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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 76)

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mit einer umfassenden Schau fort. die die Graphik Albrecht Dürers und seiner 
Zeitgenossen zum Gegenstand hat. Die gewissenhaft bearbeitete Ausstellung umfaßt 
rund 400 Blätter, die. als künstlerisch höchst bedeutungsvoller Querschnitt, die 
große Verbreitung der Druckgraphik in Deutschland und in den Niederlanden 
im Zeitraum von 1500 bis 1530 dokumentieren, Auf Grund des reichert Materials. 
das zur Verfügung stand. verzichtete man darauf, Werke aus dem italienischen 
und französischen Raum zu zeigen. obwohl sich auch in ihnen Einflüsse durch die 
Kunst Dürers feststellen lassen und somit eine Erweiterung gerechtfertigt gewesen 
wäre. Aber auch die Werke vieler Monogrommisten. die ohnedies in Ausstellungen 
nur selten zu sehen sind, konnten aus Platzmangel keine Aufnahme mehr finden. 
Die Ausstellung enthält durchweg Blätter allererster Qualität. Bei vielen von ihnen 
wandelt es sich um ganz frühe, besonders gut erhaltene Abdrucke oder um Unikate, 
Nie zum Beispiel Dürers um 1494 bis 1495 vermutlich während eines Straßburger 
Aufenthaltes entstandene Holzschnitte ,.Die Geißelung Christi" und die ..Kreuz- 
ragung", die unter dem Namen „Albertina-Passion" zum Begriff geworden sind. 
Jm bei Dürer Vergleichsmöglichkeiten zur Druckgraphik zu geben und um vor 
Jllem den vielen Fremden, die sich während der Sommermonate in Wien auf- 
ialten. Gelegenheit zu verschaffen. auch einmal Originale des großen Meisters zu 
uesichtigen. hat man sich entschlossen. einige der schönsten und aufschlußreichsten 
tiquarelle und Handzeichnungen Dürers ebenfalls zu zeigen. Die Chance. Blätter 
Jürers im Original aus nächster Nähe bewundern zu können, stellt selbst für jene, 
tie diese berühmten Arbeiten von früheren Ausstellungen oder von Abbildungen 
ier kennen, einen besonderen Anreiz für den Besuch der Albertina dar. 
)en meisten Antciß zur Kritik gab die in den Räumen der wiedereröffneten Secession, 
m Künstlerhaus sowie im Historischen Museum untergebrachte Ausstellung ,.Wien 
im 1900", mit der ein von der Stadt Wien unter dem Titel .,Bahnbrecher der mo- 
lernen Malerei" veranstalteter Zyklus abgeschlossen wurde. der 7 wenn auch 
eichlich spät 7 zweifellos mit einigem Erfolg für die moderne Kunst eine Lanze 
irach. 
Ait nicht geringerem Interesse als der Ausstellung selbst sah man jedoch auch der 
irstert Begegnung mit der von Architekt Ferdinand Kitt im Auftrag des Kulturamtes 
ler Stadt Wien umgebauten Secession entgegen. Die von mancherlei unergründr 
iaren. modernistischen Merkmalen behaftete Lösung Kitts, die sich als moderner 
ind praktischer Ausstellungsbau zweifellos gut bewähren wird. weicht jedoch 
0m Originalbau Olbrichs in mehreren Punkten ab und muß daher den Vorwurf, 
ine Kompromißlösung zu sein, auf sich sitzen lassen. 
