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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 77)

15 Ikone des heiligen Eleutherios. auf Holz gbtnall, Teil einer Ture der Kirche der heiligen Maria Chrysallinutissa aus 
Leukosia. Zypem. Gnerhisch, 2. Hälfte 14. Jahrhundert (Zlläxßäi cm). Leukosia, Schatz des Erzhischofs von Zypern. 
(Byzantinische Kunst, Nr. 341) 
waren das ganze Mittelalter hindurch, trotz 
Kirchenstreit, sehr mannigfaltige. Abgesehen 
von der gleichartigen Situation in Ost und 
West am Beginn der Entwicklung im 6. und 
7. Jahrhundert, der Zeit, in der die Kunst 
Ravennas blühte, gab es starke Verbindungen 
in der karolingischen und ottonischen Kunst, 
der Kunst des 12. Jahrhunderts und in ltalien 
im 13. und 14. Jahrhundert. Die XVirkung 
byzantinischer Kunst auf die des Westens 
war in diesen Zeiten an verschiedenen Stellen 
Europas eine sehr intensive. Dazu kommt die 
Nachfolge, die die Kunst Konstantinopels in 
den {östlichen Ländern Europas f stellenweise 
bis auf heute - fand und findet. Diese Kunst- 
entfaltung, die in ihrem Zentrum rund 
IOOO Jahre umfaßt und in den Ausstrahlungs- 
gebieten noch bedeutend mehr Zeit in An- 
spruch nimmt, galt es nun in der Athener 
Ausstellung zu zeigen. Sicherlich bildete dabei 
die Verstreutheit der Objekte eine große 
Schwierigkeit. Der weitgehenden Zerstörung 
der wichtigsten Plätze byzantinischer Kunst- 
entfaltung vom 15. bis zum 18. Jahrhundert 
ist es zuzuschreiben, daß monumentale Kunst 
in Stein verhältnismäßig wenig existiert und 
daher das meiste sich auf Kleinkunst be- 
schränkt, deren Objekte auf alle Länder der 
VUelt verteilt sind. Dem Bestreben, alles Wich- 
tige davon zusammenzubringen, stellten sich 
beträchtliche Hindernisse in den Weg, und man 
soll darum einer Ausstellungsleitung nicht den 
Vorwurf machen, daß die Auswahl manchmal 
den Charakter des Zufälligen erhält. S0 war 
hier zum Beispiel der durch die traurigen 
politischen Verhältnisse bedingte Ausfall der 
türkischen Leihgaben wie auch die verhältnis- 
mäßig geringe Beteiligung der amerikanischen 
Sammlungen empfindlich zu spüren. Stein- 
arbeiten und Mosaiken waren aus ausstellungs- 
technischen Gründen auch nur gering ver- 
treten; ein Mangel, über den die ausgestellten 
Mosaikkopien auch nicht hinweghelfen konn- 
ten. Trotzdem ist es gelungen, auf weite 
Strecken eine großartige Übersicht zu geben. 
Das betriEt vor allem die zwei Kunstgebiete 
Elfenbein und Buchmalerei. Ohne Zweifel 
haben die Elfenbeintafeln, deren unmittelbare 
Tradition der Spätantike entstammt, für die 
byzantinische Kunst eine ganz hervorragende 
Bedeutung. Diese Arbeiten waren auf der 
Ausstellung in Athen nicht nur als Einzel- 
stücke von höchsterQualität vertreten, sondern 
sie konnten auch in der Zusammenstellung von 
8 
72 crstrangigen Exemplaren dieses Gebiet in 
seiner vollen Bedeutung repräsentieren. Die 
ausgestellten Stücke entstammten dem S. bis 
12. Jahrhundert, also der wichtigsten Zeit des 
byzantinischen Reiches, und klar zeichnete sich 
unter ihnen der strenge lineare Stil der byzan- 
tinischen Hofkunst ab. Gerade die Zusammen- 
stellung dieser Tafeln brachte ein wesentliches 
Ergebnis der ganzen Ausstellung. Ähnlich war 
es mit den über 100 Handschriften, deren 
Bilder viel Vergleichsmöglichkeiten mit den 
Elfenbeinarbeiten möglich machten und im 
einzelnen in den meisten Fällen zu dem Besten 
gehörten, was byzantinische Kunst zu bieten 
hat. Das Bild der hauptstädtischen Hofkunst 
konnte weiter durch wenige, aber sehr gute 
Beispiele des Emails und eine Reihe prächtiger 
Goldschmiedearbeiten ergänzt werden. Freilich 
gab es daneben auch eine Reihe von provin- 
ziellen Arbeiten. Vor allem unter den etwas 
zu zahlreich vertretenen Ikonen, die im 
einzelnen nicht annähernd so wirksam waren, 
die aber doch für die Ausstrahlung dieser 
Kunst auf den Athos und nach dem Norden 
von großer Wichtigkeit sind. Gerade aber 
durch die ausgestellten lkonen entstand eine 
gewisse Verzerrung, da alle wesentlich später 
waren als die Elfenbeinarbeiten, die Buch- 
rnalerei und die Werke der Goldschmiedekunst 
und dabei eine andere künstlerische Situation 
zeigten als die Hauptstücke der Ausstellung. 
Große Mühe wurde mit Erfolg für die Auf- 
stellung der Objekte verwendet. Das Unter- 
nehmen, die mehr als IOOOjährige Kunst des 
oströmischen Reiches in einer Ausstellung zu 
zeigen, ist ein äußerst schwieriges; und wenn 
auch gerade auf dem Gebiet der lkonen- 
malerei die Ausstellung nicht voll befriedigte, 
so ist doch das Ergebnis in jeder Weise ein 
sehr bedeutendes, denn die große Qualität 
und der hohe künstlerische Wert der kostbaren 
Arbeiten Konstantinopels auf dem Gebiet der 
Kleinkunst und Buchmalerei im llochmittel- 
alter zeigten deutlich ihren entscheidenden 
Beitrag zur Kunst Europas, und so reihte 
sich die Ausstellung von Athen wiiirdig an 
alle bisherigen, die der Europarat veranstaltet 
hatte, an. 
XVer Gelegenheit hatte, beide Ausstellungen 
zu sehen, kann sich nun ein klares Bild des 
so entscheidenden Überganges von der Antike 
zum Mittelalter und damit der Grundlagen 
der christlichen Kunst des Abendlandes 
machen.
	        

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