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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 76)

Bis zu seinem Tode 1740 sind weitere Doku- 
mente, Zusatzverträge und Zahlungsbelege, 
erhalten. Das Hochaltarblatt mit der Felicitas- 
glorie wurde erst nach Holzers Tod durch 
Johann Georg Bergmiiller vollendet. Dieser 
quittiert am 24. August 1742 die Bezahlung 
„wegen gemaltem großen Altarblatt, St. Fe- 
licitas". Auf der Rückseite dieses Dokumentes 
findet sich die Notiz: „Diese Malerei ist zwar 
von Herrn Holzer accordirt und angefangen, 
von Herrn Bergmüller aber ausgemahlet 
worden"4. 
Leider ist das Altarblatt ebenso Wie die ge- 
samte Ausstattung der von Balthasar Neumann 
erbauten Stiftskirche von Münsterschwarzach 
verloren-i. Daß wir bei den beiden vorliegen- 
den Modellis Holzers dieses Hochaltarblatt 
vor uns haben, geht jedoch aus den Beschrei- 
bungen einer erhaltenen Druckschrift her- 
vor. 
In der „Magna Gloria . . . abbaiiae Xrbwargenrir", 
die mit einer „Srenografirß des Kircheninneren 
versehen ist, finden wir im Textanhang die 
„Alulegurgg zieren in der neuen Kirrhe {u llliirlrler- 
rrhulartgjarb um einem kunrireielyen Pemel ent- 
worfenen Figuren". Hier heißt es: „St. Felirila: 
221i! ihren Jieben filmen {u FIißWl der Trinilät." 
Zu diesem bereits von A. Hämmerleö und 
E. W. Mick7 ausführlich dargestellten Zu- 
sammenhang gibt uns die neuentdeckte Skizze 
einen besonders interessanten Einblick in den 
Schalfensvorgang. Wir müssen annehmen, daß 
an der Genesis des Augsburger Modello noch 
andere - verlorene 7 Vorstufen beteiligt 
waren. Zuerst wohl Bleistiftskizzen zum 
ersten Erfassen der Idee, dann wohl ein 
kraftvoller Bozzetto, der mit breitem Pinsel 
ohne Details die grundlegende farbige Vision 
gibtß. Das neuentdeckte Bild ist zwar in 
einzelnen Teilen bozzettohaft gemalt, in seiner 
gesamten Ausbildung jedoch schon im reiferen 
Stadium des Modello, wenn auch noch nicht 
so ausgebildet wie das Augsburger Exemplar. 
Es ist leicht zu beweisen, daß die Skizze vor 
dem Augsburger Kontraktmodello entstanden 
ist. Während das Augsburger Bild schon 
entsprechend der Rahmensilhouette ausge- 
schnitten ist, ist der wesentlich kleinere M0- 
dello aus München auf einem rechteckigen 
Keilrahmen aufgespannt, wobei die endgültige 
Silhouette im roten Grund ausgespart bleibt. 
Die Felicitas trägt noch nicht das Schwert 
mit den sieben Siegerkranzbinden. Der Engel 
mit dem Tablett, auf dem die sieben Märtyrer- 
kronen liegen, ist noch nicht erfunden. Das 
Gesicht der Heiligen ist noch herb bossiert, 
noch nicht für den Beschauer verschont, die 
Drapierung des Gewandes der Felicitas noch 
nicht so fließend wie auf dem Augsburger 
Bild. Die Gruppe der emporschwebenden 
Märtyrer ist ohne Abstand zur himmlischen 
Gruppe der Trinität mit den Engeln. Erst in 
der letzten Fassung kommt dieser Abstand 
und damit die ganze Komposition in das 
richtige Maß. Bei dem Augsburger Exemplar 
wurde schließlich noch die Trinitätsgtuppe 
gänzlich umgruppiert. Der so hinreißend 
gemalte Engel links außen auf dem Münchner 
Exemplar mit den gelb auf seidigem Gewande 
zuckenden Lichtern verschwindet völlig, an 