o fragt man sich, warum denn der Stiegenaufgang von jenen hellgrau gestrichenen 
Allzweckgeländern" flankiert ist, wie sie auf Sportplätzen. in öffentlichen Bauten 
nd Kinos an der Tagesordnung sind. Durch die r allerdings nur als Provisorium 
edachte -- unpassende Holztüre gelangt man in den gesichtslosen Vorraum und 
iuft auch prompt an der unschönen ..Kinokasse" vorbei, die jedem früheren 
ecessionsbesucher völlig deptaciert vorkommen muß. Ganz und gar unverständlich 
nd nur als provinziellenßchmäh" zu klassifizieren sind hingegen die quadratischen 
taltegriffe zweier Türen, für die das Ars-sacrum-Zeichen Gustav Klimts herhalten 
iußte. Wenn auch dies alles nur kleinere Bausünden sind, so scheinen sie doch 
ir den gesamten. höchst problematischen Umbau symptomatisch. Der universell 
ÜCKBLICK AUF BEMERKENSWERTE AUSSTELLUNGEN IN KLEINEREN WIENER GALERIEN 
Positive Anzeichen einer günstigen Weiterentwicklung ließen sich allenthalben feststellen, 
ler diu Entwicklung des Wiener Ausstellungswesens während der letzten Jahre genau verfolgt 
lt wird nicht nur feststellen kennen. dan (Einige kleinere Galerien neu eröffnet wurden. 
irtdern daß auch die vsin den verschiedensten Seiten ausgehenden Bestrebungen. das Pdbiikdrn 
starkerem Maße an die moderne Kunst hcranzufuhren, nun endlich eine gewisse Brettenr 
irkung erreicht haben. 
tlbstverständltch WÖVE nichts verfehlter. dis diese gelegentlichen Anfartgsorfolge 1d uber- 
hdtzert dnd 1d meinen, nun Wien VOm ProvirtzidltimuS adi dem Gebiet der bildenden Kunst 
in1 freisprechen 1d können. Doch es bleibt 1d hDffEn. daß diese günstig angelauferie Entwick- 
ng e adt einigte erfreuliche Beispiele aus allerletzter ZEH wird an dieser Stelle kdr1 ein- 
Egürtgen - GIJCh weiterhin anhalten Wifd. 
s sehr erfolgreich erwies sich in den vergangenen Monaten die Äusstellurtgslöttgkeit des 
in lnge ZimrnEr-Lehmann geleiteten internationalen Künstlerclubs im Palais Palffy, Gemessen 
i der kurzen Zeit ihres Bestehens konnte Sich diese in drei gernutlich eingerichteten Räumen 
ttergebrachle Galerie bereits einen recht guten Namen machen. pid Ausstellungen von 
sef Bultlrtger (sehr bewegte, formal durchweg bewaltigte Schwarz-Wetß-Monatypten nebst 
nigdn Olbildern) und Peter Palffv (in erster Linie gdnsiisn die kleinen. farbenprachtigen 
Duücften. in denen Sich gelegentlich Anklänge an das Schaffen Paul kidds finden), die in 
Jsarnmenarbeit mit der Firma Pniiips zustande gekommene Schau "Klang irri Bild" sowie 
e Adssidiidng von 34 Illustrationen des Btennale-Pretstragers Robert Rauschenberg 1d DGFttES 
lerttO haben die PoSillan dieses Clubs ini Wiener Kunstleben vorteilhaft bestimmt. 
eniger hinsichtlich der künstlerischen oudiiiai ais vielmehr auf Grund beisptelgebertden 
üzenalenturrts des beteiligten lndustriekonzerns kain der iur Musikliebhaber wie für Freunde 
ldender Kunst gleichermaßen interessanten und aufschlußretchen Ausstellung ..Ktang iin 
ld" Aufmerksamkeit ZU. Die Kollektion diniditid Insgesamt 18 Gemälde europäischer Kunstler. 
e jeweils in Beziehung zu einem vom Maler selbst gewahlten Musikstück entstanden sind. 
Tl das Publikum intensiv an dieser Konfrontation teilnehmen zu lassen und um ihm auch die 
tsprechenden Vergleichsmöglichkeiten zu geben. konnten Bandaufnahmen der von J. S. Bach 
s zur Elektronenmusik reichenden Kompositionen aehort werden. Neben gegenständlichen, 
eist expressionistischen Arbeiten fanden sich ungefähr gleich viele abstrakte Bilder. die in 
r Rlrgel wesentlich kongertialere LOSUhgSrriOqlIChkeiten darstellten, 
 
verwendbare große untere lnnenraum. der vermutlich in Zukunft besser zur 
Geltung kommen wird als bei dieser zu eng gehängten Eröffnungsausstellung, 
scheint jedoch eine unter Berücksichtigung des nun einmal notwendigen und 
verständlichen Kompromisses akzeptable, den technischen Erfordernissen eines 
modernen Ausstellungsgebäudes Rechnung tragende Lösungsmöglichkeit zu sein. 
