bis in die un- 
miilelbare Gegenwarl. Einige Lilhos von 
Delacroix aus dem Hamlef-Zyklus. zwei 
Gemälde von Chasseriau. eine Federzeich- 
nung von ldseph Anien Koch ("Macbelh 
und die Hexen". Rom 1709) und Arbeilea 
einer Reihe von in England heimisch ge- 
wordenen Kunsllern ausländischer Pro- 
venienz (Füssli. Zoffany. Pieler van Bleek, 
1. s. Sargenl) ergünzlen das Gesamlblld dieser 
Ausslellung. die durch Leihgaben englischer. 
amerikanischer. schweizerischer. holländi- 
scher und französischer Museen und Frivol- 
samrnlungen zuslande gekommen war. lm 
FJzll erweisl es sich. daß Shakespeare ähnlich 
wie Goelhe keinen einzigen wirklich kon- 
genialen lnlerprelen auf dem Gebiele der 
Malerei und Graphik gefunden halle. an- 
scheinend lüßl sich eine Kunslgallung nlchl 
in die andere Überselzen, Varzüglicher. mit 
echl englischer Akribie gearbeileler Kaialog. 
Sallburaar Residenzgalerie: Dia Welt der 
naiven Malere. Der bekannle, in Salzburg 
und München ansässige Schweizer Kunsi- 
hündier Dr. Hans Felschcrin war mii dem 
Aufirag bedachl, in der Residenzgalerie eine 
sammei-aiusslellung zusammenzusiellen. die 
einen erschöafenden Uberblick über Wesen 
und Geschichle der naiven Malerei in neuerer 
zeii geben sollte. 
Felscherins Bemühungen war ein voller 
Erfolg beschieden. es gelang ihm. wichligß 
Maierial aus Privalsammlungen in Frank- 
reich. der Schweiz und Deufschland für die 
Aussiellurlg aufzulreiben. Sa sleuerle Mme 
Jean Waller. die Wilwe von Paul Gullleaume. 
dem größien Rousseau-Sammler der Well, 
einige Schöpfungen des .,Douaniers" bei. 
Der von Felscherin besorgle und eingeleilefe 
Kalcllog enihüli eine Wlchllge Einführung 
von Jean Cassou, dem Direktor des Musee 
Naiianal d'Art Moderne in Paris, 
Naive Malerei sieh! heule maleriell wie 
ideell in hohem Kurs. mil Recht gili sie 
gerade hinsichilich der Gegenwarlskunsi als 
slilbildend. in dieser Hinsichl vergleichbar 
der Kunsl der Exoten, der frühen Perioden 
und der Hislorisch-Primiiiven. Auch dcr 
Nichlfachmann fühll sich van ihrer elemen- 
ldren Sprache beruhrf. So isl ddmil zu rech- 
nen. dafi der Ausslellung e sie isl vorn 
4. Juli bis 30. Seplember geöffnel - ein 
großer Publikumserfolg beschieden sein 
wird (siehe Abb. 13), 
 
13 
Kunxfnachrichfcn aus Dresden. Anfang Jönner 
erklangen zum ersienmcii seil zwei Jahr- 
lehnien wiederum die Porzcllanglocken des 
cdrrillans im Drßdner Zwinger. 
Die mil der lnbelriebnahme des Glocken- 
spiels als abgeschlossen zu belrachlendc 
Rekonslruklion des Zwingers hai über 
10 Millionen DM (osl) verschlungen. 
Mille Jönner wurde im Dresdner Kupfer- 
slichkabinell eine Gedenkausslellung Ernsl 
Earlachs eraffnet. Es wurden 90 Zeichnungen 
gczeigi. Eiwa zur gleichen Zeil zeigie das 
Berliner Bade-Museum eine Gedachlnls- 
aussiellung zum 100. Geburislag von Edvard 
Munch. Munch leble von 1891 bis 1909 im 
wesenllichen in Beilin und glll als 
sische große siimuididr des deulsi 
pressianisrnus In Berlin wurde i 
Jusii auch die ersic umfassende Al 
des Lebenswerkes von Munch verans 
lm Janner zeigien junge Dresdner c 
im Oberalsfer-Gvmnaslum in l 
Proben ihres Schaffens. Keiner der 
war aller als 35 Jahre. 
Im Februar zeigie die Dresdner C 
schaff bildender Kunsller eine Ai 
"Syrische Kunsl". Das Volkskundi 
zeigle eine Ausslallunq "Kinder 
das neue Dresden" 
Anfang Marz irai die Galcrie Kühl i 
Gedachlnisschau für den 1962 vers 
Maler Rudolf Oilo vor die Öffer 
Olio war Schuler van Slerl und 
im Verkaufsraum der "Union" prc 
Prof. Karl Hanusch Graphiken aus v! 
fensiahrzehnlen. zumcisl Radierunge 
Von Marz bis Mal zeigle das Kui 
kablncll 50 Blauer zcllgenösslscher 
SCJWCF Graphik und Furbllihas v 
moiaiew (UdSSR). 
Anfang April wurde in SchloB Pil 
große Ausslellung "Anlon eran [ 
Bildnisnialerei" eralfnel. Anlail v 
150. Todeslag des Kuiisilers Die Besli 
arfeniiieiien Kunsisaminlunnen wurdi 
zahlreiche Leingdben Crganzl. so 
Aussiellung den Anspruch auf Lucker 
aufsich nehmen konnlc 
Heuer begehi dlO Dresdner Akade 
bildenden Kunsie das Jubllaurn inr 
hunderlyührlgen Beslandcs. DlC Feiei 
zu Beginn des neuen Sludieniahr 
finden. Zum neuen Rckiar der A 
wurde Prof. Rudolf Bcrgander beru 
Slüülllcherl Kunsisammiungen Dres 
reifen eine dem Jubllaiirn enlspl 
Sonderaussiellung var, die einen L 
über das Schaffen der Schüler vor 
dungsiahr DIS heule geben soll. 
12 Frlfz Hunderlwasser. sinnende E 
Aquarell und Mischlcchnik, es 
sia Hunderlwasserl-l Jacobii, 
Wcrksnummcr 263 
1: Louis Vivin. Paris La vaire de 
mairl, Plane Sl-Sulplcc 
a2 x a2 crn. Kassel, Siadlische 
Sammlungen 
14 Andre Verlon, Alorrizcllalier. ' 
und Collage. 97. x so cm. Musee 
d'Ari Moderne, Paris
	        

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