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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 77)

XUGUSTIN TSCHINKEL 
Tobenbeim, Holbein und Hallar 
XUGUSTIN TSCHINKEL 
Tobenbeim, Holbeizz und Hallar 
XNMERKUN GEN 
1 m11 31m1: Echte und lmCChlC Paracelsus-Bildnisse. Referat- 
blätter, Paracelsus-Museum Stuttgart 19.12. s. 2. 
2 Km Bitrel: 1111.- Basler Lcktur des Thcophrast. Nova Acta 
Paracclsica, Basel 1945, s. 23. 
1 Karl Sudho Th. von Hohenheim ini Jahr: 152a. am 
Paracelsica, München 11130. 1932. s. 621. 
4 J. Strebel: Glossen zu einem ncugcfundenen Prima: 11011911. 
heims und zu den Hollar-Slichcn. Nova Acta Pararelsira, 
Basel 1947. s. 122m 
S Fraucis c. Springcll: (ionnoisscur 8c Diplomat. Tllß 12m of 
Aninaers Embasy I0 Germany in 1636 . .. wilh a (alalügllc 
of lllC tupogra hicnl dlawlnßs madt OH lhC joumey by 
Wcnccslaux 110111. London 1063. 
1 Johannes Urild . Wcnccslaus 11111111. Wien-Leipzig 1936, 
7 Engen 00m1: Vaclav 11111111. P1111; 1924. s. 97 beschreibt 
Dostäl eine ausnahmsweise Abweichung in der Zeichnung. 
Hollar hat an "Fürleger 1 von Dürer in zwei Varianten, 
v 1535 und v 1536, kopi l. Wir wissen aber nicht, welche 
von beiden nach dem o1 1111. das nicht mehr existiert. und 
 
 
welche nach einer bcnils geänderten alten Kopie radiert ist; 
und somit scheide! dicses "Beispiel aus. 
1 cm Aberic: (lfilblllülll, Schädel und Abbildungen des 
mennniisiin Paracelsus, smnnig 11x91. 
1 Amsterdam 1715 und Mülllllauscn 1736. 
ln der „Kunstrundschau" vom Jahre 1941 
schrieb G. F. Hartlaub, es sei ein schönes 
Geschenk gewesen, welches der Baseler Kunst- 
forscher Paul Ganz der Öffentlichkeit gemacht 
habe, als er in seiner großen Publikation „Die 
Handzeichnungen des Hans Holbein d. J., 
Berlin 1937" die Vermutung aufstellte, daß 
die berühmte farbige Studie des jungen 
Mannes mit dem Schlapphut keinen Geringeren 
als Paracelsus darstellen müsse. 
Dieser Meinung sind auch die Autoren zahl- 
reicher Arbeiten über den Hohenheimer, und 
ihnen schließen sich alle jene an, die das 
Bildnis aus welchem Grunde immer repro- 
duzieren oder ausstellen. Manche mit Vor- 
behalt, andere von keinem Zweifel beun- 
ruhigt. 
Wenn wir fragen, Was denn Ganz dazu geführt 
habe, den Dargestellten mit dem Hoheneimer 
der kurzen Zeit zu identifizieren, da er in 
Basel seine medizinischen Vorlesungen hielt, 
so stehen wir einer völlig verfahrenen lkonu- 
graphie vom großen Arzt und Denker gegen- 
über. Karl Bittel schrieb 19421 von einem 
„Wirrwarr", und Hartlaub im eingangs er- 
wähnten Aufsatz: „Eine Förderung hat das 
Problem freilich, soviel wir sehen, bei dieser 
Gelegenheit (Paracelsus-Feiern 1941) nicht 
erfahren; ja, es sind immer wieder dieselben 
Unklarheiten unterlaufen, dieselben überlebten 
Ansichten wiederholt worden." Was aber 
steuert Hartlaub im zur Rede stehenden Fall 
bei? Erstens referiert er so, daß man glauben 
muß, erst Paul Ganz habe die Baseler Zeich- 
nung als Paracelsus-Porträt angesprochen. ln 
Wirklichkeit war es bereits 1922 die ldee des 
verdienten Altmeisters der Paracelsus-For- 
schung Karl Sudhoif; Paul Ganz bezeugt es 
in seinem Kritischen Katalog der Hand- 
zeichnungen Holbeins, daß Sudhoff der Ent- 
decker gewesen sei. Alle von Ganz angeführten 
Argumente sind von SudhoiT übernommen, 
bis auf ein einziges, das, wie peinlich, eine 
ungewollte XViclerlegung der ganzen „Ent- 
deckung" ist! Ganz sagt nämlich, die altc 
Hypothese, der Dargestellte habe der geistigen 
Führerschicht jener Zeit angehört, finde „eine 
um so stärkere Bestätigung, als das vornehme 
Äußere der Erscheinung mit den Gepflogen- 
heiten des Paracelsus übereinstimmt, der auf 
seine adelige Herkunft sehr stolz war". Ob 
stolz oder nicht, es ist das genaue Gegenteil 
von dem, was man über das Äußere des 
Hohenheimers und seine „Gepflogenheiten" 
weißl 
Zweitens stellt Hartlaub a. a. O. seine Zu- 
stimmung zum SudhofPschen Einfall prak- 
tisch ebenfalls in Frage, wenn et abschließend 
zugibt, „seinem Bildnis sieht man, solange man 
er rlirllt uarher weiß (hervorgehoben von uns), 
kaum den großen volksverbundenen Fah- 
renden . . . an . . ." 