Daß sich dennoch über die, man möchte sagen, zur ..Eingeweideschau" einladende 
Rasterdecke. über die Heizkörper und noch manch anderes Detail diskutieren 
läßt, ist selbstverständlich. 
Nichtsdestoweniger tröstete die rund neunhundert Objekte umfassende aufschlufl- 
reiche Ausstellung über diese Ungereimtheiten hinweg. lm Mittelpunkt der Ausr 
stellung in der Secession standen 27 Werke Gustav Klimts, darunter das bekannte 
Bildnis von Margaret Stonborough-Wittgenstein. der berühmte ,.KuB" von 1908 
sowie zwei Bilder mit Motiven vom Attersee, Ebenso wie diese Arbeiten Rang und 
Bedeutung Klimts erkennen ließen, bekundeten erstrangige Malereien Schieles 
und Kokaschkas deren überragende Stellung in der österreichischen Malerei 
des 20, Jahrhunderts. Richard Gerstl. Kolo Moser. Carl Moll, Max Kurzweil. 
Wilhelm Bernatzik, der durch die französischen Pointillisten beeintlußte Franz 
Jaschke und Ferdinand Andri waren durchweg mit guten und typischen Arbeiten 
vertreten. Auf den aus sieben großen Formaten bestehenden. Platz stehlenden 
„Sommernachtstraum" von Friedrich König. der künstlerisch bedeutungslos ist. 
hätte man allerdings verzichten können. 
Die gruppenweise. auf vergleichende Zusammenhänge keineswegs bedachte 
Hängung an Stellwänden konnte ebenfalls nicht sehr beeindrucken. Das galt 
leider auch für die in unansehnlichen Rahmen vorgenommene Präsentation der 
zu einem Großteil aus der Graphischen Sammlung Atbertina stammenden Zeich- 
nungen und Aquarelle im Künstlerhaus, Ein ähnlich gleichförmiges Nebeneinander- 
hängen ist von moderner Ausstellungspraxis meilenweit entfernt und müßte sich 
in Zukunft bei derart wichtigen Ausstellungen vermeiden lassen. Die schönen. 
zum Teil nur wenig bekannten Blätter Klimts, Schieles, Kokoschkas. Gerstls. Laskes. 
Kolo Mosers. Adolf Boehms und nach manch anderer entsch' igten jedoch für 
die lieblose Hängung. 
ln der ebenfalls im Künstlerhaus untergebrachten Kunstgewerbeabteilung illu- 
strierten Wohnungseinrichtungen, Möbel. Bestecke, Schmuck und Stoffe den 
Wohn- und Lebensstil jener Aufbruchszeit, der aus dem Zusammenwirken ver- 
schiedenster schöpferischer Kräfte entstanden ist. Klimts Entwurffür den Mosaikfries 
des Palais Stoclet in Brüssel stellte in diesem Teil der Ausstellung eine besondere 
Kostbarkeit dar, 
Im Historischen Museum begegnete man schließlich der Druckgraphik. der für 
den Anbruch dieses Jahrhunderts wichtigen Plakatkunst, künstlerisch ausgestatteten 
bibliophilen Büchern, Buchumschlägen, diversen Illustrationen. Theaterzetteln und 
anderen kleinen graphischen Dingen, die sich bei näherem Studium als überaus 
unterrichtende Zeitdokumente erwiesen. 