seine Stelle rückt Gottsohn nach außen. 
Die Komposition zeigt in ihrem Endresultat 
jenes klassische Ansteigen, das „andamenla in 
gilggagm), das schon Piazzetta in seinem be- 
rühmten Altarblatt „Die Madonna erscheint 
dem hl. Filippo Neri" in der Favakirche zu 
Venedig so großartig vorexerziert hat. Auch 
Kosmas Damian Asam, älter als Holzer und 
wohl nicht ohne Wirkung auf diesen, bediente 
sich dieses Kompositionsschemas bei manchen 
seiner Altarblätter. Auffallend verwandt mit 
Holzers Lösung ist hier Asams Hochaltarblatt 
der Kirche von Osterhofen. 
Im Gesamtprogramm der Ausstattung von 
Münsterschwarzach bildete das Hochaltarblatt 
den Höhepunkt. Zur Glorie der Fclicitas führt 
uns thematisch und architektonisch das Fresko 
der Langhausvolte mit der Marter der heiligen 
Felicitas. Die Ölskizze für dieses Fresko ist 
glücklicherweise ebenfalls erhalten 10 (Abb. 3), 
außerdem existieren zwei Fassungen des Mo- 
dellos für das Kuppelfresko der Kirche 11. 
Die Neuentdeckung zeigt ähnlich dem Mo- 
dell des Kuppelfreskos im Gegensatz zum 
signierten Kontraktmodell noch in stärkerem 
Maße den Reiz des Spontanen, der drängenden 
Phantasie, der sinnlichen Freude an der Farbe 
und des temperamentvollen Pinselstriches. 
Dabei Finden wir bei der Münchner Skizze 
besonders auffällig jene Holzer eigentümliche 
Skizzentechnik, bei der Nebenfiguren im 
rlazliiwrl nauendi einfach zeichnend mit dunkel- 
braunen Pinselstrichen auf den fonda rorm 
skizziert werden. Diese Technik mischt in 
reizvoller Weise zeichnerisch-silhouettierende 
und farbig-bossierende Vorgänge, Wobei eine 
besonders lockere und vielstufige Impression 
des Werdens entsteht. 
Die Farbskala beider Skizzen unterliegt noch 
den Gesetzen der Helldunkelmalerei. Erst all- 
mählich weicht im 18. Jahrhundert der Ein- 
iluß der tenehrari des 17. Jahrhunderts zurück. 
Bis zum Ende des vierten Drittels des 18. Jahr- 
hunderts blieb die Kunst der Altarblattmaler - 
im Gegensatz zu den Freskanten 4 vorwie- 
gend dem rlziarorrum unterworfen. Dennoch 
erweist die neuenrdeckte Ölskizze erneut 7 
so wie das gesamte XVerk Johann Evangelist 
Holzers g, daß der frühverstorbene geniale 
Tiroler der wichtigste Vorläufer war für die 
große Epoche der Malerei des deutschen 
Rokoko. 
ANMERKUNGEN 4711 
" "Allsgclnahlel" heißt hier wohl. daß Holzcrx Modelle mill- 
afiblivh auf die großr Leinwand uberlragcn wurdn". wobei 
Burgmiillcx dir: ins Gmllv ubcrlrngenc Vorzgichnung "aus- 
mnlrc". 
5 Mick ll. a. n. (7„ S. 49150. 
" Alois Hflmmcrlc, Sammelblatt des hist. Vereins Eirhslärl XXlll, 
1903 (.' 1017155). XXV, 1909 (862163). XXVI, 1912 
(am 32). 
24 
 
7 Mirk H. a. a. (7. 
m 
n 
 
' 46147. 
Das Prublun n r Bozzckti Holzcrs m noch nicht gclixsx, 
Während buixpiclswuiw bei Spicgler vorwicgexzd Dozzetli 
hckaxmt sind, aber wenige Modelle, so m umgekehrt bei 
Hulzcr der lXnzzclkn-Stil noch nicht gesichert. 
uuuunru Palucchini, m.- vcxxczianische Malerei des w. jahr- 
hundcrts, Vcncdig wen, s, es. 
Städtische Kunstsammlungcn Augsburg, lnv.-Nr. 11505. 
In den Augsburger Städtischen Kunstsammlungen und im 
(iermanischcn Nationalmusrcum in Nürnberg.
	        

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