Kritische Stimmen waren in den Wind ge- 
sprochen. So 1942 Karl Bittels lkonographie 
in den Referatblättern des Paracelsus-Museums 
Stuttgart und was er 19452 über die Baseler 
Zeichnung sagte: „XVenn der aufgewiihltc, 
streitbare 32jährige Paracelsus, der mit Gott 
und dem Teufel gerungen hat, so liebreizend 
ausgesehen haben könnte, wäre alle Physio- 
gnomik am Ende." Solche Kritik war zwar 
richtig, aber eben nur intuitiv gewonnen, und 
bis heute fehlten die handgreiflichen Beweise, 
die den schmeichelhaften Glauben - ein 
Großer von einem Großen porträtiert - zu 
erschüttern vermocht hätten. 
Um endlich auf Sudhoff zu sprechen zu kom- 
men, sei vorausgeschickt, daß er in den 
achtziger Jahren mit dem Arzt Carl Abetle, 
dem ersten systematischen Sammler von 
Paracelsus-Porträts, über ein Porträt korre- 
spondiert hatte, das er als Titelbild eines 
pseudoparacelsischen Büchleins kannte. Dieses 
war im Verlage des Andreas Luppius, Nimegen 
Anno 1684, erschienen und trägt den Titel 
„Aureoli Theophrasti Paracelsi kleine Hand- 
und Denck-Bibel, oder Einführung zu der 
geheimden Weißheit und verborgenen Warheit 
deß Geistes Gottes und unseres HErrn Jesu 
Christi etc. etc." Und in diesem Titelbild eines 
Machwerkes, an dem Paracelsus völlig un- 
schuldig ist, wollte Sudhoff 1922 plötzlich 
den Mann der Baseler Zeichnung wieder- 
erkennen! 
Wir wollen Sudhoff selbst sprechen lassen: 
„Das Gesicht dieses Stiches im Gegensinn 
stimmt völlig mit der Zeichnung Holbeins 
überein; die Stellung des Kopfes ist genau 
die gleiche in ihrem Dreiviertelprofil, der 
rechte XVangenkontur durch die Nasenspitze 
überschnitten; die Nase selbst, der Mund, das 
Kinn mit dem Grübchen, haben die gleichen 
F0rmen"3. 
Die Kopfhaltung ist überhaupt kein Argu- 
ment: es gibt zahllose Bildnisse nach diesem 
Schema. Das „Grübchen" ist eine Zufalls- 
wrirkung. Die ungekonnte Strichelei hat so- 
gar einen Autor dazu verführt, den Anflug 
eines Backenbartes herauszulesen! Schweigen 
herrscht dagegen über die Augen. Sie sind 
auf dem Baseler Bildnis leicht zugekniffen und 
unterscheiden sich durch das ganz schmale 
Oberlid völlig von denen der drei anderen, 
die übereinstimmend dicke Oberlider zeigen. 
ln diesem Zusammenhang sei daran erinnert, 
daß bei Photos in Zeitschriften es gerade die 
Augen sind, die mit einem Balken verdeckt 
werden, wenn die aufgenommenen Personen 
unkenntlich gemacht werden sollen. 
Für den Kunsthistoriker und Kunstfreund 
interessant wird es aber, wenn man erfährt, 
daß dieses Titelbild Wenzel Hollar gestochen 
haben soll. „Die Kleidung und Kopfbedek- 
kung ist", so schreibt Sudhotf a. a. O., „wie 
des Hollars Art gewesen ist, etwas geändert." 
Elwar! im 4. Band seiner Paracelsus-Ausgabe 
heißt es Seite XL: „Barett und Kleidung sind 
im Geschmack des 17. Jahrhunderts geändert", 
und in der „Münchener medizinischen Wochen- 
schrift" 1936, Nr. 2, ist von einer „Umbildung 
im Zeitgeschmack" die Rede. Dieser „Zeit- 
geschmack" hat Eindruck gemacht, und wir 
linden ihn bei Ganz, Hartlaub und Strebel4 
weitergereicht, den Tatbestand glatt ver- 
leugnend, denn der Mann auf dem Titelblatt 
hat eine Kleidung des frühen 16. Jahrhunderts 
an, keinesfalls eine solche, wie sie vierzig 
Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg ge- 
tragen wurde. 
Muß ein Nichtkenner auf Grund der Be- 
hauptungen von Sudhoff und seiner Partei- 
gänger nicht zu der Vorstellung gelangen, 
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