 
Peter Baum 
Vortragekreuz. LHHOQES. Bartholomaberg-Pfarrkirche (Romanikausstellung. Krems) 
Katharinenaltar aus der Pfarrktrche Van Kuffern. 1520 (Ausstellung iin Stift Herzogerlbufg) 
Egon Schiele. Frauenporträt. 1909. Prlvatbesttz (Ausstellung. widn uni 1900 SGCESSiOH) 
Seebad orddd. Plakat aus dem Jahre 1906 von J. M Auchertthaller (Ausstellung, Wien 
um t900 HiStOrlSCheS Museum der Stadt Wien) 
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Eine echte Sensation für das Wiener Ausstellungsleben bedeuteten un1waitaliiatt Rauschenbergs 
Dante-Illustrationen. und zwar unabhangig davon, wie man das Werk auch im Einzelfall 
beurteilen mag, Zugleich war diese Ausstellung. die in Zusammenarbeit mit dem New Yorker 
Museum of Modern Art und der Graphischen Sammlung Albertina zustande kam. aber auch 
Anfang und Testfall eines vielversprechenden, begrüßenswerten Projektes. das tatsächlich 
in der Lage sein könnte, Wien dem internationalen Ausstellungsstandard stärker anzupassen. 
Gemeinsam mit dem Internationalen Künstlerclub beabsichtigt Dr. Walter Koschatzky, der 
Direktor der Albertina, auch weiterhin diesbezügliche Schriltmacherdienste zu leisten. Auch 
das Bundesministerium für Unterricht hat finanzielle Unterstützung zugesagt. sollte sich das 
Publikum einigermaßen interessiert zeigen, 
Rauschenbergs Folge von 34 nicht zuletzt auch vom Technischen her bemerkenswerten Blattern 
(der Künstler prapariert nämlich gewisse Teile des Bildes mit Lösungsmitteln für Drucker- 
Schwärze e Terpentin bzw. Benzin e und legt ddradt lllustrierten- und zdiiungsphdids; 
solange die Flache feucht bleibt. wird der jeweils benötigte Bildausschnitt durch Reiben mit 
einem entsprechenden Gegenstand auf das Papier gebracht) entstand während achtzehn- 
monatiger intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema. 
Rauschenberg transpotiierte den gewaltigen Stoff der Dichtung ins Heute, in die Realilat der 
Gegenwart. deren Symptomen man adt Schritt und Tritt begegnet. Daß Rauschenberg einen 
Weg einschlug. der im Vergleich zur Große des Stoffes akzeptabel erscheint und dabei weder 
ins Theatralisch-Erzählerische abglitt noch auch durch zu weitgehende Abstraktion den 
Zusammenhang zum Thema vollig verlor. ist das Bedeutungsvolle an seiner Arbeit, Daß er 
sich dabei eines reichen. zum Teil neuartigen und eigenwilligen Vokabular: bediente. das 
Sensibilität und Einfallsreichtum beweist, spricht nicht minder für ihn. 
Rauschenbergs Dante-lllustrationen stehen jedenfalls in krassem Gegensatz 1d vielen seiner 
großformatigen, kräftigen Malereien, die seinen Ruhm als einen der wlchllgälatt Vertreter 
der Pop-Art begrundet haben. Nichts wäre ungerechter. als diese zuruckhaltenden. lange 
Betrachtung erfordcrnden Blätter ZU Dantes Dichtung 1d unterschätzen. doch genauso falsch 
scheint es dem Rezensenten. die zwar aufsehenerregenden (in London zahlte die Ausstellung 
rund 50000 ßesucherl). in künstlerischer HtftSlCttt iddadh keineswegs überragenden Arbeiten. 
die QEFYIESSEFI ani Besten der internationalen Avantgarde lediglich Durchschnitt repräsentieren. 
überzubewerlen. was litltht geschehen kann, wenn man Rauschenberg ZU einem Genie 
Stempeln wiii. das er (tllttt isi. 
Die Entdeckung eines sehr eigenstandigeri österreichischen Künstlers gelang der Kleinen 
Galerie. Neudeggergasse s. die Bilder des 1929 geborenen Linzers Siegfried Strasser vorstellte. 
Strassers rnii Ausdauer. Fleiß und handwerklichem Kannen in einer viele Elemente der Collage 
enthaltenden Mischlechnik (vorwiegend Kuristharzdispersiorten) hergestellten Arbeiten stellen 
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